Der über dem Gesetz steht – Seite 1

Franz Beckenbauer schaute bedrückt. Neben ihm stand: "Neuer Ärger für Beckenbauer". So sah die Seite der Bild-Zeitung am Mittwoch aus. Sie will gehört haben, dass die Fifa ihn sperren könnte. Es muss schlecht um ihn stehen, wenn die ihm gesonnene Zeitung so was schreibt. Überhaupt, dass er mit Nachnamen genannt wird und nicht einfach der Franz ist, oder der Kaiser, das müsste ihm ein Alarmzeichen sein.

Der mächtige Beckenbauer ist in der Defensive. Der Spiegel hat eine Millionenzahlung des DFB an die Fifa entdeckt, die Beckenbauers Sommermärchen trübt. Und die Fifa gab am Mittwoch bekannt, ihre Ethikkommission habe gegen ihn ermittelt und werde bald ein Urteil fällen. Mag sein, dass er ohne Strafe davonkommt. Doch im Vorjahr sperrte sie ihn für neunzig Tage, nachdem er sich geweigert hatte, die Fragen der Ermittler zu beantworten. Die WM in Brasilien fand ohne ihn statt. Eine Majestätsbeleidigung.

Über Beckenbauer wird zunehmend geredet, wenn es um die Moral des Fußballs geht. Sein Ansehen leidet. Für viele Fußballfans ist er zwar noch immer eine Lichtgestalt. Für viele andere längst eine Witzfigur, eine Art Doppelgänger von Dittsche. Doch ist er nach wie vor einer der gewieftesten Geschäftsmänner im globalen Fußballbusiness.

Was dealte er mit den Kataris?

Beckenbauer hat mit den beiden skandalösen WM-Vergaben an Russland und Katar im Dezember 2010 zu tun, er war als Mitglied der Fifa-Exekutive einer von 22 Wählern. Ein möglicher Grund für die Fifa-Ermittlungen ist seine Reise zum Emir von Katar ein Jahr zuvor. Das verbietet der Ethik-Code der Fifa. Für Katar habe Beckenbauer nicht gestimmt, ließ er über seinen Golfpartner Alfred Draxler in der Bild mitteilen. Angeblich habe Beckenbauer den Scheich sogar überreden wollen, die Bewerbung fallen zu lassen. Das kann man glauben, muss man aber nicht.

Die aktuelle Spiegel-Story enthält eine andere pikante Mutmaßung: Beckenbauer könnte den Kataris seine Stimme als Dank für deren Unterstützung der WM 2006 gegeben haben. Das wäre ein noch höherer Preis für Deutschland als die 6,7 Millionen Euro. Katar missachtet Menschen- und Arbeitsrechte. Auch wenn Beckenbauer "keinen einzigen Sklaven gesehen hat", wie er sagte.

Deutlicher wird Beckenbauers Interessenkonflikt bei der WM-Vergabe an Russland. Nur gut ein halbes Jahr nach der Wahl wurde er Sportbotschafter Russlands. Angeblich habe Beckenbauer Russland gewählt, "um den großen Konkurrenten England nicht noch größer werden zu lassen", schrieb Bild.

Die Sache hat offensichtlich ein Geschmäckle, zumal eine englische Zeitung sogar bereits Mitte 2010 prophezeit hatte, dass Beckenbauer und Russland Geschäftspartner werden würden. Nachfragen verbittet er sich, auch über sein Honorar. "Die genaue Summe habe ich vergessen", sagte sein Manager Marcus Höfl, der Mann von Maria Höfl-Riesch.

Er zählt zum Hof des Monarchen Beckenbauer und organisiert das Camp Beckenbauer, das jährliche Treffen des globalen Sportadels. Dort trifft man, wenn man Einlass erfährt, auch Fedor Radmann. Der jahrzehntelange Vertraute Beckenbauers hat beim ehemaligen Adidas-Chef Horst Dassler die Sportpolitik des Geben und Nehmens gelernt. Radmann war beispielsweise für Australiens Verband bei der WM-Bewerbung 2018 und 2022 hochdotierter Berater. Der ehemalige Fifa-Mitarbeiter Guido Tognoni bezeichnete ihn in diesen Tagen als "Mann fürs Grobe … fürs sehr Grobe". Eine ideale Ergänzung zu Beckenbauer, dem Mann für die große Bühne.

Seine Steuern zahlt er längst in Österreich

Beckenbauer beherrscht alle Tricks, nicht nur auf dem Rasen. Er war die treibende Kraft der deutschen WM-Bewerbung. Als der damalige DFB-Präsident Egidius Braun auf die Ausstrahlung der deutschen Wiedervereinigung hoffte, um die Welt von der Schönheit Deutschlands zu überzeugen, soll Beckenbauer, mit den Gepflogenheiten des Fußballs vertraut, gesagt haben: "Das interessiert hier keinen." Als Präsident Bayern Münchens schickte er seine Mannschaft in die Weltgeschichte. Sein Partner Leo Kirch kaufte die wertlosen Rechte an den Testspielen für Millionen, und dann gab es von dort Stimmen für Deutschland.

Beckenbauer war schon als Spieler geschäftstüchtig. Robert Schwan, der Manager des FC Bayern, wurde sein persönlicher Manager. "Ich kenne nur zwei vernünftige Menschen: Robert Schwan am Vormittag und Robert Schwan am Nachmittag", sagte der. Die Werbegelder flossen, mit dem Fiskus nahmen es die beiden nicht so genau, stattdessen erfanden sie kreative Steuersparmodelle. "Es muss zwar sein, dass man einen Teil seines Einkommens an den Staat abführt", schrieb Beckenbauer in seiner Autobiografie. "Aber gleich so viel?" Später machte sich Beckenbauer gut als wandelnde Litfaßsäule. Er trat in Werbespots für teilweise konkurrierende Unternehmen auf. Seine Steuern zahlt er längst in Österreich, früher tat er das in der Schweiz.

Die Deutschen lieben Sieger

Beckenbauer durfte alles, auch wegen seiner Nähe zur CSU-Landesregierung. Und wegen seiner Popularität. Die Deutschen lieben Sieger, also lieben sie Beckenbauer. Kein anderer hat im heiligen Fußball so viel gewonnen wie er. Weltmeister als Spieler und Trainer. Beckenbauer steht quasi über dem Gesetz. Mit ihm legt sich kaum ein Politiker an. Nicht ganz zeitgemäße Aussagen über Doping schaden ihm auch nicht. Vielleicht nutzt ihm seine scheinbare Naivität sogar.

Hinter seinem Humor, seinem Charme und seinem Charisma versteckt sich nämlich ein ausgeprägter Instinkt. "Wie Herr Beckenbauer unser Land regiert", lautete vor gut zehn Jahren der Untertitel eines Beckenbauer-Porträts im SZ-Magazin. Wenn etwas nicht so läuft, wie er das will, kann er auch zum Choleriker werden. Als sich die Entscheidung über ein neues Stadion in München hinzog, sagte er: "Am besten ist, wir sprengen das Stadion einfach weg. Es wird sich doch ein Terrorist finden, der für uns die Aufgabe erledigen kann." Das war kurz nach dem 11. September. Es sind schon einflusslosere Leute über weniger gestolpert.

Auch wenn Beckenbauer in Deutschland kein bedeutendes Amt mehr ausführt, hat sein Wort noch immer Gewicht. Pep Guardiola brachte er im April 2014 nach der 0:1-Niederlage im Champions-League-Halbfinale mit einer Stilkritik in Bedrängnis. Wolfgang Niersbach soll er wegen dessen Distanzierung von Blatter in diesem Sommer den Kopf gewaschen haben.

Die aktuellen Vorwürfe des Spiegels, die WM 2006 sei gekauft gewesen, scheinen ihn aber zu treffen. Erstaunlich leise bestreitet er sie. Vielleicht folgen weitere Ermittlungen durch die Fifa oder sogar durch Staatsanwälte. Unwahrscheinlich ist, dass es Beckenbauer die Sprache ganz verschlägt. Vielleicht kommt bald der Befreiungsschlag. Vielleicht gibt er dann einfach zu, dass es mit den Schmierlappen der Fifa keinen anderen Weg gab: "Joa mei, es musst halt sein." Nicht ausgeschlossen, dass er damit durchkäme.