Die Bolle-Meierei in Berlin-Mitte ist ein riesiger Backstein-Bau auf einem Gelände an der Spree. Ihn zu umrunden, dauert eine Weile, und man sieht am Samstagmittag Pulks von Leuten, die suchend seine rote Front abschreiten. Sollte hier nicht die Schnellschach-Weltmeisterschaft sein?

Schachspieler sind es gewohnt, knifflige Aufgaben zu lösen, und so finden sie irgendwann die Eingangstür, hinter der sich ein Treppenhaus befindet. Ist es da oben? Es gibt kein Schild oder Ähnliches, und dieses Detail zeigt, wie sehr sich die Organisatoren des internationalen Schachs von ihrem leibhaftigen Publikum entfernt haben.

Die letzte klassische WM, vor einem Jahr im russischen Sotschi, fand vor einem fast leeren Saal statt. Kaum jemand fand den Weg ans Schwarze Meer, und das war auch gar kein Ziel der Veranstalter gewesen. Sie konzentrieren sich aufs Internet, da schauen  Millionen zu. Und die Präsentation im Netz hat sich ja auch enorm verbessert, bis hin zu Videostream und Live-Kommentar (ab 14 Uhr täglich auch bei ZEIT ONLINE).


In der Bolle-Meierei führt die Treppe zwei Stockwerke in die Höhe und dort dann die große Überraschung: Hunderte stehen Schlange, um Einlass zu bekommen. Es gibt ein Schachvolk, hier ist es. Die Leute wollen ihre Helden sehen. Ihren Magnus. Ihren Anand. Kramnik, Aronian, Leko, Iwantschuk, Karjakin, Swidler, Morosewitsch, es sind so viele, dass keine Videoübertragung sie alle ins Bild rücken könnte.

Magnus Carlsen sitzt immer am Tisch 1

Bei einer klassischen WM über zwölf Partien sitzen sich drei Wochen lang zwei Duellanten gegenüber; hier gibt es 15 Partien an drei Tagen, fast 200 Teilnehmer, also reichlich Abwechslung.

Der Spielsaal hat eine wunderbare Atmosphäre. Ein hoher, weiter Raum. Rohes, rötliches Mauerwerk, die Nischen von der Lichtregie violett grundiert. Neon-Kronleuchter in der Höhe und Deckenstrahler sorgen für eine angenehme, gleichmäßige Helligkeit.

Vorn auf der Bühne, leicht erhöht, stehen die Tische mit den ersten vier Brettern. Dort sitzen in jeder Runde die Spieler mit den meisten Punkten. Eine Ausnahme bildet der Weltmeister Magnus Carlsen. Er sitzt immer am Tisch Nummer 1, weil das Norwegische Fernsehen hier seine Kameras aufgestellt hat und sie nicht umstellen will, wenn er mal verliert. Wäre der junge Bobby Fischer unter den Teilnehmern, gäbe es deswegen bestimmt Theater; aber die Heutigen nehmen es hin. Ihr Ziel ist es zunächst einmal, überhaupt auf die Bühne zu kommen und sich da oben zu halten.

Bobby Fischer ist auch im Saal

Das Gros der Spieler sitzt im Saal; vier Tische zur Linken, vier zur Rechten, dazwischen flaniert das Publikum oder bleibt – größere Gruppen bildend – vor einem Brett stehen, um eine Partie länger zu verfolgen.

Eindrucksvoll sind die Minuten vor dem Start einer Runde. Alle Spieler haben ihren Platz eingenommen. Zwischen den Tischen stehen die Schiedsrichter, warten. Im Saal das Publikum, still. Ein Moment heiliger, schachlicher Andacht. Eine große Digitaluhr zählt den Countdown bis zum Spielbeginn. Bei 0:00 reichen sich die Spieler die Hand, und wer die schwarzen Steine hat, setzt die Uhr an seinem Brett in Gang; erst dann darf sein Gegenüber mit Weiß den ersten Zug machen.

Die Bedenkzeit beträgt 15 Minuten. Nach jedem Zug drückt ein Spieler die Uhr und bekommt zehn Sekunden gutgeschrieben. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass jemand am Ende in ausgeglichener Stellung "über die Zeit gezogen wird", wie Schachspieler sagen. Bobby Fischer hat das einst vorgeschlagen; irgendwie ist er also doch im Saal.

Das Genie im indischen Schnellimbiss

Am ersten Tag: Der 24-jährige Weltcupsieger Sergej Karjakin geht allein in Führung mit vier Siegen und einem Unentschieden. Carlsen verliert nichts, gewinnt aber aber auch nicht alles. Mit drei Siegen und zwei Unentschieden, vier Punkten also, liegt er in der Spitzengruppe. Gleichauf mit ihm 16 Spieler, zu ihnen zählen bekannte Größen wie Shakhriyar Mamedyarov aus Aserbaidschan oder Rustam Kasimdshanov aus Usbekistan. Oder auch der junge Russe Ian Nepomniachtchi, der wegen seines noch unaussprechlicheren Namens von seinen Fans nur Nepo genannt wird.

Anands einsilbige Freundlichkeit

Auch Neulinge sind in der Spitzengruppe zu sehen, am auffälligsten der junge Inder Santosh Gujrathi Vidit, dessen Partie gegen den erfahrenen Russen Alexander Grischuk ein Knüller ist. Grischuk greift mit Weiß am Königsflügel an, sieht eindrucksvoll aus. Vidit behält die Nerven und kontert so plötzlich wie überraschend am Damenflügel – keine Chance für den weißen König, der sich dort sicher fühlte. Der unbekannte Vidit gewinnt mit Schwarz gegen Grischuk, der zur absoluten Weltspitze zählt. Sensation und Tagesgespräch.

Abends um neun endet der erste Durchgang, Akteure und Zuschauer sind gleichermaßen erschöpft. In den umliegenden Restaurants sieht man durch die Scheiben die Spieler sitzen und sich stärken. Der genialische Morosewitsch allein im indischen Schnellimbiss, Swidler mit Begleitung beim Nepalesen. Und der legendär schnelle Anand ist schon fertig. Er kommt mit einem Freund aus dem Italiener an der Spree geeilt und ist trotz seiner ebenso legendären Freundlichkeit einsilbig. Die letzten beiden Runden hat er verloren. Der Titelgewinn ist in weite Ferne gerückt.

Der zweite Tag der Schnellschach-WM in Berlin mit fünf Runden beginnt am Sonntag um 14 Uhr und dauert bis gegen 21 Uhr,  auch im Stream von ZEIT ONLINE.