Wer denkt im Moment an Wintersport? Das Internationale Olympische Komitee (IOC). Am heutigen Freitag kürt es in Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malaysia, den Gastgeber der Olympischen Winterspiele 2022. Zur Auswahl stehen erstmals nur zwei Städte, die zudem beide, geografisch benachbart, in der nichtolympischen Disziplin Demokratie keine Medaillenfavoriten sind: Peking in China und Almaty in Kasachstan.

"Das wird Diskussionen geben", sagte der IOC-Präsident Thomas Bach mit vorausschauender Genervtheit über Menschenrechtsfragen. China erlebt unter Xi Jinping eine kleine Renaissance des maoesken Führerkults. Kasachstan, autokratisch geführt von Nursultan Nasarbajew, schränkt die Rechte der Opposition und die Meinungsfreiheit stark ein. Das Auswärtige Amt geht zudem davon aus, dass in Gefängnissen dort gefoltert wird.

Beide Bewerber versprechen natürlich hoch und heilig, dass es keine Zwischenfälle geben werde, und sprachen sogenannte Garantien aus. Und Bach sagte ohnehin: "Egal, welcher Kandidat gewinnt: Wir werden exzellente Winterspiele 2022 haben." Eine der ersten Amtshandlungen Bachs war es übrigens, Xi Jinping den Olympischen Orden umzuhängen.

Falls Peking gewinnt, wäre es die erste Stadt, die Sommer- und Winterspiele veranstaltet haben wird. In Chinas Hauptstadt soll zwar die Hälfte der für die Sommerspiele 2008 errichteten Sportbauten genutzt werden. Ordentlich investiert werden muss jedoch für die Schneewettbewerbe. In Peking fällt eigentlich nie welcher.



Die Anlagen für die alpinen Wettkämpfe im Yanqing existieren noch nicht. Und Zhangjiakou, wo Biathlon oder die Snowboard-Wettbewerbe geplant sind, liegt 190 Kilometer von Peking entfernt. Um beide Orte zu erreichen, soll eine milliardenteure Schnellbahnstrecke gebaut werden. Die Fahrt nach Zhangjiakou soll dann nur noch gut eine Stunde dauern. 



China verspricht saubere Luft

Luftverschmutzung, ein in China allgegenwärtiges Problem, soll 2022 auf Befehl der Führung der Kommunistischen Partei keines mehr sein. "Wir versprechen einen blauen Himmel und weiße Wolken", sagte Xu Jicheng, der Sprecher der Pekinger Bewerbung. Außerdem wären olympische Wettbewerbe auf Kunstschnee nicht neu, "so etwas passiert manchmal bei Winterspielen". 



Almaty hingegen plant ein Low-Budget-Olympia der kurzen Wege mit viel Schnee. Berge gibt es immerhin in Kasachstan. Alle Sportanlagen würden in einem Radius von dreißig Kilometern um das geplante Olympische Dorf liegen. Viele der für die Asien-Winterspiele 2011 und für die Universiade 2017 gebauten Sportstätten sollen genutzt werden. Achtzig Prozent der Anlagen und Hallen sollen in zwei Jahren fertig sein. 



"Die Baukosten für 2022 werden auf minimalem Level sein", sagt Almatys Bürgermeister Achmetshan Jessimow. Außerdem würde für die Ski-Wettbewerbe in den Bergen kein Baum gefällt. Damit sei man im Einklang mit der Agenda 2020 des IOC. Ein Reformwerk, das laut Papier wirtschaftlich und politisch nicht so potenten Ländern eine Olympia-Ausrichtung ermöglichen soll. "Die Spiele sollen zeigen, was für Fortschritte unser Land gemacht hat", sagt Andrej Kryukow, der stellvertretende Vorsitzende des kasachischen Bewerbungskomitees.

Im Westen kein Interesse mehr

Kritiker sagen, das IOC hat die Wahl zwischen zwei Übeln, einem großen und einem nicht ganz so großen. Gewinnt der Außenseiter Almaty, würde dem IOC immerhin der Vorwurf des Gigantismus erspart. Bach hätte aber gerne eine Stadt aus einer Demokratie präsentiert, weil er damit weiteren politischen Debatten aus dem Weg gegangen wäre.

Doch Winterspiele sind out im Westen. Das erkennt man an der Liste der Städte und Regionen, die sich von der Idee der Bewerbung für 2022 nach negativen Referenden oder kritischen Einwänden ihrer Bürger verabschiedeten: Krakau, Wien, Graubünden, Stockholm, München, Lemberg und, für das IOC besonders hart, Oslo, so etwas wie die Heimat des Wintersports.