Es gibt eine Szene, die lange her ist, die Wolfgang Niersbach aber noch immer gut beschreibt. Rom 1990, Abpfiff nach dem siegreichen WM-Finale gegen Argentinien. Franz Beckenbauer beschreitet erhaben den Rasen. Neben ihm springt der DFB-Pressesprecher Niersbach mit leuchtenden Augen, ohne den Blick von ihm zu lassen. Aus der Szene spricht Ehrfurcht, Demut, Servilität.

Heute springt er nicht mehr, doch eigentlich hat sich Niersbach nicht verändert. Zwar ist er ein Präsident, der frei reden kann und sich mit der Kanzlerin trifft. Aber in erster Linie ist er ein Bewunderer geblieben. Ein Bewunderer des Fußballs und seiner Größen Overath, Seeler, Netzer, Beckenbauer. Oder in seinen Worten: Wolfgang, Uwe, Günter, Franz. Der ehemalige Agenturjournalist Niersbach ist ihr Duzkumpel, der auch im höchsten deutschen Fußballamt noch zu ihnen aufschaut. Der Präsident ist Fan.

In diesen Tagen, in denen Journalisten vor dem DFB-Sitz in Frankfurt campieren, wird dieses Amtsverständnis nicht mehr genügen. Die Fifa ist von einem Skandal biblischen Ausmaßes erschüttert, die Missstände der Uefa sind auch für alle sichtbar. Der internationale Fußball sucht eine integre Kraft und blickt automatisch auf den Präsidenten des wichtigsten und größten Sportverbands der Welt. Niersbach ist als Chef von Uefa und Fifa im Spiel.

Doch als Retter des Fußballs scheidet Niersbach aus, wenn er seine Rolle so versteht wie bislang. Und als DFB-Präsident stellen sich ihm nun einige Fragen. Der Spiegel behauptet, die WM 2006 sei gekauft, es habe schwarze Kassen gegeben, und Niersbach wisse das schon lange. Sollte sich das bewahrheiten, ist der Fußballfunktionär Niersbach Geschichte.

Niersbach schweigt bislang, allerdings bestreitet der DFB den zentralen Vorwurf des Spiegels, Deutschland habe bei der WM-Bewerbung vier Asiaten bestochen. Ziehen wir mal die Hose mit der Kneifzange an und glauben dem DFB jedes Wort. Alles ist also mit rechten Dingen zugegangen, die WM 2006 ist nicht gekauft. Dann müsste Niersbach raus aus seinem Schneckenhaus.

Zu viele offene Fragen

Denn es bleiben Fragen: Wieso hat der DFB 6,7 Millionen Euro an die Fifa überwiesen? Warum wird das erst jetzt geprüft, zehn Jahre danach? Wo kommt das Geld her? Und warum geht der DFB zufällig zwei Tage nach den Anfragen des Spiegels damit in einer skurrilen Pressemitteilung an die Öffentlichkeit? Wer prüft diesen Vorgang überhaupt, wieder irgendein interner namenloser Gutachter, bei dem das Ergebnis quasi schon vorher feststeht? Und was bedeutet Niersbachs Handschrift, "das vereinbarte Honorar an RLD" (Robert Louis-Dreyfus), auf dem Fax der Fifa? Der Justizminister und der Außenminister fordern Aufklärung, andere Politiker auch. Die vielen Millionen Mitglieder des DFB haben ein Recht darauf.

Es gab schon vor der Spiegel-Story genügend Anlass für Zweifel an Niersbach. Schon die Fifa-Sperre Beckenbauers vor gut einem Jahr kommentierte Niersbach wachsweich. Beckenbauer hatte die Kooperation mit den Fifa-Ermittlern verweigert. In Nibelungentreue steht Niersbach zu seinem Freund Michel Platini. Der hat von Blatter rund 2 Millionen erhalten, ohne dass er eine gute Erklärung dafür geben könnte. Es muss doch den DFB-Präsidenten und Fifa-Vorstand Niersbach interessieren, was dahintersteckt.

Niersbach ist kein deutscher Blatter, bei der WM-Bewerbung war er eher ein Mitläufer. Und wenn er nun gestehen würde, dass der Spiegel recht hat, dürfte er mit der Gnade vieler Fans rechnen. Die wissen, es musste sein, und ihnen war das Sommermärchen ein großes Erlebnis, das die Sache wert war.