Die augenblickliche Überlegenheit ist nämlich vor allem das Werk Pep Guardiolas. Dessen Einfluss wird gerne bagatellisiert. Der Stammtischspruch, dass mit diesem FC Bayern auch der Kneipenwirt Titel sammeln würde, hält sich hartnäckig. Er könnte sogar stimmen, vielleicht würde der Wirt Meister werden, aber nicht so. Mit seiner Phantasie und Akribie hat Guardiola den FC Bayern zu einer Mannschaft gemacht, die alles kann: schnell spielen, langsam, kurz, lang, flach, hoch. Binnen Sekunden wechselt sie das System und spielt jedes mit einer schauerlichen Souveränität.

Doch das ist nicht alles. Guardiola hat die Bayernkultur geändert. Dortmunds Trainer Thomas Tuchel hat das so formuliert: "Neben der Qualität ist es die Atmosphäre, die Bayern geschaffen hat und die Pep aufs höchste Level gedreht hat. Es ist die Bescheidenheit, die Lust, die Haltung, die Schärfe." All das hängt nicht zuletzt an Guardiola. Früher stichelten die Bayern, provozierten und hatten Freude daran. All das ist nicht der Stil ihres Trainers. Das ist unter seiner Würde. Er gewinnt die Spiele nicht durch Psychotricks wie sein Antagonist José Mourinho, sondern durch Klasse.

Geld haben die Bayern schon seit Jahrzehnten

Es hängt also mehr an diesem Mann, als sie vielleicht sogar in München ahnen. Umso nervöser sollte der Club sein, dass sich Guardiola noch immer nicht zu seiner Zukunft geäußert hat. Vielleicht geht er nach der Saison, vielleicht bleibt er noch ein Jahr. So richtig warm zu werden scheint er nicht beim FC Bayern. Auch weil die Öffentlichkeit lieber über seine gerissene Hose diskutiert als über taktische Geniestreiche.

Sollte Guardiola gehen, kann eine falsche Trainerentscheidung viel kaputtmachen. Ohne ihn ist es gut möglich, dass die Bayern trotz ihres wirtschaftlichen Vorsprungs ihren sportlichen einbüßen. In Gelddingen übermächtig sind die Bayern schon seit Jahrzehnten. Doch haben sie lange nur das Nötigste draus gemacht. Dass sie auch oft nicht Meister wurden, lag nur daran, dass im sportlichen Bereich viel falsch lief.

Vielleicht sollte man auch den Rest der Liga nicht abschreiben. Der BVB hat vor ein paar Jahren gezeigt, dass es geht. Mit der richtigen Idee zur richtigen Zeit am richtigen Ort lassen sich auch wirtschaftliche Nachteile überwinden. Geld allein schießt keine Tore. Fragen Sie nach bei Manchester United oder dem FC Chelsea. Es braucht auch eine Idee. Herr Tuchel, lassen Sie sich Zeit.