Bunt geht's zu in Gülzow. © René Martens

Mit unorthodoxen Formulierungen lässt sich bekanntlich mehr Aufmerksamkeit erregen als mit konventionellen. "Berlin ist beste" lautet der Titel einer bekannten Kampagne. Was die Image-Strategen der Hauptstadt können, können die Fans des TSV Gülzow schon lange. "Amateurfußball ist beste" steht auf einem der farbenprächtigen Banner, das die zwanzigköpfige Sänger- und Trommlertruppe, die sich Gülzower Support Elite (GSE) nennt, zu einem Auswärtsspiel bei der dritten Mannschaft von Curslack-Neuengamme mitgebracht hat.

Wer bei Amateurfußballfans an Rentner denkt, muss bei den Spielen des TSV Gülzow, der in Hamburg in der Kreisklasse 8 (neunte Liga) kickt, sein Weltbild korrigieren. Der GSE-Gründer Matthias Horst, genannt "Monty", gehört mit 28 Jahren schon zu den Älteren in der Gruppe. Am kommenden Sonntag wollen Monty und die anderen Elite-Fans aus dem 1.200 Einwohner zählenden Dorf im Kreis Herzogtum Lauenburg dazu beitragen, dass der Amateurfußball mehr Aufmerksamkeit erfährt. Sie haben das Heimspiel ihres Vereins gegen SV Altengamme III für das Aktionswochenende Lokalrunde angemeldet, das die Gruppe "Glotze aus, Stadion an" in diesem Jahr zum zweiten Mal organisiert. Rund 40 Vereine, zu finden auf lokalrunde.info, nehmen teil.

Das Ziel der Lokalrunde lautet: Werbung für den kleinen Fußball. Das Vorbild ist der Non League Day in England. Seit 2010 nutzen ihn unterklassige englische Clubs, um mit Aktionen neue Zuschauer zu gewinnen. 2014 wurde Bungay Town, ein Dreizehntligist (in England ist das System anders aufgebaut) landesweit bekannt, weil er angekündigt hatte, am Non League Day jedem Besucher einen Korb mit Pilzen zu überreichen. So verdoppelte man die Zuschauerzahl: Statt 50 Fans kamen 100.

Als die Gülzower Support Elite in Curslack gastiert, ist auch Lokalrunden-Koordinator Christoph Stechel unter den Zuschauern. Er supporte Gülzow gelegentlich, sagt er. Er finde es reizvoll, dass Fans in der Kreisklasse eine oberligareife Atmosphäre inszenierten. Sein Hauptverein ist Barmbek-Uhlenhorst (BU), ein Hamburger Traditionsclub, der mal ein Jahr in der zweiten Liga gespielt hat, und bei dem Andreas Brehme groß wurde.

2.700 Zuschauer in Barmbek

Stechel freut sich, dass "wir in diesem Jahr auch Rückmeldungen aus dem Süden und Osten Deutschland bekommen haben". Im Premierenjahr hätten fast nur Vereine aus dem Norden und Westen teilgenommen. Die Lokalrunde findet, ebenfalls nach englischem Vorbild, an einem Wochenende statt, am dem die erste und zweite Liga länderspielbedingt spielfrei haben. So wollen die Organisatoren Profifußballfans anlocken, die sonst keine Zeit haben für ein Spiel ganz unten.

Auch Hans-Joachim Watzke hat frei an diesem Wochenende. Der Vorsitzende der Geschäftsführung von Borussia Dortmund ist vor einem Monat mit einem Statement zum Amateurfußball aufgefallen. Dieser sei "nicht mehr sexy genug", sagte er dem kicker.

"Mich hat das etwas gewundert", sagt Matthias Horst. Der GSE-Gründer hatte an dem Wochenende, bevor das Interview erschien, in Hamburg je ein Spiel in der Kreisklasse und der Oberliga gesehen, die Watzke widerlegen. Der HFC Falke, gegründet von langjährigen Fans des HSV, nachdem dieser seine Profiabteilung als AG aus dem Gesamtverein ausgegliedert hatte, bestritt sein erstes Punktspiel in der Kreisklasse vor mehr als 600 Zuschauern. Der Fünftligist Barmbek-Uhlenhorst lockte zum Abschied seines 1920er-Jahre Stadions, das Wohnungen weichen muss, sogar 2.700 Leute an. Die Zahlen sind zwar nicht repräsentativ, weil es sich um sehr spezielle Spiele handelte, aber ein Indiz dafür, dass sich Fans für Graswurzelfußball mobilisieren lassen.