ZEIT ONLINE: Heute beginnt die Dritte Liga, die "Bundesliga des Ostens". Ist das eine besondere Saison für den ostdeutschen Fußballfan?

Robert Pohl: Ja!

Christian Hartung: Ja!

Mirko Saremba: Ja! Das wird groß.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Stimmung in Dresden, Magdeburg und Rostock?

Pohl: Dresden ist euphorisch. Neuer Trainer, verstärkte Mannschaft, das Ziel heißt Aufstieg. Und dann die vielen Spiele gegen die anderen aus dem Osten.

Hartung: In Magdeburg können es alle kaum erwarten, obwohl keiner weiß, wohin die Reise geht. Wir sind neu. Der Kapitän von Erfurt hat mehr Drittliga-Spiele bestritten als unsere gesamte Mannschaft.

Saremba: Rostock wünscht sich eine ruhigere Saison als die vorige, da wären wir beinahe abgestiegen.

ZEIT ONLINE: Macht es sich der Fußball-Osten im Unterunterhaus nicht schon zu gemütlich?

Saremba: Als jemand, der in der DDR groß wurde, freue ich mich erst mal sehr. Ich will aber in die Jubelarie nicht ohne Bedenken einstimmen. So schön es jetzt auch ist – für mich wäre erst alles in Ordnung, wenn alles eine Liga höher stattfinden würde. Da gehört Rostock hin, die anderen auch.

Hartung: Zwei Ligen höher, das wäre die Wucht! Die Dritte Liga ist eh eine undankbare. Die Kosten sind fast so hoch wie in der Zweiten, man nimmt aber viel weniger ein.

Pohl: Ich halte die Gegenrede. Blendet man die Unwirtschaftlichkeit aus, ist für jeden Fußballfan diese Liga ein Paradies. Gut, dass Magdeburg da ist. Gut auch, dass wir Aue nach unten bekommen haben. Acht ostdeutsche Traditionsvereine sind die Wucht. Okay, die Amateure der Bundesligaclubs sind unschön und das spielerische Niveau nicht das beste, aber die Dritte Liga ist noch etwas bodenständiger als der Rest weiter oben.

Saremba: Da will ich gleich ergänzen: Wie viele andere Rostocker freue auch ich mich sehr über Magdeburgs Aufstieg. Dorthin werden noch mehr von uns reisen als sonst ohnehin.

ZEIT ONLINE: Wie kommen dieses Willkommensgrüße aus Dresden und Rostock in Magdeburg an?

Hartung: Schön, herzlich. Die Glückwünsche kommen aus allen Richtungen, selbst aus dem südlichen Sachsen-Anhalt.

ZEIT ONLINE: Als Wessi muss ich nachfragen: Ist Halle gemeint?

Hartung: Genau.

ZEIT ONLINE: Magdeburg ist die einzige deutsche Stadt – neben Hamburg –, die im Hand- und Fußball den Europapokal gewonnen hat. Im Fußball liegt das aber 41 Jahre zurück, nach der Wiedervereinigung ging es steil bergab. Welchen Zuschnitt hat die Fanszene?

Hartung: Es hat einen Wandel gegeben. Die sportlichen Misserfolge in den vergangenen 25 Jahren haben dazu geführt, dass viele Alte, die die guten Siebziger und Achtziger miterlebten, das Interesse verloren haben. Doch durch den Aufstieg kann es sein, dass die nun zurückkommen. Hoffentlich messen die nicht alles am Europapokalsieg von 74. Der gibt uns Fans noch immer Identität.

ZEIT ONLINE: Sie sind 28 Jahre jung.

Hartung: Wir sind Tradition. Den großen Namen haben wir uns damals erarbeitet und ihm wollen wir wieder gerecht werden.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen die Fans in Rostock?

Saremba: Eine zu große. Ihr häufiges Fehlverhalten kostet. Das tut einem Verein, der nur dank Bürgschaften durch Stadt und Land die Insolvenz vermeiden konnte, sehr weh. Auch was die Fans betrifft, hoffe ich auf eine ruhigere Saison.

ZEIT ONLINE: In Rostock reden die Fans in die Vereinspolitik rein, nehmen Einfluss auf Personal- und andere Entscheidungen. Wird die Hansa-Kogge gekapert?

Saremba: Diese Angst ist berechtigt. Ohne die Subtras, wie die aktive Szene heißt, geht nicht mehr viel. Über den neuen Investor Rolf Elgeti hat Hansa zuerst die Subtras informiert. Dann erst die anderen 10.000 Mitglieder. Das zeigt, wie wichtig und mächtig unsere Fans sind. Keine gute Entwicklung.

ZEIT ONLINE: Zwischen Rostockern und Dresdnern hat es zuletzt einige Male gekracht. Wie verlaufen die Rivalitäten und Konflikte in der ostdeutschen Fanszene?

Pohl: Dynamo hat mit Ausnahme von Zwickau keine freundschaftlichen Kontakte mit anderen Ostvereinen. Es gibt niemanden, der sich nicht auf die vielen reizvollen Duelle freut, außer vielleicht die Polizei. Die SGD trifft auf gute alte Bekannte, fehlt eigentlich nur noch der BFC Dynamo. Die Spiele gegen Rostock haben immer Brisanz, auch gegen Magdeburg wird es spannend, weil wir lange nicht mehr gegeneinander gespielt haben.

ZEIT ONLINE: Alle 56 Derbys zwischen den acht Vereinen stehen unter besonderer Beobachtung des DFB.

Pohl: Da gibt es viele Vorbehalte. Ich weiß nicht, ob die alle berechtigt sind. Wäre jedenfalls wichtig, wenn wir sie widerlegen könnten. Auch für die Zukunft der Fankultur und -rechte. 

Saremba: Wie ich lese, soll auch Osnabrück gegen Münster vielleicht ohne Gästefans ausgetragen werden. Wir im Osten sind mit diesem Problem nicht alleine.

ZEIT ONLINE: Der Spitzenfußball wird immer kommerzieller. Bayern turnt in China rum, die Engländer blättern Abermillionen für Durchschnittsfußballer hin, Berater und Manager halten die Hand auf. Ist das auch ein Thema in Dresden?

Pohl: Definitiv. Gliedert man die Profis aus, holt man sich Investoren rein? Darüber reden wir in Dresden häufig. Für uns ist es utopisch, mit Vereinen wie Bayern, Dortmund oder Leipzig mithalten zu wollen. Ich beobachte vieles mit Skepsis, etwa den Einfluss von Volkswagen, der jeden zweiten Verein sponsert. Martin Winterkorn ist VW-Chef und gleichzeitig im Bayern-Aufsichtsrat. Diese Verflechtungen gefährden den Fußball, die Seifenblase kann irgendwann platzen. Für Darmstadt habe ich mich übrigens sehr gefreut. Aus wenig viel machen – darin erkennen wir uns wieder.

Hartung: Ich sehe die Entwicklungen im Profifußball auch sehr, sehr kritisch. Manchmal hat man den Eindruck, dass Vorstände aus Dax-Konzernen über Transfers entscheiden. Bayern München und Ingolstadt haben dieselben Besitzer. Red Bull schiebt Spieler hin und her. Und die Anstoßzeiten werden immer Fan-unfreundlicher. Bald haben wir englische Verhältnisse, dann spielen wir samstags um elf. Oder was weiß ich, was für Schoten die sich noch einfallen lassen.

Saremba: Für Romantiker sind es schwierige Zeiten. Ich kenne viele Rostocker, denen das alles zu weit geht. Andererseits, die ganze Welt funktioniert nun mal so. Jeder ist sich selbst der Nächste. Du brauchst Ellenbogen und Geld, wie etwa in Leipzig. Der Fußball ist keine Insel, im Stadion ist die Welt nicht heil.

ZEIT ONLINE: RB Leipzig ist ein Thema für die Ostfans. Man könnte den Verein doch gut finden, weil er eine strukturschwache Region fördert, einen Fußballstandort in die Bundesliga führt, auch viel Geld in die Jugend steckt. Was ist schlecht an RB Leipzig?

Hartung: RB hat sich vor acht Jahren einfach in den Wettbewerb eingekauft und künstlich einen Scheinverein gezüchtet. Das ist nicht schön. In unserem Traditionsverein hat jedes Mitglied eine Stimme. Wir hatten vor Jahren selbst das Angebot eines großen Geldgebers. Das haben wir abgelehnt. Was uns auch das Leben schwer macht: Jugendspieler verschwinden, die Herrschaften zieht's mit 13 Jahren nach Leipzig. Mir wäre es lieber, wenn Lok Leipzig oder BSG Chemie wieder kämen. Auch wenn ich weiß, dass das so schnell nicht passieren wird.

Pohl: Lok und Chemie haben es aber selbst versäumt. Schlechtes Management. In Dresden wird es keinen geben, der das Projekt Red Bull gut findet. Wir werden gegen die hoffentlich nie spielen. RB Leipzig ist vor allem deswegen kritisch zu sehen, weil ein österreichischer Milliardär über den Fußball sein Produkt verkaufen will. Das widerspricht dem fairen Wettbewerb und der Grundidee des Sports.

Hartung: RB ist kein Fußball-, sondern ein Eventverein. Der FC Bayern München des Ostens. Ich kenne viele Leipziger. Dort geht man nicht zum Fußball, man geht zur Show. Wobei man sagen muss, dass der Verein das clever macht, etwa immer Tausende Freikarten verteilt.

Saremba: Was mich ärgert: Der DFB sollte den Leipzigern den Riegel vorschieben. Regeln sind für alle da. Als RB das Logo änderte und damit durchkam, war das absurd. Mateschitz hat den DFB am Nasenring durch die Manege geführt. Ich sag mir aber auch immer: Das ist der Lauf der Dinge. Du wirst es nicht verhindern, dass sie anderen den Platz wegnehmen. Das ist zwar verzerrter Wettbewerb, aber Leipzig wird so schnell aus der Bundesliga nicht mehr absteigen. Leider.

ZEIT ONLINE: Die Ostliga hat eine politische Komponente. Wir sind zwar seit einem Vierteljahrhundert ein Land, aber auch die neuesten Studien belegen Unterschiede zwischen Ost und West. Etwa was das Einkommen betrifft, das Alter oder Mentalitäten. Gibt es eine ostdeutsche Identität? Auch im Fußball? Geht's da krawalliger und rauer zu? Gibt's mehr Nazis?

Pohl: Unterschiede braucht man nicht leugnen und die neue Ost-Liga wird die Diskussionen verstärken. Die Unterschiede haben gesellschaftliche und historische Ursachen. In Dresden besonders. Hier fühlen sich viele schnell benachteiligt, etwa durch den Verband. Eine eigene DDR-Liga war schon immer mal als Schnapsidee unterwegs. Ich teile das nicht. Aber wenn es für Dynamo in den Westen geht, wird das oft auch symbolisch gezeigt. Die DDR-Fahne hängt ab und zu am Zaun.

Saremba: Wenn wir einen schlechten Schiri haben – sagen wir mal aus Hamburg – haben wir im Stadion sofort eine Ost-West-Debatte. Selbst wenn wir gegen einen anderen Ostclub spielen. Wir sollten alle weg von der Ossi-Opfer-Mentalität. Doch bei allem, was man an unseren Fans kritisieren muss – die politische Gesinnung spielt im Stadion keine Rolle mehr. Einen NPD-Politiker haben sie sogar mal aus dem Block geschmissen. Manchmal sind sie gar zur Selbstironie fähig. Auf einem Plakat stand: "Arbeitslos, wo andere Urlaub machen".

Hartung: Ich beobachte die Magdeburger Szene seit 18 Jahren. Ob es Ost-West-Debatten geben wird, kann ich nicht einschätzen. Wir hatten seit Jahren keine Westkontakte im Fußball.

ZEIT ONLINE: Der FCM hat mal die Bayern aus dem Pokal gehauen.

Hartung: Ist lange her. Das Aufstiegsspiel in Offenbach war eine Ausnahme. Dorthin sind wir als stolzer Ostverein gereist. Und haben das auch alle spüren lassen. Im Westen ist das Phänomen aber ausgeprägter, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Dort singt man die Schmähgesänge auf die Ossis besonders laut, das wirkt nicht gerade selbstbewusst.

ZEIT ONLINE: Wer steigt auf?

Saremba: Ich hoffe auf Dresden. Ich mag die Sachsen, ich kenne sie ja auch von unseren Stränden. Wehen-Wiesbaden hat auch gute Karten.

Pohl: Kein Wessi-Verein, bitte! Spaß beiseite, Dynamo ist Favorit, dem können wir nicht ausweichen. Hauptsache, es wird spannend und emotional. Ich hoffe auch, dass jegliche Vorurteile über den Ostfan widerlegt werden. Und dass die Fans diese Saison als Chance begreifen. Im Osten rockt der Fußball.

Hartung: Ich wünsche mir, dass Ostclubs in der Tabelle eine große Rolle spielen. Dresden und Chemnitz sollen aufsteigen. Und die anderen kommen dann nach. Vor allem will ich geilen Fußball sehen. Ich freue mich auf Rostock, Cottbus, Erfurt, sogar Aue, sogar Halle.

Korrekturhinweis:  In einer Frage in diesem Interview war ursprünglich irrtümlich behauptet worden, nur Magdeburg habe im Hand- und Fußball den Europapokal gewonnen hat. Das stimmt nicht, Hamburg tat das auch. Wir haben das in der Frage ergänzt. Die Redaktion