Wieder tritt ein Hamburger den Ball aus dem Strafraum einfach schnell weg. Diesmal ist es Ivo Iličević. Es hätte auch Diekmeier sein können oder Ekdal. Doch diesmal ist es Iličević, den die Furcht packt. Man sieht es an seiner hektischen Bewegung. Also weg mit dem Ball, er könnte ja einen Fehler machen und den Ball verlieren. Schon greifen sich die Bayern den Ball wieder – aber so viel besser ist das dann auch nicht, was sie damit machen.

Diese Szene ist typisch für die erste Halbzeit, eigentlich für das ganze Spiel. Der HSV ist zum Auftakt der neuen Bundesligasaison ohne Idee nach München gereist. Ohne eine Idee, die etwas mit Fußball zu tun hat, jedenfalls. Die Hamburger wollen bloß den Abend überleben, denn die letzten drei Begegnungen hier wurden zu regelrechten Schlachtfesten. Am Ende gewinnen die Bayern zwar mit 5:0, die Qualität ihrer Einzelspieler ist deutlich besser. Doch als Mannschaft spielen sie mit dem Ball weit unter ihrer Norm.

Um zu diesem Urteil zu kommen, muss man sich Bayern-Benchmarks der jüngeren Vergangenheit vor Augen führen. Etwa – nur zwei Beispiele – das 7:1 in Rom oder den 3:1-Sieg in Berlin im März 2014, mit dem sie Meister wurden. Die Bayern zogen ein derart engmaschiges Passnetz auf, die Hertha kam fast gar nicht an den Ball. Bayern hatte die totale Kontrolle und war stets torgefährlich.

Bayerns Spielfluss ist zäh und träge

Ganz anders das Spiel gegen den HSV. Die Bayern greifen vorwiegend ohne Tempo an. Kaum einmal gelingt eine Kombination über zehn oder fünfzehn Stationen. Wenn doch, endet sie ohne nennenswerten Raumgewinn. Einige Male nehmen nur drei Spieler am Geschehen teil. Jérôme Boateng und Medhi Benatia laufen sich fest, verlieren den Ball, weil sie niemanden zum Anspielen finden. Xabi Alonso, Arjen Robben oder David Alaba halten oft zu lange den Ball, führen ihn ein bisschen Gassi. Gute Torchancen erspielt sich der Meister selten.

Der neue Balleroberer, der Quälgeist Arturo Vidal, hat keine richtige Aufgabe, weil die Hamburger den Ball ja meist freiwillig hergeben. Hamburg muss man nicht erobern. Zudem lässt Vidal durch erratische Laufwege den Kontakt zu seinen Mitspielern abbrechen und bietet sich oft so an, dass ihm, wenn er angespielt wird, nur der Rückpass bleibt. Die Folge: Bayerns Spielfluss im Mittelfeld ist zäh und träge. Man sieht viele lange und ungenaue Pässe, oft verdrückt sich die halbe Mannschaft in die eigene Hälfte, obwohl sich dorthin kaum einmal ein Gegner verirrt. Niemandslandfußball. Das Entscheidende: Fast nie kommen die Bayern in die so wichtige Zehnerzone, die Angriffsmitte vor dem Strafraum (zur besseren Anschauung klappen Sie einfach den Strafraum einmal Richtung Mittellinie um). Von dort werden die meisten Tore vorbereitet.

Ist das wirklich der FC Bayern Pep Guardiolas? Das 1:0 fällt nach einem Freistoß durch einen Schultertreffer von Benatia. Das 2:0 legt Matthias Ostrzolek, der unglückliche Hamburger Verteidiger, auf, das 5:0 auch. Beim 3:0 versucht Johan Djourou, eine Flanke mit dem Fuß zu klären, vergeblich. Beim 4:0 verliert Djourou, immerhin Kapitän, den Ball aus den Augen. Abwehrfehler der gröberen Art. Kann er sich innig über solche Tore freuen?

Ihm müsste eigentlich vor Ärger über die Spielweise seiner Elf der Kragen oder die Hose platzen, aber äußerlich ist ihm nichts anzumerken. Auch nach dem Abpfiff lobt er die gute Abwehr des Gegners, während er sich an seinem grau gewordenen Bart kratzt und nach unten schaut. Der Mann ist höflich. Die einzige Kritik gilt dem Rasen: "Der Pitch muss verbessern."