An einer großen weißen Wand im neuen Deutschen Fußballmuseum hängen "Die Köpfe des DFB". Wolfgang Niersbach hängt ganz oben, unter ihm die Porträts seiner Vorgänger, chronologisch sortiert. Niersbach lächelt, aber er strahlt nicht wie Theo Zwanziger. Niersbach guckt, aber guckt einen nicht an wie Gerhard Mayer-Vorfelder. Aber Wolfgang Niersbach hängt, wie gesagt, ganz oben, man muss zu ihm hochschauen. Noch.

Je höher man steht, desto tiefer der Fall, das wissen Fußballfans so gut wie Funktionäre. Als sie 2014 ganz oben standen, die Deutschen, als Fußballweltmeister in Brasilien, da war das Museum in Dortmund schon fast fertiggebaut. Mensch, was für ein Zeitpunkt, haben sie da gedacht. Ehe der DFB versumpft ist, mit dem vermeintlich gekauften Sommermärchen 2006, im möglicherweise größten Korruptionsskandal des deutschen Fußballs. Ausgerechnet jetzt muss er sein Museum eröffnen, dieses 41-Millionen-Euro-Monster. Was für ein Zeitpunkt, müssen sie jetzt denken.

Aber viele denken nicht viel an diesem grauen Sonntagmorgen. Es ist der erste Tag für die Besucher, für all die Fußballfans und Hobbypatrioten. Um elf Uhr geben Oberbürgermeister Ullrich Sierau, der Ligaverbandspräsident Reinhard Rauball und der DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock den futuristischen Klotz gegenüber vom Dortmunder Hauptbahnhof für die Menge frei. Die Schlange war lang: Familien mit Kindern, ältere Paare, Dortmundfans in Kutte. Menschen machen Selfies, warten, die DFB-Fahne in der einen, die Bild-Zeitung in der anderen Hand. Das DFB-Maskottchen Paule, ein schwarzer Bundesadler, der durchaus auch als Rabe durchgehen könnte, winkt und winkt und winkt. Dann zählten die Offiziellen den Countdown runter, Paule machte Laola, Anpfiff für das Deutsche Fußballmuseum.

"Es gibt ja kaum Fakten"

Dass der DFB ausgerechnet Dortmund und nicht etwa München, Hamburg oder Berlin als Ort für die nationale Ballsportgedächtnisstätte wählte, erklärt der Museumsdirektor Manuel Neukirchner so: Hochfrequentiertes Gebiet, gute Verkehrsanbindung, viele Vereine – "aber vor allem wollte der DFB damit ins Ruhrgebiet, weil der Fußball hier so authentisch ist wie nirgendwo sonst."

Bei "authentisch" steht im Duden: "den Tatsachen entsprechend und daher glaubwürdig". Was rund um die Vergabe des Sommermärchens 2006 den Tatsachen entspricht, was ein Märchen bleibt und ob der DFB noch glaubwürdig ist, bleibt in diesen Tagen ungewiss. Der Museumschef Neukirchner sagt: "Das Thema überschattet die Eröffnung, klar, das können wir gerade nicht verhindern. Aber wir sprechen da über Konjunktive, es gibt ja kaum Fakten."

Die Besucher sprechen darüber am liebsten gar nicht. Sven Anders, 38, Dortmunder, will einfach mal gucken und sich keine Gedanken um Skandale machen. Die finde man doch in jedem Konzern, wenn man nur tief genug gräbt. Ein Ehepaar aus Dortmund hofft, dass es trotz Skandal genug Interesse und Besucher gibt und bedauert den ungünstigen Zeitpunkt für diesen Skandal. "Es erschüttert uns nicht, es geht ja selten mit rechten Dingen zu, so ist das Leben." Und ein junger Mann aus Gießen, der zur Eröffnung 200 Kilometer gefahren ist, weil er den Besuch für echte Fans unverzichtbar findet, sagt: "Seien wir mal ehrlich, das war alles keine Überraschung. Und selbst wenn, es war ja irgendwie für einen guten Zweck."