Es ist still. Mitten in einem Waldstück, etwa 30 Kilometer außerhalb von Kiew, säumen Kiefern und Eichen ein perfekt gepflegtes Rasenviereck. Am rostigen Zaun um den Sportplatz prangen gelb getünchte olympische Ringe. Gras wächst zwischen den wackeligen Gehwegplatten, der Belag der Tartanlaufbahn löst sich auf, im Unterholz rascheln Eichhörnchen. Seit die Anlage als Trainingsplatz für die Leichtathleten der Olympischen Spiele 1980 gebaut wurde, hat sich nicht viel getan.

Hier bereitet sich ein Champions-League-Club auf seine Spiele vor, Schachtjor Donezk, die Ukrainer. Ein Kontrast, der größer kaum sein könnte, verglichen mit dem luxuriösen Trainingszentrum, das der Club in der Nähe von Donezk hatte, seiner Heimat, mehr als 600 Kilometer entfernt. Zum öffentlichen Training an einem Freitag im September kommen keine Fans, nur ein Dutzend Journalisten und zwei Bauarbeiter. Rauchend stehen die beiden mit freiem Oberkörper neben einer Baracke – der Umkleide für die Spieler  – und rühren in einem Farbeimer Zement für den Gehweg an.

Am Mittwoch steht für Schachtjor das erste Heimspiel in der Gruppenphase der Champions League gegen Paris St. Germain an. Doch Schachtjor-Heimspiele sind anders: Es ist schon die zweite Saison, die das Team weit entfernt von seiner Heimat, den Fans und dem eigenen Stadion beginnt, in Lwiw, im äußersten Westen des Landes, mehr als 1.200 Kilometer entfernt von der Heimat. Trotz der schwierigen Bedingungen hatte es Schachtjor in der vergangenen Saison immerhin zur Vizemeisterschaft hinter Dynamo Kiew und in der Champions League ins Achtelfinale gebracht.

Das eigene Stadion wurde im Krieg getroffen

Was eigentlich ein Notbehelf sein sollte, hat sich in einen absurden Dauerzustand gewandelt. Schachtjor ist im Fußballexil. Mit dem Beginn des Krieges im Osten der Ukraine wurde es für den Club zu gefährlich. Donezk ist eine Hochburg der von Russland unterstützten Separatisten. Die Kämpfe haben seit dem Frühjahr 2014 nach OSZE-Angaben mindestens 6.500 Todesopfer gefordert, ukrainische Soldaten und Freiwillige, Kämpfer der Separatisten, Zivilisten, Männer, Frauen, Kinder. Die Donbass Arena, noch 2012, als hier zur Europameisterschaft 2012 unter anderem das Halbfinale zwischen Portugal und Spanien stattfand, ein Tempel aus Beton, Stahl und Glas, liegt nur wenige Kilometer von der Frontlinie entfernt und wurde mehrfach getroffen. Zum Saisonbeginn 2014 verließ der Verein Donezk, nachdem sich mehrere Spieler – darunter auch der Bayern-Neuzugang Douglas Costa – geweigert hatten, in die Stadt zurückzukehren.

Seine Zentrale hat der Verein seitdem in einem luxuriösen Hotel im Botschaftsviertel von Kiew eingerichtet. Dort trifft man sich zur Teambesprechung, dort behandeln die Physiotherapeuten die Spieler. Das Hotel Opera gehört wie auch Schachtjor zur Holding des Oligarchen Rinat Achmetow, einem Dollarmilliardär, der sein Geld vor allem mit Kohlegruben, Stahlwerken und Kraftwerken verdient. Hotelpagen parken die teuren, schwarzen Limousinen, mit denen die Spieler vorfahren.

Manchmal mehr Gästefans als eigene

In der mit Marmor ausgekleideten Hotellobby, in der sich Männer in Anzügen zu geschäftlichen Gesprächen treffen, wirkt der Innenverteidiger Ivan Ordets wie aus einer anderen Welt. Er trägt seine Trainingskluft: Laufschuhe, orangefarbenes Polohemd, schwarze Shorts. Das Schwarz steht für die Steinkohle des Donbass, das Orange für das Feuer der Grubenlampen. Schachtjor bedeutet auf deutsch Bergmann.

Ordets hat die Jugendmannschaften des Vereins durchlaufen. Am meisten fehle der Mannschaft der Kontakt zu den Fans, erzählt er. Die Donbass Arena mit ihren mehr als 51.000 Plätzen sei immer voll gewesen. Das habe der Mannschaft Kraft gegeben. Nun, in Lwiw, werde die Mannschaft nur in der Champions League wirklich unterstützt. Bei Spielen in der ukrainischen Liga seien manchmal die Anhänger der eigentlichen Gastmannschaft in der Überzahl. Der Club habe zwar für gute Bedingungen für die Spieler gesorgt, so Ordets. "Dennoch träumen wir alle davon, zurückzukehren."

Ordets ist selbst aus dem Donbass, geboren in Wolnowacha, einer Kleinstadt zwischen Donezk und Mariupol. Im Januar 2015 starben dort zehn Zivilisten, als ein Bus mit Granaten beschossen wurde. Seine Eltern leben noch in dem Ort, erzählt er. Er halte Kontakt über Telefon und Internet. Ihnen gehe es gut. Natürlich sei er besorgt, schließlich sei die Frontlinie zu den Separatistengebieten nur ein paar Kilometer entfernt. Wenn es um den Krieg und seine Eltern geht, werden die Antworten des 23-Jährigen kürzer. Reden möchte er trotzdem darüber, sagt er.

"Wir vermissen Donezk"

Auf dem Trainingsplatz ist der Kapitän Darijo Srna einer der ersten. Er klatscht in die Hände, um die anderen Spieler anzutreiben. Der kroatische Nationalspieler ist einer der Stars des Teams. Krieg, Leid, Vertreibung und Flucht kennt er schon aus seiner Jugend. Er wurde als Sohn eines bosnischen Muslims im südkroatischen Metković geboren. Während der Balkankriege musste die Familie während der neunziger Jahre in sicherere Teile des Landes fliehen.

In Donezk spielt Srna schon seit dem Jahr 2003, es ist zu seiner zweiten Heimat geworden. "Wir vermissen Donezk", sagt er. Schon mehr als ein Jahr sei er nicht mehr dort gewesen. "Kinder sollten wieder in die Schule gehen können, Fußballspieler sollten Fußball spielen", sagt Srna. Der Krieg im Osten der Ukraine führe zu gar nichts. Am Ende werde der politische Konflikt an einem Verhandlungstisch entschieden. "Das hätte man auch ohne all das Schießen und die Toten machen können", sagt er. 

Anfangs war es für den Verein eine pragmatische Entscheidung, in Lwiw zu spielen, weil das Stadion den Vorgaben der Uefa für die Champions League erfüllt. Aber: "Meine Spieler verbringen zu viel Zeit im Flugzeug", sagt der Trainer Mircea Lucescu. Zu manchen Auswärtsspielen hat Schachtjor eine kürzere Anreise als zu seinen Heimspielen.