Wer sich die jüngsten Ergebnisse der deutschen Fußballschule anschaut, könnte Zweifel an ihrer Qualität bekommen. Die U21 kassierte im EM-Halbfinale eine 5:0-Klatsche von Portugal. Die U20 schied bei der WM gegen Mali aus. Am Montag verabschiedete sich die U19 in der EM-Vorrunde. Nur die U17 kam ins Finale ihrer EM, verlor es aber 1:4. Auch spielerisch sah man nicht viel Großes.

Selbst wenn man die übliche Titeljagd deutscher Fans und Medien im Jugendfußball nicht mitmacht, was vernünftig wäre, weil es bis zu einem bestimmten Alter eher darum gehen sollte, Spieler besser zu machen, als Pokale zu gewinnen, ernüchtern diese Ergebnisse ein wenig. Der Weltmeister Deutschland hat die meisten Fußballer der Welt, der DFB ist seit der Nachwuchsreform des DFB 2000 hervorragend organisiert, das System der Stützpunkte und Leistungszentren ist einzigartig. Da sollten ab und an ein paar Titel von selbst abfallen.

Zur Titel- und Kreativarmut der deutschen Jungs dürfte ein Phänomen beigetragen haben, das wie ein Naturgesetz wirkt, und das in Deutschland noch immer ungelöst ist: Viele Clubs, Trainer und Verbände ignorieren den Relativen Alterseffekt (RAE) oder "Dezemberkindeffekt", der Fußballer bevorzugt, die früh im Jahr geboren wurden. Dadurch gehen dem deutschen Fußball Talente verloren. Und ungerecht ist die ganze Sache auch noch.

Jugendteams bestehen wie Schulklassen aus einem Jahrgang. Den Stichtag hat der DFB auf den 1. Januar festgelegt (bis 1997 war es der 1. August). Die Spieler in einer Mannschaft sind also gleich alt, aber nur ungefähr. Wer am 1. Januar geboren ist, ist 364 Tage älter als einer, der am 31. Dezember geboren ist. Dieser Unterschied kann für einen Jugendlichen und erst recht für ein Kind einen großen Vorteil bedeuten. 

Aber nur einen aktuellen. Spätestens wenn sie groß sind, sind alle, was ihre körperliche Entwicklung betrifft, auf dem gleichen Stand. Spielern, denen man als Jugendlichen eine große Karriere vorausgesagt hat, die später aber in der Vierten Liga landeten, sind meist im Januar oder Februar geboren. Sie hatten in jungen Jahren einen Entwicklungsvorsprung, der sich auf dem Weg ins Erwachsenenalter immer weiter relativiert hat.

ZEIT ONLINE hatte vor zwei Jahren schon einmal über den Effekt berichtet. Geändert hat sich seitdem kaum etwas. Wie sehr der deutsche Fußball noch immer am RAE leidet, zeigt ein Blick auf die Geburtsdaten der wichtigsten Nachwuchsmannschaften. Ein paar Beispiele:

  • In den B-Junioren (U17) der Bundesliga sind 48 Prozent der Spieler im ersten Quartal geboren, in der Bundesliga der A-Junioren (U19) 41 Prozent. Nur jeder zehnte ist im vierten Quartal geboren.
  • In den fünf DFB-Auswahlen U15 bis U19 sind acht von zehn Spielern in der ersten Jahreshälfte geboren.
  • In der aktuellen U19 sind die Hälfte der Spieler im ersten Quartal geboren, mehr als drei Viertel in der ersten Jahreshälfte nur je rund 10 Prozent im dritten und vierten.
  • Die U15 des DFB hat ihren Median am 8. Februar. Heißt: Die Hälfte der Spieler ist vor diesem Datum geboren.
  • Bei den Frauen, wo der RAE schwächer ausgeprägt ist, sind immerhin vier von zehn Spielerinnen der U15- bis U19-Teams des DFB im ersten Quartal geboren.
  • Dazu muss man wissen: Die Geburten der Gesamtbevölkerung verteilen sich im Großen und Ganzen konstant gleichmäßig übers Jahr. Im Juli, August und September gibt es in Deutschland meist einen leichten Anstieg. In der zweiten Jahreshälfte werden also noch mehr Kinder geboren.

Dem deutschen Fußball gehen dadurch sehr viele Talente verloren. Nichts spricht nämlich dafür, dass Januarkinder von Natur aus die besseren Fußballer sind. Sie sind, als Kind oder Jugendlicher, bloß deswegen schneller und schießen mehr Tore und gewinnen mehr Zweikämpfe, weil sie älter sind. Physisch Schwächere bleiben dagegen oft auf der Strecke, selbst wenn sie kreativer sind. Unter den 125 Spielern der U15- bis U19-Teams des DFB ist ein einziger im Dezember geboren, im Januar dagegen 27.

Zudem ist die Sache schlicht ungerecht. Wer im Kindesalter nicht anständig gefördert wird, kann diesen Rückstand später kaum aufholen. Der RAE gilt sogar noch in der Bundesliga. Wessen Kind also Profi werden soll, bei dem ist Timing gefragt. Es sollte nicht im Herbst auf die Welt kommen. Idealer Zeugungstermin: Ende März oder im April.

Besonders heikel: Der Effekt verstärkt sich selbst. Mit zunehmendem Alter sollte der RAE eigentlich immer schwächer werden, weil ein knappes Jahr Vorsprung bei einem 19-Jährigen weniger ins Gewicht fällt als bei einem Achtjährigen. Dass aber auch, wie beschrieben, jeder zweite Spieler der aktuellen U19 des DFB im ersten Quartal geboren wurde, ist wohl eine Folge falscher vorhergehender Selektion. "Das Auftreten eines RAE ist in dieser Altersklasse wahrscheinlich eine Auswirkung der begünstigten Förderung früh geborener und körperlich stärker entwickelter Spieler in den Jahren zuvor", sagt der Sportwissenschaftler Matthias Lochmann. Die älteren Spieler sind einfach besser trainiert worden.