Was waren das für Tage. Damals, im Sommer 2006, als die Sonne so unaufhörlich vom deutschen Himmel schien. Als dem Land eine schwarz-rot-goldene Hawaiikette um den Hals baumelte. Als jemand das kollektive Fußballgucken erfand und Jürgen Klinsmann einen aufregenden Fußball. Das Sommermärchen eben, ein Begriff, der so häufig zitiert wurde, dass manch einer gedacht haben konnte, Heinrich Heine habe sein Wintermärchen nur abgekupfert.

Sollten sich die Vorwürfe des Spiegel bestätigen, wird der Begriff "Sommermärchen" in seine ursprüngliche Bedeutung zerfallen: Das Märchen, eine wundersame Begebenheit, die mit der Wahrheit jedoch nur bedingt zu tun hat.

Gut neun Jahre später legt sich ein Schatten über die Bilder von damals. Über das Tor von Philipp Lahm gegen Costa Rica, mit dem alles begann. Über David Odonkors Lauf entlang der Seitenlinie gegen Polen. Über Jens Lehmanns Spickzettel und über Michael Ballacks Tränen nach dem verlorenen Halbfinale. Über betrunkene englische Fans, die zur Abkühlung von Brücken in deutsche Flüsse sprangen und über junge Frauen im Deutschlandbikini, die darüber kicherten.

Es gibt sogar einen Kinofilm darüber, aber wie soll man die Dokumentation von Sönke Wortmann jetzt noch sehen, ohne zu denken: Alles gemauschelt, hätte so nicht sein dürfen? Ja, der Taumel war real, die Gefühle echt. Für einige wird es der Sommer ihres Lebens bleiben. Aber in der Erinnerung wird sich einiges eintrüben.

Es geht eigentlich nur um die Deutungshoheit über ein Fußballturnier. So weit, so banal. Doch das Tragische ist: Die WM 2006 war nicht irgendein Turnier. Es waren Wochen, in denen sich eine Nation neu erfand. Sportlich, weil sie der Höhepunkt der Arbeit Jürgen Klinsmanns war. Der große Reformator, der den deutschen Fußball entstaubt und aus einer zynischen Effizienzmaschine eine Mannschaft geformt hat, die Lust am Spiel hatte und die ganze Welt verzückte. Klinsmann schaffte Strukturen, eine Aufbruchstimmung, eine Spielidee, von der Joachim Löw, damals Co-, heute Weltmeistertrainer, noch immer profitiert.

Partypatriotismus im Land der Griesgrame

Sogar das Aus im Halbfinale gegen Italien befeuerte den Mythos. In letzter Minute, denkbar tragisch, aber menschlich. Die leichte Melancholie, die viele befällt, wenn sie sich an dieses Turnier erinnern, wäre nicht denkbar, wenn Deutschland Weltmeister geworden wäre. Das Scheitern in Größe gehört zu dieser Erzählung dazu. Seht her, war die Botschaft: Wir Deutschen müssen nicht immer die Ersten sein. Wir freuen uns auch über den dritten Platz. Und wie!

Denn damals ging es nicht nur um Sport. Viele ausländische Besucher wunderten sich. Das soll Deutschland sein? Das Land der Griesgrame und Gartenzwerge stand plötzlich auf Fanmeilen und begann, sich selbst doch ganz nett zu finden. Soziologen und Feuilletonisten schrieben sich die Finger wund. Und selbst wer mit Begriffen wie Partypatriotismus nicht viel anfangen konnte, musste erkennen, dass sich in diesem Sommer das Bild, das sich die Welt von den Deutschen machte, geändert hatte.