Über die Nationalelf wurde zuletzt viel geredet: Sie ist als "Mannschaft" gebrandet. In Frankfurt entsteht eine Akademie, wo alle großartigen Ideen deutscher Fußballdenker in einem Thinktank gebündelt werden. Der Trainer feilt seine Fingernägel. Eine Schlagzeile nach der anderen.

Im Spieljahr 2014/15 der Nationalmannschaft ging es mehr um gute Laune, Visionen und dies und das als um sportliche Höchstleistungen. Und man müsste schon Pedant sein, um dies der Mannschaft und dem Trainer zu verübeln. Es war das Jahr des Schaulaufens nach dem Triumph von Rio. Über Niederlagen gegen Polen, Argentinien und die USA sah man genauso hinweg wie über die Unentschieden gegen Irland und Australien sowie anderes Gekicke. Deutschland hat als Weltmeister 2014 noch kein gutes Spiel gemacht, gemeckert wurde trotzdem nicht.

Das Jahr nach Rio war für den DFB ein Kulanzjahr zwischen Vergangenheit und Zukunft. Joachim Löw sagt: "Im vergangenen Jahr haben wir nicht weltmeisterlich gespielt, klar." Das ist selbstkritisch. Das heißt auch: Das Jahr ist vorbei. Jetzt geht's los. Jetzt ist Gegenwart. Jetzt muss er die Feile weglegen.

Es wird wieder ernst. Die deutsche Elf spielt am Freitag gegen Polen und am Montag gegen Schottland um Punkte für die EM-Qualifikation. Nach den Siegen in Gibraltar und Georgien ist sie von Platz 4 auf 2 geklettert, mit einem Sieg gegen Polen würde sie die Tabellenführung übernehmen. Doch sollte die Mannschaft so spielen wie im Vorjahr, ist gar nicht so sicher, dass sie sich direkt für das Turnier in Frankreich qualifiziert. Zumal es angenehmere Aufgaben gibt als die Herbstreisen nach Glasgow am Montag und Dublin im Oktober.

Tah und Ginczek versprechen viel

Dass Oliver Bierhoff bereits das Hotel am südlichen Ufer des Genfer Sees als französisches Basislager auserkoren hat, ist dennoch verständlich. Der Modus der Quali verzeiht, weil die EM erstmals mit 24 Teams ausgetragen wird. Selbst der Dritte in der Gruppe hat noch die Chance über die Playoff-Runde. Noch entscheidender für deutsche Zuversicht dürfte sein: Deutschland hat einfach die besseren Spieler als die Gegner auf diesem Level.

Trotz der Rücktritte von Miroslav Klose, Philipp Lahm und Per Mertesacker bleiben Löw noch zwanzig Weltmeister, darunter Spieler der Elite wie Manuel Neuer, Thomas Müller, Toni Kroos und Jérôme Boateng. Dazu die stillen Reserven İlkay Gündoğan, Holger Badstuber, Marco Reus und Julian Draxler, die im Vorjahr verletzt oder außer Form waren. Oder die vielen deutschen Talente, von denen Jonathan Tah, Patrick Herrmann und Daniel Ginczek am meisten versprechen.

Trainer und Führungsspieler sprechen längst vom Ziel EM-Sieg, Löw sogar von der "Mission Titelverteidigung", also dem Sieg in Russland 2018. Löw hat sich aber auch skeptisch über den deutschen Nachwuchs geäußert: "Grundsätzlich ist es so, dass wir eine Reihe von jungen, sehr talentierten Spielern haben", sagte er der Süddeutschen Zeitung. "Aber es sind nicht so viele, wie alle denken. Da muss man auch mal mahnend den Finger heben. Viele glauben, in Deutschland gäbe es Talente wie Sand am Meer. Das stimmt nicht. Wir reden hier vom Maßstab Weltklasse, nicht von einem guten Bundesligaspieler."

Was Löw meint: Nach wie vor fehlt es an Stürmern, oft stellt Löw aus Verlegenheit Müller oder Mario Götze in die Spitze. Im zentralen Mittelfeld mangelt es an Spielern, die sowohl defensiv als auch offensiv stark sind. Die größte Vakanz gibt es bei den Außenverteidigern. Die Neulinge Jonas Hector aus Köln und Sebastian Rudy aus Hoffenheim sind im Löw-Maßstab noch nicht viel mehr als gute Bundesligaspieler. Der Liverpooler Emre Can ist technisch beschlagen und physisch stark, aber eher ein Allrounder als ein Spezialist für eine Position.

Nicht nur deswegen wiegt es schwer, dass Deutschlands bester Außenverteidiger, Deutschlands bester Fußballer, Philipp Lahm, aufgehört hat. Sein Nachfolger als Kapitän, Bastian Schweinsteiger, mag die größere Ausstrahlung haben, aber sportlich hat er nicht das gleiche Format. Man vergleiche bloß die sechs gemeinsamen Turniere beider. Lahm war gut zehn Jahre lang konstant auf höchstem Niveau. Er hat zuletzt auch das Team gut geführt, auf die leise, subtile Art.

Der Pragmatismus von Rio

Der Titelgewinn in Brasilien war weniger das Resultat eines speziellen Fußballstils, eher trug die psychologische Dynamik eines Turniers dazu bei. Der Kern der Mannschaft bestand aus Spielern, die in den Jahren zuvor einige Niederlagen einstecken mussten. Umso entschlossener gingen sie in Brasilien ans Werk.

Auch der Trainer war in Brasilien in weltmeisterlicher Form. Vor der WM war er stark kritisiert worden, was ihn offenbar angestachelt hat. In Brasilien saßen seine Entscheidungen. Weil er es für notwendig erachtete, stellte er vier Innenverteidiger in die Abwehr. Dieser Pragmatismus ging auf.

Im Jahr danach war Löw großzügiger, nachsichtiger. Er ließ mal mit der Dreierkette verteidigen, ohne dass das Experiment überzeugt hätte. Ergebnisse seien ihm nicht wichtig, gab er nach Testspielen zu verstehen. Die Tabelle der Quali-Gruppe kenne er nur ungefähr, sagte er in diesen Tagen.

Wollen die Deutschen den Erfolg von Rio wiederholen und es den Spaniern gleichtun, die zwischen 2008 und 2012 alle drei großen Turniere gewannen, braucht es ein taktisch stabiles Gerüst. Die Spanier waren Avantgarde, ihre Spielidee ist es noch immer. "Wir wollen den Ball haben", sagt Löw über seine, "das Spiel selbst gestalten." Wollen die Deutschen Rio wiederholen, braucht es auch den pragmatischen, entschiedenen Löw von Rio.