Ein paar Mal im Jahr kehrt Claudio Tamburrini in die Hölle zurück, nachts im Schlaf kommen die Erinnerungen. Dann spürt er wieder die Beklemmung, die Unsicherheit, die Angst. Fühlt das nasse Gras auf seiner Haut, hört die Helikopter, die ihn und seine drei Freunde verfolgen. Dann rennt er wieder, rennt um sein Leben, versteckt sich, egal wo, nur weg, weg von der Mansión Seré, dem Haus, wo sie ihn zuvor grundlos festgehalten und gefoltert haben. In seinem Traum stehen die Gefängnistüren offen, in Wahrheit jedoch war er 120 endlose Tage dahinter eingesperrt. 120 Tage zwischen Zweifel und Hoffnung, zwischen Wahnsinn und wahnsinniger Freude, zwischen Tod und Leben.

Buenos Aires, 1977. Der junge Tamburrini ist ein aufstrebender Torwart beim Fußballclub Almagro und steht mit seinem Team kurz vor dem Aufstieg in die Primera División Argentiniens. Jeden Abend kickt er mit seinen Freunden, in seinem zweiten Leben studiert er Philosophie, engagiert sich bereits seit fünf Jahren in der Politik. Sein Land ist im freien Fall, die Regierung ist korrupt und antidemokratisch, an nur einem einzigen Tag kommt es zu Inflationsausschlägen von bis zu einer Million Prozent. Das Volk ist unzufrieden, immer noch, obwohl nicht wenige dem Militärputsch im Vorjahr anfangs wohlwollend gegenübergestanden hatten. Doch der Terror und die Entführungen, die bereits unter dem Präsidenten Juan Perón begonnen hatten, gehen unvermindert weiter, die Junta setzt auf Einschüchterung und Angst.

Am 23. November 1977 wird auch Tamburrini Opfer dieser Unterdrückungspolitik, als er von einer Brigade Soldaten entführt und in die Mansión Seré gebracht wird, eines der gefürchtetsten Militärgefängnisse in Argentinien. "Ich stand bei einem Studienkollegen auf der Telefonliste", versucht sich Tamburrini heute das Unfassbare zu erklären. "Er hat denen wohl Namen genannt, unter anderem meinen." Der junge Tamburrini versteht die Welt nicht mehr, erwartet auch nach zwei Wochen Gefangenschaft immer noch, bald wieder freigelassen zu werden. Stattdessen verlegen sie ihn in eine Zelle, mit vier anderen jungen Männern. Trotzdem glauben die Gefangenen immer noch, man würde ihnen einen fairen Prozess machen. Sie wissen ja nicht einmal, was sie eigentlich getan haben sollen.

Claudio Tamburrini © privat

Alejandro und Jorge, zwei Zellengenossen Tamburrinis, werden "verlegt", wie es damals heißt. Man werde sie zu offiziellen Gefangenen machen, mit sämtlichen Rechten. "In der Mansión Seré", erinnert sich Tamburrini, "waren wir ja nichts anderes als Geister, vom Angesicht dieser Erde getilgte Personen. Deshalb konnten wir uns auch bei niemandem beschweren." Die anfängliche Hoffnung weicht Entsetzen, als einer der Wärter Tamburrini und seinen Zellengenossen erzählt, was wirklich passiert ist: "Wir fragten ihn nach Alejandro und Jorge, ob sie schon verlegt worden seien", sagt Tamburrini.  "Er antwortete nur überrascht: 'Die Geschichte habt ihr geglaubt? Die beiden sind längst unter der Erde. Ihr alle seid tot.'"

Sie traten ihn und schlugen ihn in den Magen

Verzweiflung macht sich in Tamburrinis Zelle breit, Todesangst, doch aus ihr erwächst der wahnwitzige Gedanke an Flucht. "Mein Zellengenosse Guillermo entdeckte eines Tages unter seinem Bett einen losen Nagel, und wir schafften es tatsächlich, damit das Fenster zu öffnen. In diesem Moment fühlte ich mich, als würde ich fliegen, und mich selbst wie ein Zuschauer betrachten." Doch zwischen der Entstehung des Plans und der Flucht vergehen anderthalb quälende Monate, in denen Tamburrini und seine Mitgefangenen geschlagen und eingeschüchtert werden. "Es gab unter dem Wachen diesen Witz", sagt er. "Sie fragten: 'Wer ist der Torwart von Almagro?', und wenn ich sagte 'Ich', schlugen sie mir in den Magen und sagten 'Na dann fang mal den hier!'"

Nachts werden die Gefangenen zum Schlafen an ihre Betten gefesselt, und so scheinen ihre Folterknechte es nicht in Betracht zu ziehen, dass jemand tatsächlich einen ernsthaften Fluchtversuch planen könne. Dann ist scheinbar das Ende aller Hoffnungen gekommen, nur ein paar Tage vor der tatsächlichen Flucht sagt man Tamburrini und seinen Freunden: "Wir wissen, dass ihr einen Ausbruch plant, aber wir lassen euch machen, damit wir unten warten und euch töten können." Tamburrini erinnert sich an diesen schrecklichen Moment: "Auch zu den anderen Gefangenen waren offenbar Gerüchte um unsere Flucht durchgedrungen. Einer der Mithäftlinge aus einer anderen Zelle flehte mich an: 'Wenn ihr abhaut, nehmt mich mit, bitte, lasst mich nicht hier drin zurück!'"

Er wird Zeuge der Anklage

Tamburrini, Guillermo und ihre beiden Zellengenossen sind verzweifelter denn je, doch genau diese Hoffnungslosigkeit gibt ihnen die Kraft, ein paar Tage später den Fluchtversuch zu wagen. Es ist der 24. März 1978. Sie lösen, wie schon vorher geübt, ihre Hand- und Fußfesseln und öffnen mit dem Nagel das Fenster. Mit der Kordel aus ihrem Rollo und den Fesseln binden sie ihre Laken aneinander und seilen sich auf den Balkon ab, bevor sie in den Garten gelangen und anfangen, um ihr Leben zu rennen. Jedes Mal, wenn sich ein Auto nähert, drücken sie sich in das feuchte Gras und hoffen, es möge vorbeifahren. Ihre Flucht wird schnell bemerkt, schon bald werden sie von Helikoptern gejagt. Doch irgendeine höhere Macht muss in dieser Nacht auf ihrer Seite sein, ein schweres Gewitter setzt ein und zwingt die Maschinen zum Umkehren.

Viele verwirrende Gedanken schießen Tamburrini in den Kopf, doch es ist ein Anblick, den er nicht vergessen hat. Er sagt: "Ich drehte mich zu unserem Gefängnis um und sah das Fenster, aus dem wir kurz zuvor geklettert waren, hell erleuchtet. Ich fühlte übermenschliche Freude und dachte, egal wie das Ganze nun ausgeht, alleine dafür hat es sich gelohnt. Ich fühlte mich wirklich frei, ich war wieder Teil des Lebens." Während die anderen sich versteckt halten, sucht Guillermo ein Telefon und alarmiert seinen Vater, der die vier nach Stunden endlosen Wartens abholt und in Sicherheit bringt. Er riskiert auch sein Leben.

Gefängnisstrafen für seine Peiniger

Tamburrini versucht irgendwie, normal zu leben. Aber es ist ein Leben in Angst und dem ständigen Gefühl, verfolgt zu werden. Über Puerto Iguazú flieht er nach Brasilien, bevor es ihn als politischen Flüchtling nach Schweden verschlägt. Dort lebt er noch heute, bis vor Kurzem lehrte er als Professor an der Universität von Stockholm. So zynisch es klingen mag, diese Karriere und auch sein heutiges Leben verdankt er auch den 120 Tagen in der Mansión Seré, wie er heute sagt: "Die Entführung und die Flucht haben mein Leben radikal verändert, und ich bin sicher. Zum Besseren. Ich wäre heute nicht der, der ich bin, wäre ich damals nicht gezwungen gewesen, mein Land zu verlassen."

1984 kehrt Tamburrini das erste Mal in seine Heimat zurück, besucht Buenos Aires eigentlich nur als Tourist, als er gebeten wird, vor Gericht als Zeuge gegen die Militärjunta auszusagen. Wenig später wird er Teil des Teams um Chefankläger Julio Strassera und schreibt aufgrund seiner dortigen Erfahrungen seine Doktorarbeit mit dem Titel Crime and Punishment?. Hochrangige Angehörige der Militärjunta, unter ihnen General Jorge Rafael Videla und Admiral Eduardo Massera, wurden auch dank seiner Hilfe zu lebenslänglichen Gefängnisstrafen verurteilt.

Kurz nimmt Tamburrini in seiner neuen Heimat Schweden sogar das Fußballspielen wieder auf, doch das Dümpeln in der vierten schwedischen Liga frustriert ihn. Er konzentriert sich bald auf seine Studien. Sein Heimatland Argentinien besucht er regelmäßig, vor allem sein altes Viertel. Er ist ein anerkannter Philosoph und hat eine Frau und drei Kinder.

Dass seine Tage in der Mansión Seré ihn bis heute beschäftigen, merkt man, wenn Claudio Tamburrini sagt: "In schwierigen Momenten an die Mansión zu denken, hat mir in der Vergangenheit stets Kraft und Ruhe gegeben. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass ich genau dieselbe Erfahrung auch heute noch einmal durchmachen würde. Ich weiß ja, wie es ausgegangen ist."