Was ist passiert?

Die WM 2006 soll gekauft worden sein. Von Ungereimtheiten rund um die Vergabe des Turniers wurde immer wieder geschrieben, solch gravierende Vorwürfe sind aber neu: Der Spiegel berichtet von einer schwarzen Kasse in Höhe von 10,3 Millionen Franken, damals 13 Millionen Mark, heute 6,7 Millionen Euro. Das Geld soll Robert Louis-Dreyfus, damals Vorstandschef von Adidas, dem deutschen Bewerbungsteam heimlich geliehen haben. Als Privatmann übrigens. Robert Louis-Dreyfus, kurz RLD, hat auch schon Uli Hoeneß Geld zum Zocken an der Börse geliehen.

An wen soll das Geld geflossen sein?

Laut Spiegel sollen mit dem Geld die vier Stimmen der asiatischen Vertreter des Fifa-Exekutivkomitees gekauft worden sein. Die Asiaten hatten bei der WM-Vergabe im Jahr 2000 überraschend geschlossen für Deutschland gestimmt.

Wer hat damals abgestimmt?

WM-Vergaben waren damals Sache des Exekutivkomitees. 24 Männer saßen in dem Gremium der Entscheider:

Sepp Blatter, Schweiz, Fifa-Präsident
Michel D'Hooghe, Belgien
Şenes Erzik, Türkei
Lennart Johansson, Schweden
Antonio Matarrese, Italien
Joseph Mifsud, Malta
Per Ravn Omdal, Norwegen
Ángel María Villar Llona, Spanien
David Will, Schottland (✝)
Ismail Bhamjee, Botswana
Amadou Diakite, Mali
Issa Hayatou, Kamerun
Slim Aloulou, Tunesien
Chung Moon-joon, Südkorea
Abdullah Khalid al-Dabal, Saudi-Arabien (✝)
Mohamed bin Hammam, Katar
Worawi Makudi, Thailand
Chuck Blazer, USA
Isaac David Sasso Sasso, Costa Rica (✝)
Jack Warner, Trinidad & Tobago
Julio Grondona, Argentinien (✝)
Nicolás Leoz, Paraguay
Ricardo Teixeira, Brasilien
Charles Dempsey, Neuseeland (✝)

Wie lief die Abstimmung?

Deutschland gewann 12:11 gegen Südafrika. Das war überraschend, Südafrika galt als Favorit. In letzter Minute aber änderten einige Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees ihre Meinung. Alle Europäer wählten wohl Deutschland, außer Sepp Blatter, der sich schon immer für Südafrika ausgesprochen hatte. Die Afrikaner und Lateinamerikaner stimmten wohl für Südafrika. Entscheidend waren also die vier Asiaten und Jack Dempsey, der Südafrika wählen wollte. Dempsey enthielt sich jedoch überraschend der Stimme. Nur deshalb hatte Deutschland eine Stimme mehr als Südafrika. Bei einem Patt hätte Sepp Blatter als Präsident das letzte Wort gehabt, Südafrika hätte gewonnen.

Was passierte mit Dempsey?

Selbst Blatter sagte schon 2012: "Gekaufte WM ... da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ." Dempsey war bei der Abstimmung tatsächlich nicht im Raum. Warum, wurde nie aufgeklärt. Er sprach von "Druck durch einflussreiche europäische Interessensgruppen". Ein Fax des Satirikers Martin Sonneborn, das Dempsey Schwarzwälder Schinken und eine Kuckucksuhr versprach, sollte er sich für Deutschland entscheiden, wird wohl nicht den Ausschlag gegeben haben. Dempsey starb 2008.

Welche Indizien für eine gekaufte WM gab es schon?

Die Deutschland AG legte sich vor der WM auffällig ins Zeug, gerade in Asien. Daimler zum Beispiel investierte Hunderte Millionen Euro in den südkoreanischen Hyundai-Konzern. Zufällig saß mit dem Südkoreaner Chung Moon-joon ein Hyundai-Erbe im Exekutivkomitee. Eine Woche vor der WM-Vergabe beschloss die Regierung von Gerhard Schröder die Lieferung von 1.200 Panzerfäusten an Saudi-Arabien. Deutschland habe "kurzfristig das Waffenembargo aufgehoben", sagte Guido Tognoni, damals Fifa-Mitarbeiter, später. Zufällig saß Abdullah Khalid al-Dabal aus Saudi-Arabien im Exekutivkomitee. Der Medienunternehmer Leo Kirch kaufte für viel Geld TV-Rechte an beinahe wertlosen Freundschaftsspielen des FC Bayern München auf Malta, in Tunesien, Thailand und Trinidad. Aus all diesen Ländern kamen zufällig Mitglieder des Exekutivkomitees.

Wer war Teil des WM-Bewerbungskomitees, das die schwarze Kasse verwaltet haben soll?

Chef des Bewerbungskomitees war Franz Beckenbauer, der Kaiser persönlich. Er holte die WM nach Deutschland, aber nicht nur mit seinem sonnigen Gemüt. Auf den Vorschlag des damaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun mit der Strahlkraft der Wiedervereinigung um Stimmen für die WM zu werben, entgegnete Beckenbauer laut Spiegel: "Interessiert keinen Menschen." Ebenfalls dabei waren der DFB-Generalsekretär Horst Schmidt und Fedor Radmann, ein Strippenzieher und einer der engsten Vertrauten Beckenbauers. Das einzige Mitglied des Bewerbungskomitees, das noch heute einen hohen Posten im Fußball bekleidet, ist Wolfgang Niersbach. Er ist DFB-Präsident und hatte gute Chancen einmal den Uefa-Präsidenten Michel Platini zu beerben. Einige redeten sogar von einem Posten als Fifa-Chef. Das wird sich wohl erledigt haben. Und auch um seinen Posten als DFB-Chef zu behalten, muss Niersbach einiges erklären.

Was sagt der DFB?

Er dementiert. Bereits am Freitagvormittag ging der DFB in die Offensive. Ihm seien Hinweise bekannt geworden, dass eine Zahlung von 6,7 Millionen Euro an die Fifa "möglicherweise nicht dem angegebenen Zweck (Fifa-Kulturprogramm) entsprechend verwendet wurde". Die Zahlung stehe aber in keinem Zusammenhang mit der WM-Vergabe. Am Freitagabend legte der Verband noch einmal nach und tritt "mit aller Entschiedenheit den völlig haltlosen Behauptungen" entgegen. Er beteuert, dass weder Wolfgang Niersbach noch andere Mitglieder des WM-Organisationskomitees involviert waren oder von der schwarzen Kasse gewusst hätten.