Wer kennt noch Comical Ali? Den ehemaligen Informationsminister aus dem Irak, der während des Krieges 2003 zur Kultfigur wurde. "Die Cruise Missiles fangen wir wie Fische in einem Fluss", sagte Ali. Die Amerikaner nannte er Cowboys und Al Capones und prophezeite ihnen, an den Mauern Bagdads Selbstmord zu begehen. "Wir werden die Ungläubigen wie eine Boa strecken und zerstückeln", drohte er und seine Worte gingen – wie soll man es vorsichtig formulieren – nicht jederzeit Hand in Hand mit der Realität. Während seiner Statements liefen die GIs bereits durch Bagdad, in einer Aufnahme war sogar Gefechtslärm zu hören.

Deshalb hatte der Mann mit dem Barett Millionen Fans. Eine Website mit Alis Zitaten war kurz nach der Veröffentlichung nicht mehr erreichbar, weil die halbe Welt draufklickte. Seine besten Sprüche landeten auf Kaffeetassen und anderen Merchandising-Artikeln. "Er ist mein Mann, er war großartig", sagte selbst der damalige US-Präsident George W. Bush, der keine Pressekonferenz von ihm verpasste.

Doch jetzt bekommt Ali, der Größte, Konkurrenz. Natürlich vom Fußball. Dem Sport, der alle Superlative toppt. Der Fußballweltverband Fifa ist drauf und dran, Ali in der Disziplin Leugnen des Offensichtlichen den Rang abzulaufen. Allen voran Sepp Blatter und sein Berater Klaus Stöhlker.

Blatters Lage ist nicht vorteilhaft: Seine Mitstreiter sitzen hinter Gittern. Weil ihm das gleiche passieren könnte, traut er sich nicht aus dem Land. Die amerikanische Justiz nennt seine Fifa eine Bande der organisierten Kriminalität. Die Schweizer Behörden ermitteln gegen Blatter wegen Untreue. Sponsoren fordern ihn auf, zurückzutreten. Es fehlt nicht mehr viel und sein Palast in Zürich wird dem Erdboden gleichgemacht. Leer steht er nach all den Rauswürfen ja schon. Und was wird von Blatter an dem Tag überliefert, als ihn auch noch seine eigenen Leute vor die Tür setzen?

"Blatter freut sich."

Freut sich auf "drei Monate Ferien", die er sich "redlich verdient hat", wie Stöhlker ausrichten lässt. Herr Blatter ist nicht suspendiert, soll das wohl heißen, er möchte sich nur mehr um die Familie kümmern und mal Home Office probieren. Das Wallis sei im Herbst besonders schön, sagt Stöhlker. Bald kehre Blatter zurück. "Das letzte Wort wird ihm gehören." Großartig!

Blatters Rücktritt? Bitte nicht! Auch wir nehmen diese Forderung zurück. Wir würden den Helden der Komödie verlieren, die der Fußball seit einiger Zeit aufführt. Keiner seiner Konkurrenten kann ihm das Wasser reichen. Michel Platini, heute karrieretechnisch auch leicht ausgebremst, spricht über seine eigene Suspendierung von einem "perfiden Versuch, meinen Ruf zu schädigen". Das ist nicht mehr als ein netter Anfang. Über Jérôme Valcke – ebenfalls suspendiert – sagt dessen Attaché: "Wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen, wird klar sein, dass er nichts Falsches getan hat." Das ist auf der Blatterskala der kontrafaktischen Rhetorik allenfalls Mittelfeld.

Von Blatter sind unsterbliche Sätze überliefert. Wie der hier: "Krise? Was ist eine Krise?" Völlig berechtigt diee Frage, Krise ist Ansichtssache. Es soll ja auch Leute geben, denen der Erste Weltkrieg gefallen hat. Da will man sich doch nicht entgehen lassen, welche Antwort sich Blatter einfallen lässt, wenn er bald in Handschellen abgeführt wird. Wird dann in Lifestyle-Poesie von Sabbatical oder Quality Time die Rede sein? Oder rüstet er auf wie sein Vorbild Ali? "Die Amerikaner sind höchst willkommen, wir werden sie schlachten. Gott wird ihre Mägen in der Hölle braten."

Und dann wäre da noch der Schwarze Ritter von Monty Python, dessen Lage Blatter verblüffend gleicht. Ein Filmklassiker. Ihm schlug der König im Schwertkampf erst einen Arm ab, dann den zweiten. Trotzdem gab er nicht auf. Dann verlor er noch beide Beine. "Einigen wir uns auf Unentschieden?", fragte der Ritter. Im Vergleich zu Comical Sepp war er jedoch geradezu einsichtig.