Er fällt sofort auf, dabei ist er eigentlich ganz normal. Aber die kurzen blonden Haare, die Badehose, alle schauen hin. Niklas Stoepel weiß das, so muss das sein, die Leute sollen ganz genau hinsehen. Wie eingefroren steht er auf den Fliesen im Münchner Nordbad, wartet kurz und läuft schließlich los. Langsam und elegant, den Arm ausgestreckt wie ein Fernsehmoderator alter Schule – nur ohne Anzug und Krawatte. Dann bleibt er stehen und dreht sich um. Er lächelt und nickt freundlich, es ist die Deutsche Meisterschaft im Synchronschwimmen.

Neun Mädchen und Frauen folgen Stoepel bis zum Beckenrand, Musik hallt aus den Boxen und eine nach der anderen springt ins Wasser. Stoepel als Drittletzter. Und für einen Moment, unter Wasser, sind alle gleich. Doch dann, an der Wasseroberfläche, beim Beine in die Luft strecken, bei den Hebefiguren und Salti, beim Kopfüber im Wasser stehen, da sieht man es: Neun Schwimmerinnen sind stark geschminkt, einer nicht. Neun Schwimmerinnen haben eine rot-schwarze Badekappe auf dem Kopf, einer nicht. Neun Schwimmerinnen tragen einen knallroten Badeanzug, einer nicht. Natürlich fällt Stoepel auf. Die kurzen blonden Haare, die Badehose.

Erst seit einem halben Jahr erlaubt

Niklas Stoepel ist Synchronschwimmer, seit 18 Jahren. Er ist der einzige in Deutschland und einer der wenigen weltweit. In Russland, Italien, der Ukraine, Türkei, Schweiz und den USA gibt es noch andere. Synchronschwimmen war lange ganz offiziell ein reiner Frauensport. Zwar können seit 1991 auf nationaler Ebene und bei Länderkämpfen auch Männer antreten, doch erst Ende November 2014 erlaubte ihnen der Schwimmverband Fina die Teilnahme an internationalen Wettkämpfen – im Mixed-Duett. Die Disziplinen Solo, Duett, Gruppe und Kombination bleiben weiter Frauen vorbehalten. Dabei war Synchronschwimmen bis Anfang des 20. Jahrhunderts ein reiner Männersport, damals als der Sport noch "Reigenschwimmen" hieß.

Heute gilt er als feminin, weil die Bewegungen so grazil sind. "Ich kann mir nicht erklären, wieso man kategorisch eine ganze Bevölkerungsgruppe ausschließt", sagt Stoepel. "Dass künftig Männer wieder starten dürfen, finde ich deswegen auch nicht besonders fortschrittlich, sondern einfach nur gerecht. Das ist dem 21. Jahrhundert angemessen." Bevor der 23-jährige Student zum ersten Mal an einer Meisterschaft teilnehmen konnte, musste der Deutsche Schwimm-Verband DSV ihm die Erlaubnis geben. "Das war ja etwas Neues in Deutschland und das hat sich bis heute nicht geändert – ich habe auf einem Wettkampf noch nie einen anderen getroffen."

Präzisionsarbeit und Perfektionismus

Die Trainerin der Freien Schwimmer Bochum, Stella Mukhamedova, macht da aber keinen Unterschied. Ihre Kritik trifft alle gleich hart. Seit drei Jahren schwimmt Bochum seine Kür in verschiedenen Variationen, die meisten im Team haben sie verinnerlicht. Während der Generalprobe vor den Meisterschaften ist Mukhamedova unzufrieden. "Bei der Hebefigur muss viel mehr Spannung rein, du stehst viel zu weit hinten", sagt sie zu einer ihrer Schwimmerinnen im Becken. "Eure Arme waren gerade auch nicht immer synchron. Das ist wichtig, Leute! Wenn ihr euch unsicher seid, macht es noch mal!" Sie machen es noch mal. Und noch mal. Und noch mal. Synchronschwimmen ist Präzisionsarbeit und Perfektionismus. Bis zum Schluss.

Erst als der Sprecher im Nordbad München die Schwimmer aus Bochum bittet, das Becken zu verlassen, ist es vorbei. Manche Schwimmerinnen wirken verunsichert, Stoepel eher motiviert. Nervös ist er nicht, es sind seine elften Deutschen Meisterschaften – er weiß, was auf ihn zukommt. Das Team geht zurück in die Umkleidekabine und zieht sich um. Neun Schwimmerinnen überprüfen ihre Frisuren, die geschminkten Augen und ob der Lippenstift noch alle Stellen bedeckt, Stoepel nicht. Neun Schwimmerinnen haben jetzt roten Haarschmuck, Stoepel nicht. Neun Schwimmerinnen tragen einen mit Pailletten besetzten Badeanzug, Stoepel nicht. Natürlich fällt er auf.