Wolfgang Niersbachs Ruhe in Zeiten der Fifa-Krise war auffällig. Der DFB-Präsident hielt sich mit Urteilen gegenüber Sepp Blatter lange zurück, Michel Platini stützt er sogar bis heute. Dabei hätte es dem höchsten Repräsentanten des deutschen Fußballs gut zu Gesicht gestanden, sich von den Machenschaften der beiden zu distanzieren. Vielleicht dachte mancher Fan: Niersbach ist halt eher der unpolitische Typ. Doch es könnte eine ganz andere Erklärung geben.

Wenn sich die Indizien der Spiegel-Recherche bestätigten, könnte man Niersbach das Schweigen menschlich gar nicht verübeln. Dann wäre er selbst Teil eines Skandals historischen Ausmaßes. Dann hätte das WM-Organisationskomitee schwarze Kassen geführt und Wahlmänner bestochen. Dann hätte Deutschland die WM 2006 gekauft.

Dass die deutsche Bewerbung nicht ganz sauber lief, war lange bekannt. Aber dieser Fall hat neue Dimensionen. Er wird die Debatten verändern. Seit Jahren stöhnt die Fußballwelt aufgebracht über Katar und Russland sowie über die Fifa, das Syndikat des Schweigens und Schmierens. Doch der Fall, sollten die Anschuldigungen stimmen, zeigt: Korruption ist nicht nur die Sache von Diktatoren, Scheichs und Bananenrepubliken. Der Schlamm fließt mitten durch Deutschland. Deutschland wäre Teil der Fußballmafia.

Womöglich sagen sie: "Wir taten es für unser Land"

Im Kern der Vorwürfe steht die Elite des deutschen Fußballs. Der DFB, allen voran seine Lichtgestalt Franz Beckenbauer und der heutige Präsident Niersbach. Die Spinne im Netz war natürlich wieder Adidas, der Fifa-Partner, die Turnschuh-CIA. Die Herzogenauracher haben das Spiel des Gebens und Nehmens im Sport überhaupt erfunden. Horst Dassler, inzwischen verstorben, prägt die Sportwelt bis heute.

Unterstützung bei der WM-Bewerbung erhielt der DFB aus Wirtschaft und Politik. Leo Kirch kaufte zu völlig überhöhten Preisen Lizenzen an Freundschaftsspielen Bayern Münchens. Daimler, Volkswagen und Bayer investierten just vor der WM-Vergabe in solchen Gegenden, aus denen dann die Stimmen für Deutschland kamen. Die Schröder-Regierung lieferte Waffen zu diesem Zweck. Und on top gab es umgerechnet 6,7 Millionen Euro vom Strippenzieher und damaligen Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus, der auch Uli Hoeneß die Zockermillionen lieh. Sportkorruption ist eine Meisterin aus Deutschland.

Das Meisterstück dieser Deutschland AG war das Sommermärchen, ein historisches Ereignis weit über den Sport hinaus. Das sonnige Turnier, bei dem sich Deutschland der Welt in neuem Licht zeigte, war wolkenfrei. Bis heute. Nun wird man anders darüber reden. Sollten Niersbach und Beckenbauer, die sich, wie es aussieht, nicht persönlich bereichert haben, sagen: "Wir taten es für unser Land", muss man dem entgegnen: Das war nicht der Auftrag des Landes. So haben wir das nicht gewollt.

Deutschland darf nicht Teil sein des Schweinesystems Fifa. Wie dieses funktioniert, zeigt der Fall ja auch. Die Fifa hat offenbar von der Bestechung nicht nur gewusst, sondern sogar die Millionen an Dreyfus einfach über ihr Konto weitergeleitet. Die Fifa und der DFB – offenbar beide ein Fall für Ethikkommissionen, Staatsanwälte, Richter.