Er hat es wieder getan. Der Norweger Magnus Carlsen ist der alte und neue Weltmeister im Schnellschach. In der elften von 15 Partien, der ersten am Montag in Berlin, trifft er mit Schwarz auf den zu diesem Zeitpunkt allein mit ihm vorn liegenden Sergej Zhigalko. Der 26-jährige Weißrusse, zwei Jahre älter als der Weltmeister, ist ein Neuling auf der großen Bühne. Zehn Runden lang hat er keine Partie verloren. Nun hat er die weißen Steine, zeitweise einen Bauern mehr und zwei verbundene Freibauern noch dazu. Aber er findet kein Mittel gegen Carlsens einen Freibauern, dem der schließlich – Gruß ans Publikum – mit einem Damenopfer den Weg freisprengt. Von Zhigalko ist danach nichts mehr zu sehen; er kassiert noch eine Null, und kein Sieg will ihm mehr gelingen. Am Ende landet er auf dem 20. Platz.

In der 12. Partie wartet ein anderes Kaliber auf den nun allein mit neun Punkten führenden Carlsen: der einen halben Punkt zurückliegende Ukrainer Vassily Ivanchuk, ein Urgestein des internationalen Schachs. Der 46-jährige beherrscht mehr Eröffnungen als jeder andere Weltklassespieler und an guten Tagen kann er jeden schlagen – auch den halb so alten Carlsen.

Ivanchuk hat Schwarz, spielt Russisch, eine sehr solide Art die Partie zu beginnen; Carlsen wählt die schärfste Gegenvariante. Aber es ist Ivanchuk, der besser ins Spiel kommt und sofort zu pressen beginnt. Und wie das Publikum im Saal und draußen an den Bildschirmen spürt: Auf ein Remis ist der Haudegen nicht aus. Er will es dem jungen Burschen zeigen und kommt in einem verschachtelten Turmendspiel mit einer Serie kleiner, fieser Tricks.

Wenn selbst Schachcomputer grüblen

Jetzt zeigt sich das überragende Können Carlsens: Mag er auch unter Druck stehen, beeindrucken lässt er sich nicht. Tricks kann er auch. Und so ist es – nach einem phasenweise völlig undurchsichtigen Partieverlauf, der selbst Schachcomputer in tiefes Grübeln stürzen würde – Ivanchuk, der ausgetrickst wird. Carlsen bringt einen Bauern durch, Ende Gelände.

Für das Turnier ist es schade, denn nun führt Carlsen mit anderthalb Punkten Vorsprung bei noch drei fehlenden Runden. Der Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik hätte ihn in der direkten Begegnung in der vorletzten Runde noch anspringen können, aber der lässt es und gibt die Partie zum Kummer des Publikums nach wenigen Zügen Remis.

Carlsen siegt mit 11,5 Punkten aus 15 Runden ohne Verlustpartie und trägt 40.000 Dollar Prämie nach Hause. Auf dem zweiten Platz, mit zehn Punkten, sein Freund und gleichaltriger Sparringspartner, Jan Nepomniachtchi aus Russland, vor dem Aserbaidschaner Teimour Radjabov und dem Kubaner Leinier Domínguez Pérez.

Zwischendurch gönnt sich Carlsen ein Lächeln

Der glücklose Ivanchuk, der in guter Stellung durch Zeitüberschreitung auch noch gegen Radjabov verlor, wird Achter. Wladimir Kramnik landet auf dem siebten Platz, der Ex-Weltmeister Anand auf dem 24., völlig von der Rolle.

Nach dem Turnier gibt Carlsen Auskunft so ernst wie immer. Er ist ein Meister auch der gerunzelten Stirn. Zwischendurch gönnt er sich ein kurzes Lächeln. Es tut ihm gut, mal wieder ein Turnier zu gewinnen. In den letzten Monaten hat das nicht immer geklappt.

Hat er also seine Formkrise überwunden? "Es lief gut hier, aber nicht spektakulär", sagt er. "Ich habe nicht viele Fehler gemacht. Ich habe die Gelegenheiten genutzt, wenn sie sich geboten haben, und ich hatte meistens mehr Zeit als meine Gegner."

So einfach ist das.

Am Dienstag und Mittwoch werden alle weniger Zeit haben. Dann folgt der Schnellschach-WM die Blitzschach-WM: statt zehn Minuten nur noch drei Minuten auf der Uhr. Auch hier hat Carlsen einen Titel zu verteidigen.