Der Bundesligabetrieb läuft ungeachtet des womöglich größten Skandals des deutschen Fußballs weiter. Doch die Indizien, dass der DFB Teil des Fifa-Systems sein könnte, sind in den Stadien angekommen. Die Nürnberg-Fans hielten beim Heimspiel gegen den FSV Frankfurt ein Banner hoch: "DFB: dreckiges, geldgeiles, korruptes Funktionärsgesindel". Und noch eins: "Lieber eine verbotene Choreo als eine gekaufte WM. Fick Dich, DFB!".

Worauf die Clubberer anspielen: Der Spiegel berichtet in der aktuellen Ausgabe von einer schwarzen Kasse, die der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus kurz vor der WM-Vergabe im Sommer 2000 mit umgerechnet 6,7 Millionen Euro gefüllt haben soll. Zweck: Kauf von vier asiatischen Wahlstimmen. Fünf Jahre später hat Dreyfus das Geld angeblich zurückverlangt. Und der DFB soll die Schuld mithilfe der Fifa über deren Zweitkonto beglichen haben.

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hat gestern in einem Interview auf dfb.tv erstmals dazu Stellung genommen. Den zentralen Vorwurf, die WM 2006 sei gekauft gewesen, stritt er ab. "Ich kann versichern, dass es im Zusammenhang mit der Bewerbung und der Vergabe der WM 2006 definitiv keine schwarzen Kassen beim DFB, dem Bewerbungskomitee noch dem späteren Organisationskomitee gegeben hat", sagte der DFB-Präsident und erinnerte daran, dass der Spiegel keinen Beweis für Bestechung erbracht habe. Was der sogar selbst sagt und schreibt.

Außer Frage steht jedoch die Millionenzahlung des DFB an die Fifa, die der DFB am Freitag bereits eingeräumt hatte. Wenn man seine Presseerklärung richtig versteht, glaubt der DFB, die Fifa habe das Geld zweckentfremdet, das angeblich für die WM-Eröffnungsgala des Kulturprogramms vorgesehen war. Der DFB behauptet zudem, er habe von dieser Unregelmäßigkeit seit Monaten Kenntnis und lasse sie seitdem prüfen. Die Wirtschaftskanzlei Freshfields-Bruckhaus-Deringer sei damit beauftragt worden, ergänzte Niersbach.

Allerdings bleiben nach Niersbachs Aussagen viele offene Fragen:

  • Sind die 6,7 Millionen Euro nicht im Haushalt verbucht?
  • Gab es eine Rechnung oder eine Zahlungsbestätigung der Fifa über die Summe?
  • Fiel niemandem beim DFB fast zehn Jahre lang auf, dass eine teuer bezahlte Eröffnungsgala gar nicht stattfand, obwohl alle Zeitungen damals darüber berichteten?
  • Warum verweigerte Niersbach dem Spiegel die Auskunft, obwohl er doch angeblich seit Monaten von der Zahlung weiß?
  • Wie lange wollte Niersbach der Öffentlichkeit die Millionen verschweigen?
  • Wie kann sich Niersbach sicher sein, dass die Zahlung nichts mit der WM-Bewerbung zu tun hat, wie er behauptet, wenn er den ganzen Vorgang doch zurzeit erst prüfen lässt?
  • Wie kann es sein, dass er diese Prüfung initiiert hat, obwohl er 2005 selbst Teil des WM-OK war?
  • Wird der DFB gegen die Fifa rechtliche Schritte einleiten, die er ja auch dem Spiegel androht?
  • Wurde Theo Zwanziger, der damalige Präsident, bei der internen Prüfung befragt?

Zweifel an seiner Offenheit weckt Niersbach auch durch seine Behauptung, er könne sich nicht an seine Unterschrift ("Honorar für RLD") erinnern. "Ich möchte die Redaktion des Spiegels bitten", sagt er, "uns dieses Papier zu überlassen, um nachvollziehen zu können, worum es sich handelt und ob es überhaupt meine Handschrift ist." Das klingt nach Taktiererei, wo doch Offenheit gefragt wäre, wie auch die Presseinfo des DFB am Freitagvormittag. Das macht der DFB gerne, um unliebsamen Berichten zuvorzukommen.

Völler unterstützt Niersbach

Auffällig auch, dass Niersbach nicht mit der Presse sprach, sondern mit dem verbandseigenen Medium. Das verstärkt den defensiven Eindruck des DFB-Präsidenten, der ohnehin für selektive Pressearbeit bekannt ist. Das ist einer der Gründe, warum die Spiegel-Redaktion nun Niersbachs Rücktritt fordert. Er habe seine Glaubwürdigkeit in den Tagen seit ihrer Anfrage eingebüßt.

Auch DFB-intern scheinen manche von ihrem Präsidenten abzurücken. Von der angeblichen Prüfung der Fifa-Zahlung hat offenbar kaum jemand in Frankfurt etwas gewusst. Das Präsidium habe erst am Freitag davon erfahren, bestätigten zwei Quellen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Vermutlich fürchten die, in Mithaftung genommen zu werden. Soll das alles also ein Alleingang des Präsidenten gewesen sein? Oder eher eine Schutzbehauptung, eine Erfindung?

Schutz erhält Niersbach vom Establishment. Rudi Völler stellte sich auf die Seite des Fußballbundes. Fedor Radmann, Franz Beckenbauers Berater, bot gar eine eidesstattliche Versicherung an, dass die WM nicht gekauft gewesen sei. Die Bild-Zeitung hält sich mit Kritik an Niersbach und Beckenbauer zurück. Der DFB-Pressesprecher Ralf Köttker kündigte bei Sport1 eine "vehemente" Gegenoffensive an. Und der ehemalige Fifa-Mann Guido Tognoni versuchte im ZDF-Sportstudio, die angebliche Quelle des Spiegels, Theo Zwanziger, zu diskreditieren. Es soll dessen Rache gegen seinen Nachfolger Niersbach sein.

Verdacht auf Geldwäsche

Mal abgesehen davon, ob solche unedlen Motive die Erkenntnisse der Spiegel-Recherche schmälerten – Zwanziger würde sich mit einer solchen Auskunft wohl selbst belasten. Er war zur Zeit der Rückzahlung an die Fifa DFB-Präsident. Er könnte sich also selbst dem Verdacht der Veruntreuung aussetzen.

Auch über die Fifa als Quelle wird spekuliert. Sepp Blatter und sein Umfeld befinden sich im Untergang und könnten einige Wegbegleiter mitreißen, zumal ihm die Fifa-Ethikkommission fünf Jahre Sperre androht, wie Die Welt berichtet. Niersbach könnte ebenso eine Suspendierung blühen, dann müsste er sein Amt als DFB-Präsident mindestens ruhen lassen. Möglich ist auch, dass sich deutsche oder Schweizer Staatsanwälte der Sache annehmen. Sollte es zutreffen, dass die Fifa Dreyfus' Darlehen, mit dessen Hilfe bestochen worden sein soll, weitergeleitet hätte, wäre das wohl Geldwäsche. 

Als der Schiedsrichter der Partie Nürnberg gegen Frankfurt in der Nachspielzeit wieder mal einen hanebüchenen Elfmeter gegen den FCN gab, erschallten "Fußballmafia DFB"-Rufe. Niersbach mag zwar schwer unter Druck stehen, diesen Fehler wird man ihm aber nicht anlasten können.