ZEIT ONLINE: Herr Sauer, Sie sind der Kleinste im Team des Deutschlandachters und geben im Boot zugleich den Ton an. Muss man da ein besonderes Durchsetzungstalent haben?

Martin Sauer: Es gibt sicher einige Eigenschaften, die helfen, ein guter Steuermann zu werden. Eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit gehört dazu. Wenn man knapp 1,70 Meter klein ist und täglich mit Menschen zu tun hat, die zwei Meter oder größer sind, sollte man damit auf jeden Fall kein Problem haben. Als Steuermann braucht man immer eine Mannschaft, auch darüber sollte man sich im Klaren sein. Ruderer könnten theoretisch ja noch für sich allein im Einer rudern. Wir benötigen immer ein Team. Aber den typischen Steuermann gibt es eigentlich nicht. Es gibt Typen, die eher ruhig führen, andere werden eher lauter.

ZEIT ONLINE: Wie ist das bei Ihnen?

Sauer: Das ist schwer zu sagen. Ich war bei der Bundeswehr als Offizier. Ich habe viel über Führungsstile gelernt. Man muss das an die Mannschaft anpassen. Die wechselt jedes Jahr. Es gibt sicher auch mal Tage, an denen ich sehr laut werde. Aber die sind selten. Wenn man oft rumschreit, nutzt sich das schnell ab. Außerdem darf man nicht vergessen, dass das hier alle freiwillig machen.  


ZEIT ONLINE: Müssen Sie nicht schreien, damit sie auch im gesamten Boot verstanden werden?

Sauer: Nein, die Boote haben ein Lautsprecher-System. Dadurch kommt der Ton überall im Boot an. Das war früher anders. Da musste man wirklich schreien, damit auch der letzte Mann versteht, was man wollte. Heute kann man ruhig sprechen und führen. Aber man muss schon ziemlich laut reden, weil die anderen Steuerleute in den Rennen natürlich auch die ganze Zeit Lärm machen.

ZEIT ONLINE: Was ist die beste Motivation?

Sauer: Die ruhige Ansage. Vor allem, wenn das Boot eine Länge vorne liegt. Dann weiß die Mannschaft, dass alles gut, dass die Lage ausgezeichnet ist. Durch ruhiges Sprechen vermittelt der Steuermann außerdem, dass er die Lage im Griff hat. Panisches Rumgeschreie kann genau zum Gegenteil führen. Wenn man sehr panisch, sehr schnell und sehr laut spricht, überträgt sich das auch auf den Rhythmus der Mannschaft. Der wird dann automatisch hektischer. Das sollte man unbedingt vermeiden.   

ZEIT ONLINE: Bei einer Führung ruhig zu bleiben scheint leicht. Was sagen Sie Ihrer Mannschaft, wenn sie zurückliegt? Flunkern Sie dann zur Motivation?

Sauer: Nein, dann sage ich auch, dass wir hinten liegen. Alles andere würde das Vertrauen zwischen mir und der Mannschaft zerstören. Außerdem traue ich dem Team auch zu einen Rückstand aufzuholen. Wenn man viele Rennen fährt, muss man sich daran gewöhnen, dass man nicht jeden Lauf beherrschen kann und immer vorne liegt. Alle Topmannschaften sind in der Lage, die anderen Mannschaften auf einem Teilstück zu überholen. Damit muss man umgehen können. Ich denke in solchen Situationen auch nicht darüber nach, wie schlimm es ist, hinten zu liegen. Ich versuche eher, die Optionen auszuloten, wie wir gemeinsam das Boot im Topspeed halten können. 

ZEIT ONLINE: Wie wird man überhaupt Steuermann?

Sauer: Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten und Wege. Ich wurde in der Schule gesichtet. Es wurde nach großen Kindern gesucht, also Ruderern. Aber eben auch nach einigen kleinen für die Steuermannposition. So bin ich zu meinem Posten gekommen. Ich war nicht besonders groß und war deshalb prädestiniert für diese Aufgabe.

ZEIT ONLINE: Muss man auch selbst rudern können?

Sauer: Nicht zwangsweise. Aber da von einem Steuermann auch verlangt wird, dass er seiner Mannschaft technisch auf die Sprünge hilft, sollte man schon ein ziemlich gutes Verständnis für den Rudersport haben. Deshalb ist es von Vorteil, wenn man selbst auch mal gerudert hat. Dann hat man eine bessere Vorstellung davon, was man mit dem Boot umsetzen möchte. 

ZEIT ONLINE: Wie oft rudern Sie heute noch?

Sauer: Nicht mehr oft. Es gibt ja keine Boote für Steuerleute. Wichtiger ist, dass man in jungen Jahren mal im Boot gesessen und Rudererfahrung gesammelt hat. Jetzt ist das nicht mehr so wichtig. Der Steuermann fühlt auch etwas anderes als die Ruderer.

ZEIT ONLINE: Was denn?

Sauer: Das ergibt sich schon aus der Position. Die Mannschaft sitzt auf Rollsitzen. Die Ruderer bewegen sich während des Rennens also vor und zurück. Der Steuermann sitzt auf einem festen Platz. Außerdem ist die Sitzposition genau andersherum. Der Steuermann blickt in Fahrtrichtung. Die Ruderer blicken nach hinten. Daraus ergibt sich ein ganz anderes Bootsgefühl.

ZEIT ONLINE: Wie nehmen Sie das wahr?

Sauer: Der Steuermann spürt mit dem Hintern direkt, was das Boot macht. Das kann auch nur der Steuermann spüren. Während die Mannschaft sich auf ihren Rollsitzen über dem Boot hin und her bewegt, ist der Steuermann über seinen festen Sitz direkt mit dem Boot verbunden. Dadurch ergibt sich für Mannschaft und Steuermann ein anderes Gefühl für die Ruckbewegungen des Bootes.

ZEIT ONLINE: Können Sie dadurch besser spüren, ob ein Boot gut läuft oder nicht?

Sauer: Besser nicht, aber anders. Der Steuermann spürt den Durchlauf des Bootes sehr gut. Ein Ruderboot läuft nicht gleichmäßig durch wie ein Motorboot, das immer mit der gleichen Geschwindigkeit fährt. Mit jedem Schlag verändert sich die Geschwindigkeit. Das Boot wird im Durchzug – wenn die Ruderblätter durchs Wasser gezogen werden – beschleunigt. Im Freilauf, wenn die Ruderblätter aus dem Wasser gehoben sind, verliert es Geschwindigkeit. Wie gleichmäßig und effektiv das ist, kann der Steuermann sehr gut fühlen.