Jetzt verschießen die Bayern auch noch Elfmeter. Den Supercup am vorigen Samstag verloren sie, weil Wolfsburg vom Punkt besser traf. Schon im DFB-Pokal gegen Dortmund im April landete keiner der vier Versuche der Bayern im Netz. Deutschlands größter Fußballverein versagt in der urdeutschen Disziplin.

Elfmeter sind nicht nur, aber auch Glückssache, einem Trainer wird man eine Niederlage im Shootout nicht vorwerfen, auch nicht Pep Guardiola. Aber der verpasste Supercup-Titel befeuert eine seltsame Debatte, die weit in die neue Bundesliga-Saison reichen wird, die am Freitag beginnt. Es geht um seine Art, seine Zukunft, gar seine Qualität.

Vielleicht geht es aber um etwas anderes, vielleicht um grundsätzlichere Fragen: Passen Pep und die Deutschen zusammen? Mögen sie seinen Fußball? Und verstehen sie ihn?

Guardiola und die Deutschen – es ist eine schwierige Beziehung. Sie fremdeln mit ihm und er verzweifelt an ihnen. Er begreift nicht, dass die Deutschen selbst in der Stunde eines seiner größten Siege, dem 6:1 gegen Porto im April, lieber über seine geplatzte Hose reden als über Pass- und Laufwege. Und als er jüngst wieder mal nach irgendwas gefragt wurde statt nach dem nächsten Angriffszug, sagte er: "Ich verstehe nicht, warum wir nicht über Fußball reden."

Als Uli Hoeneß ihn vor gut zwei Jahren nach München holte, wurde Guardiola fast heilig gesprochen. Dann gewann er beide Meisterschaften mit riesigem Vorsprung, kam zwei Mal ins Halbfinale der Champions League. Eine sehr gute Bilanz, zumal wohl keine deutsche Mannschaft zuvor derart harmonisch und schön spielt wie die Pep-Bayern.

Vorsicht ist die Mutter des Fußballweltmeisters

Doch die aktuellen Schlagzeilen klingen, als sehnten sich viele, selbst Bayernfans, nach dem Tag, an dem Guardiola endlich geht. "Götze gibt Guardiola noch eine Chance", schrieb die Bild-Zeitung. "Das Rätsel Pep", titelte die Sport-Bild. Er hispanisiere den Verein, sagen Kritiker. Dabei hat er sich bislang nur für einen spanischen Spieler, Thiago, starkgemacht. Und klebte nicht schon zu Beginn seiner Zeit in München an ihm das Klischee vom weichen Fußball, vom zweckfreien Ballgeschiebe? Dieser südländische Stil steht in Deutschland trotz des WM-Titels des Ästheten Löw unter Schönheitsverdacht.

Offenbar kann Guardiola in Deutschland nur dann seinen Ruf als Trainer von Welt retten, wenn er die Champions League gewinnt. "Nur" Meisterschaft und Pokal wären schon kein Erfolg mehr. Gewinnt er das Triple, heißt es sogar vielleicht: Wird aber auch Zeit!

Solch hohe Forderungen wurden an noch keinen Bundesligatrainer gestellt. Warum ist das so? Weil er so oft Thomas Müller auswechselt, den deutschesten Spieler mit dem deutschesten Namen? Oder rührt das alles aus einer deutschen Abneigung gegen Eleganz? Muss es im Fußball der Trainings- und nicht der Maßanzug sein?

Die Skepsis könnte auch daran liegen, dass in Deutschland die Analyse des Fußballs keine Tradition hat. Wir mögen das Land der Tüftler und Ingenieure sein, doch im Fußball sind uns die Volkstribune lieber. Zwar redet und schreibt man inzwischen vermehrt über Taktik, doch das bleibt eine Nische für Nerds. Das mit dem Verschieben der Viererkette und der falschen 9 glauben wir, verstanden zu haben. Doch wenn's schlecht läuft, hört man im Fernsehen die alten Sätze: Die Aggressivität fehlt. Die Einstellung stimmt nicht. Da musst du dazwischenhauen.

Daraus spricht eine konservative Auffassung von Fußball. Vorsicht ist die Mutter des Fußballweltmeisters. Zwar hat sich die Bundesliga in den vergangenen fünf Jahren entwickelt, aber vor allem im Verteidigen. Selbst bei den Konzepttrainern ist der schnelle Umschaltfußball in Mode. Man wartet auf die Fehler des Gegners, will ihn dazu zwingen. Jürgen Klopp brachte diese Form des Konterns zur Blüte.

Viele nehmen sich ihn zum Vorbild. Der Neu-Stuttgarter Alexander Zorniger sagt, dass im Fußball der gewinne, der weniger Fehler mache. Ralf Rangnick, der zur Jahrhundertwende den Teutonen gegen deren Widerstand die Raumdeckung beibrachte, steht für eine ähnliche Auffassung. Und Lucien Favre gilt als moderner Trainer, obwohl (oder weil) seine Gladbacher selbst gegen einen Zweitligisten wie St. Pauli manchmal zu acht oder neunt im eigenen Strafraum stehen.