Weitsicht, Basisarbeit und Geduld sind Worte, die man im an Erfolgen gemessenen Spitzensport zwar selten hört. Henning Lambertz wird ihrer dennoch nicht müde, wenn er über das deutsche Schwimmen spricht. Über die olympische Kernsportart, in der er nach der deutschen Blamage von London als Chef-Bundestrainer antrat. Er soll die einstige Schwimmnation wieder stark machen. Zwei Olympiazyklen plant er für seine Reformen ein, 2020 sollen seine Maßnahmen Früchte tragen. Die WM im russischen Kasan, deren Beckenwettbewerbe am Sonntag beginnen, kommt dafür aber zu früh. 

Auf den Langstrecken im Freiwasser holten Rob Muffels und Finnia Wunram zwar Silber und Bronze über fünf Kilometer. Doch die guten alten Zeiten des deutschen Schwimmens sind lange vorbei. Michael Groß war ein Star der Achtziger. Je elf Medaillen in Barcelona 1992 und Atlanta 1996 – so viele Plaketten gab es bei allen folgenden Olympischen Spielen zusammen nicht. Die Suche nach der Erfolgsformel verlief lange vergeblich, wechselnde Konzepte wurden erfolglos ausprobiert, häufig verhinderten zudem persönliche Eitelkeiten oder alte Fehden eine professionelle Arbeit am System. Jahr um Jahr haben sich die Verantwortlichen die Situation immer wieder schöngeredet, bis die Blamage durch die medaillenlosen Spiele 2012 perfekt war.

Bis zuletzt habe man sich ausschließlich auf die mittlerweile zurückgetretene Britta Steffen und Doppel-Weltmeister Paul Biedermann fokussiert und vergessen, die zweite Reihe aufzubauen, bemängelte Lambertz nach einem Jahr im Amt bei der WM 2013. Statt der Trendwende erlebte der Deutsche Schwimmverband (DSV) nur ein weiteres Desaster. "Immer wenn die beiden mal nicht den Optimaltag erwischt haben, war gleich ganz Deutschland bestraft", sagte er. "Oder es war umgekehrt. Wie bei Olympia 2008. Da waren wir plötzlich klasse. Dabei war nur Britta Steffen mit ihren beiden Goldmedaillen klasse. Wir waren grottenschlecht." Der Nachwuchs muss gefördert werden, will sich der DSV nicht weiter bloß mit ganz wenigen Etablierten und wechselnden Saisonarbeitern von einem Höhepunkt zum nächsten retten.

Problem G8

"Wir müssen viel mehr und und viel härter trainieren." Diese mittlerweile viel zitierte Zauberformel des diplomierten Sportwissenschaftlers Lambertz steht im Zentrum der Reformen, die unter anderem ein ambitioniertes Konzept hervorgebracht haben, das Schwimmern schon in jüngsten Jahren ein enormes Trainingspensum abverlangt. So sollen bereits Fünfjährige 3,5 Stunden pro Woche trainieren und insgesamt auf 120 Kilometer im Jahr kommen. Für Achtjährige gelten 7 Wochenstunden zu Lande und im Wasser mit einem Pensum von jährlich 900 Kilometern, für Zwölfjährige sind 19,5 Wochenstunden und 2.100 Kilometer niedergeschrieben.

Doch was bleibt von all den gut durchdachten Konzepten, wenn die Forderungen des Bundestrainers auf die Wirklichkeit jener Jungen und Mädchen treffen, die bereits alles für ihren Sport geben und aufgeben und sich fragen: Wie sollen wir denn bitte noch mehr machen? Und: Warum finden meine Mühen nicht mehr Anerkennung? Den Schwimmern stellen sich Fragen, die nahezu jede Sportart umtreiben: Was können wir den Talenten zumuten, wie umsetzbar ist Nachwuchsarbeit mit G8? Wie sportfreundlich sind die ohnehin wenigen Sportschulen wirklich?