Er lag da wie tot. Mitten auf dem Feld, minutenlang. Um ihn herum knieten der Trainer und sein Quarterback. Beide hilflos. Die Gegner starrten ins Leere. 92.000 Zuschauer im Footballstadion der Dallas Cowboys schwiegen.

Der Mann, der regungslos auf dem Boden lag, war Ricardo Lockette, Receiver und Special-Team-Spieler der Seattle Seahawks. Knapp 1,90 Meter groß, fast 100 Kilo schwer. Einer der schnellsten Profis der National Football League. Sein Spielstil gleicht einer rollenden Abrissbirne. Sein Spitzname: Rocket.

Dieses Mal hatte es die Rakete selbst erwischt. Strauchelnd war er in den Laufweg seines Gegenspielers geraten, hart, aber den Regeln nach legal, wurde er von dem Cowboy-Spieler Jeff Heath zu Boden gerammt. Lockette stand nicht wieder auf, er zuckte noch nicht einmal.


Der weltweit populäre Football mit seinen Gladiatoren in den hautengen Kostümen hat große Probleme. Das zunehmende Tempo macht die Sportart immer waghalsiger, trotz zahlloser Eingriffe ins Regelwerk und einer peniblen medizinischen Vor- und Nachsorge. Für die NFL ist es überlebenswichtig, das Problem zu lösen. Es geht um die Gesundheit ihrer Athleten, den Nachwuchs, und um die Zukunft der Sportart.

Ricardo Lockette rührte sich nach einigen Minuten der Stille wieder. Als der Rettungsbuggy, der ihn zum Krankenwagen brachte, über das Feld in den Bauch der Haupttribüne fuhr, hob er seine Hand und ermutigte seine Teamkollegen. Das Schweigen der Fans wich Applaus, auch die gegnerischen Zuschauer waren erleichtert.

Zahlreiche Jugendspieler hatten in der Vergangenheit weniger Glück. Allein in dieser Saison starben sieben von ihnen, davon fünf seit September. Teenager wie Tyler Cameron, 16, Genickbruch, Evan Murray, 17, Milzriss, Andre Smith, 17, stumpfe Gewalteinwirkung gegen den Kopf. Erst Ende August hatte die Highschool-Saison begonnen. Der "tödliche Herbst" titeln US-Medien.  

Eine Studie ergab schon 2007, dass körperlich noch nicht komplett austrainierte Highschool-Spieler dreimal so gefährdet sind wie College-Spieler, gravierende Schäden beim Footballspiel zu erleiden. Schwere Nackenverletzungen, Hirnblutungen, Knochenbrüche. Die Konsequenzen der Todesfälle sind für den Football in den USA spürbar. Eltern schicken ihre Kinder nicht mehr zum Football. Zwischen 2010 und 2012 sank die Anzahl der Football spielenden Kinder um 9,5 Prozent. Das war noch vor den Rücktritten von Jungstars wie dem Linebacker Chris Borland, der seine Karriere aus Bedenken vor den Folgeschäden mit 24 Jahren beendete.

Zu Weihnachten kommt der Hollywood-Film Concussion in die US-Kinos. Er handelt von der Geschichte der Ärzte, die auf die Folgeschäden für Footballer aufmerksam wurden. Weitere Aufmerksamkeit für ein altes Problem. Ehemalige Spieler hatten sich wegen der Folgeschäden ihres Spiels, dem Matsch in ihrem Kopf, das Leben genommen. Ein Problem, gegen das die Liga zwar kämpft, aber machtlos scheint.