Mit 16 träumten Stephen, Andrei und ich von heißen Schenkeln. Das klingt platt, aber so war das damals. Juliet Lowe hatte uns die Köpfe verdreht. Die Sommerferien lagen ein paar Tage hinter uns. Ich war neu an der Schule, ein englisches Internat, es war mein erstes Wochenende als Austauschschüler aus Deutschland. Andrei und Stephen, mit denen ich ein Zimmer teilte, hatten mir Juliet gleich am ersten Tag vorgestellt. Bloß weil es ihnen einen Grund gab, sie anzusprechen. Albernes Gehampel. Wir waren 16.

Wir lagen auf der Wiese hinter der Turnhalle und diskutierten über die langen Beine von Juliet und warum deutsche Models aussahen, wie sie nach Andreis Meinung aussahen. Obwohl das Gras halbhoch war, mussten wir aufpassen, dass niemand die gräulichen Ringe sah, die wir in den Augustnachmittag bliesen. Von rechts kam Willi, der im Zweibettzimmer neben uns wohnte, durch das wilde Gras herangerobbt. Er wusste, dass Mr. Seymour die Wiesen um die Turnhalle ablief, um sich die Raucher zu schnappen.

"Lasst mich ziehen an Zigarette!", sagte er. Willi, hatte Stephen mir erzählt, sei Rugby-Jugendnationalspieler in Georgien gewesen, bevor ihn seine Eltern vergangenes Jahr ins Internat nach England geschickt hätten. Wegen irgendeiner Verletzung hatte er die Saison verpasst. Dieses Jahr wolle er für die Erste Mannschaft spielen. Übermorgen, am Montag, sei Trainingsauftakt, sagte er. "Was sind das?" Willi kniff mir in den Oberarm. "Baumstämme? Du solltest spielen Rugby. Arm dick und stark, ja?"

Ich reichte Willi die Zigarette von Andrei weiter und fragte mich, ob Rugby-Nationalspieler in Georgien in etwa die Bedeutung eines American-Football-Verbandsmeisters im Saarland hatte. "Wenn er Nationalspieler ist, wird er schon nicht so schlecht sein", sagte Stephen später beim Abendessen.

In meiner fußballerischen Karriere hatte ich, soweit man das behaupten konnte, alles erreicht. Mein Stellungsspiel reduzierte mein Laufpensum auf ein Minimum. Die meisten Kilometer machte ich beim Einsammeln der weggedroschenen Bälle. Vor dem Austausch nach England spielte ich Letzter Mann in der Zweiten C-Jugendmannschaft beim TuS Porta-Kleinenbremen. Ich machte den Ausputzer, wir wurden Kreismeister, mehr würde nicht kommen. Es waren glückliche Nachmittage – nach denen ich mich sehr bald wieder sehnen würde.

An jenem Montagmorgen entschied ich mich dagegen, für die Schulmannschaft Fußball zu spielen. Wir hatten am Tag zuvor sechs gegen sechs auf einem Kleinfeld gekickt. Den fünf Meter neben das Tor gesetzten Schuss quittierte mein Gegenspieler mit einem gönnerhaften Kopfwuscheln: "Nice one, mate … two World Wars, one World Cup, heh?"

Schienbeinschoner helfen nichts

Ich merkte: Denen konnte ich nichts mehr beibringen. Fußball gab es für mich fortan nur noch auf dem Pausenhof. Ich musste etwas Neues ausprobieren. Ich wollte Rugby spielen.

Den deutlichen Unterschied im Ansehen der beiden Sportarten bestimmt in England immer noch das Klassensystem. Fußball, so heißt es, sei für die Massen und finde in den Großstädten statt. Rugby dagegen spiele nur die middle and upper class in den ländlicheren Kleinstädten. Der steinalte Spruch "rugby is a hooligan's game played by gentlemen; football is a gentlemen's game played by hooligans" geht nach wie vor auf Rugbys Kosten. Rugby muss sich, im Gegensatz zur nicht weniger elitären Sportart Cricket, immer wieder für sein Image rechtfertigen.

Dabei ist allen klar, wo das Geld sitzt. Die TV-Rechte und Scheich-Überweisungen haben die englische Premier League aufgeblasen, die Topverdiener im Rugby bekommen ein Viertel von Wayne Rooneys Salär überwiesen. Wenn sie Glück haben. Die Eintrittskarten zum Fußball sind für die Arbeiterklasse kaum noch erschwinglich. Und trotzdem liegt die Bringschuld nicht beim Fußball. Obwohl, das darf man nicht vergessen, die englische Nationalelf seit 1966 nicht ein einziges Mal ihren Briefkopf ändern musste.

Bevor ich mir mein erstes Rugbytraining in den Colt ritzen durfte, wurde ich zum kleinen Schulkiosk neben der Turnhalle geschickt. Ms. Reading war ein krummes, graues Mütterchen, die ihren Sohn vor 25 Jahren auf die Schule geschickt hatte. Heute verkaufte sie die Schuluniformen und ein bisschen Süßkram. Sie lachte, als ich nach Schienbeinschonern fragte. "Hier, du braucht nur den hier…", sagte sie und griff in eine Schublade unter ihrem Ladentisch.

Zurück in meinem Zimmer riss ich die Packung auf und übergoss in der Teeküche den Mundschutz mit heißem Wasser, steckte ihn in den Mund und biss zu. Das Material verformte sich, meine Zahnreihe grub sich hinein. Der gehörte jetzt mir. Noch eine Doppelstunde Mathe und ich konnte loslegen.