Die mit Abstand beste Liga der Welt

Pessimisten, aufgepasst! Diese Bundesligasaison, die am Freitag mit dem Spiel Bayern gegen den HSV beginnt, wird die erfolgreichste seit Jahrzehnten. International wird sie mit dem Gewinn von Champions und Euro League enden. National deutet sich ein Fünfkampf um die Meisterschaft an, der die sagenhafte Abstiegsdramatik der vergangenen Saison dorthin trägt, wo sie eigentlich hingehört: an die Spitze. Und wo wir gerade bei der Spitze sind – ja, die Bundesliga ist die beste Liga der Welt. Sie ist dies sogar mit weitem Abstand!

Dem ist ja eigentlich nicht zu widersprechen, dennoch werden diese Wahrheiten derzeit von kaum einem Experten geteilt. Im Jahr zwei nach der Weltmeisterschaft ist im nationalen Fußballfeuilleton vielmehr Statusangst ausgebrochen. Sorgen, taktisch den Anschluss verpasst zu haben, mischen sich mit Verarmungsneurosen und Zweifeln am organisatorischen Geschick der Leitakteure. Selbst Texte über den FC Bayern nehmen einen Ton an, als wäre vom HSV die Rede.

Nehmen wir die eigentlich feingesponnene Analyse des Stanforder Literaturwissenschaftlers Hans Ulrich Gumbrecht in der ZEIT. Dort heißt es: "Das Bild wirkt, wohin man auch blickt, so geschlossen grau, dass bedrückte Reaktionen unvermeidlich sind." Insbesondere könne die Liga des Weltmeisters "in der internationalen Aufmerksamkeit keinesfalls mit der englischen oder der spanischen Liga mithalten", denn es fehle aufgrund des herrschenden finanziellen Biedersinns an "ganz großen Stars". Andere Beobachter ziehen aus der mimosennahen Gereiztheit des Herrn Guardiola den selbstquälerischen Schluss, die Bundesliga sei einfach zu beschränkt für ein derartiges Genie – und habe ihn also letztlich nicht verdient.  

Freilich sollte uns die eigentliche Ironie an diesen sich international geschult gebenden Bedenken nicht entgehen. Denn im Grunde sind sie vor allem eines: typisch deutsch! Nichts ist deutscher als fehlender Optimismus, nichts ist deutscher als die Angst, von den anderen nicht geliebt, nicht ausreichend wahrgenommen, die Angst, von den anderen abgehängt und letztlich in die Verarmung getrieben zu werden.

Deutschland hat die jüngsten Trainer

Haben wir doch einfach mal den Mut, die Augen aufzumachen! Diese Liga hat die besten Arenen Europas. Diese Liga, mit ihren immer singenden, immer stampfenden, partiell sogar ironiefähigen Fanclubs inszeniert ein Stadionerlebnis, das in seiner Intensität weltweit bewundert und beneidet wird. Die Vereine dieser Liga leisten die beste Jugendarbeit der Welt. Diese Liga hat, was die Plätze zwei bis 18 angeht, sowohl die größte Leistungsdichte als auch die größte interne Dynamik aller Ligen Europas. Und ihr Spitzenteam, der FC Bayern, erreicht seit einer Dekade fast immer das Halbfinale der Champions League, mindestens.

Diese Liga hat die jüngsten Trainer aller großen Ligen, das heißt, sie wagt personale Innovation an der entscheidenden Stelle. Diese Liga gibt Raum für verschiedenste finanzielle Vereins- und damit auch Finanzierungsmodelle: von der Aktiengesellschaft bis zum rein mitgliederverwalteten Verein. Sofern diese Liga überhaupt ein Korruptions-, Rassismus- oder Faschismusproblem haben sollte, ist es kleiner als in jeder relevanten Vergleichsliga. Die Vereine dieser Liga tragen mittlerweile auch die stärkste Frauenliga der Welt. So ist das.

Dieser Liga vorzuwerfen, sie könne "in der internationalen Aufmerksamkeit keinesfalls mit der englischen oder der spanischen Liga mithalten", ist so plausibel wie der Vorwurf, die deutsche Sprache könne "in der internationalen Attraktivität nicht mit der englischen oder spanischen" mithalten. Kann sie auch nicht, weder die Sprache noch die Liga.  

England spielt Kinderfußball

Dafür gibt es historische Gründe. Sie reichen bis in 15. Jahrhundert zurück. Nationen, die einst ganze Kontinente kulturell kolonisierten, profitieren von einer digital globalisierten Welt am stärksten. Das übersetzt sich direkt in Fernsehverträge, also Geld. Der finanzielle Vorsprung Englands und auch spanischer Spitzenklubs bleibt schlicht uneinholbar. Verwundern sollte man sich also nicht darüber, dass es in der Bundesliga so wenige internationale Cracks gibt, sondern nach wie vor so viele.

Womit wir bei der entscheidenden Frage wären: der spielerischen Qualität der Bundesliga im Vergleich mit Spanien und der geldüberschwemmten britischen Insel. Wenn es eine Liga gibt, die taktisch den Anschluss verloren hat, dann ist das die Premier League. Diese Diagnose ist so offensichtlich wie die Gründe rätselhaft sind. Fast kommt es einem so vor, als wären all die spanischen, portugiesischen und französischen Qualitätstrainer schweigend übereingekommen, sich in England zugunsten eines kindlichen Spektakels dauerhaft unter ihrem eigenen Niveau zu amüsieren. Wer ein durchschnittliches englisches Spiel über die gesamte Dauer verfolgt, dem wird zwar mehr Event geboten als in der Bundesliga. Andererseits wird man Zeuge eines E-Jugendspiels – nur eben aufgeführt von internationalen Spitzenkräften.

Guardiola könnte ein Fußnote bleiben

Selbst empfindlichste Stadionmikrofone können dabei nicht verhehlen, dass in den Arenen des sagenhaften Fußballmutterlands weitgehend tote Hose herrscht. Das mag nicht zuletzt an Mindestpreisen von 100 Pfund für ein Ticket liegen. Was die Bundesliga von der real existierenden Premier League zu lernen hätte? Mir fällt wirklich nichts ein.

Das gilt mit Blick auf die spanische Liga nicht. Durch ihre feinsten Neuerungen – insbesondere der von Unai Emery trainierte FC Sevilla, aber auch der renovierte FC Barcelona des Luis Enrique – hat sie produktive Distanz zum Guardiola-Dogma gewonnen und zeigt sich der Bundesliga damit gleich zwei Schritte voraus.

Allerdings bleibt die Primera División beherrscht von einem ewig starren Spitzengestell von vier, fünf Vereinen. Vereinen allesamt, die lediglich unter der Bedingung eines staatlich geduldeten Ausnahmezustands existieren, denn sie bewegen sich seit Jahrzehnten ökonomisch wie rechtlich außerhalb der Gesetze. Der Preis ihrer Qualität ist ihre Legalität. Schön anzusehen ist das ohne Frage, zur Nachahmung empfohlen aber nicht unbedingt.

Muss auch nicht sein. Wie sich in dieser Saison zeigen wird, ist die Bundesliga international mehr als konkurrenzfähig. Will Guardiola mehr als eine Fußnote der Vereinsgeschichte bleiben, muss er mit Bayern die Champions League gewinnen. Diese Vollfokussierung wird die Meisterschaft lange offen halten. Es stehen gleich vier Verfolger bereit, die sich im Vergleich zur Vorsaison klar verstärkt zeigen: Wolfsburg, Dortmund, Schalke und Leverkusen. Schalke und Dortmund gehen mit Champions-League-erfahrenem Personal auf aussichtsreiche Titeljagd in der Euro League. Selten hatten deutsche Fußballoptimisten bessere Gründe als dieses Jahr.