Die WM 1998 ist Fußballfans noch gut im Gedächtnis. An Frankreichs ersten Titelgewinn und Ronaldos Schwächeanfall vor dem Finale erinnern sie sich gut, viele Deutsche haben die Rote Karte für Christian Wörns und Berti Vogts' Blässe nach dem Viertelfinal-Aus gegen Kroatien noch vor Augen. Was kaum jemand weiß: Die Al-Kaida-nahe algerische islamistische Terrorgruppe Groupe Islamique Armé plante einen gigantischen Anschlag. Hätte er geklappt, würde die Welt heute nicht vom 11. September reden, sondern vom 15. Juni, dem Tag des WM-Vorrundenspiels zwischen England und Tunesien.

So steht es zumindest im Buch des englischen Journalisten Adam Robinson. Darin präsentiert er vier Jahre nach der WM viele Belege, etwa den Schriftverkehr der Terroristen, Tickets und gefälschte Akkreditierungen. Auch Jürg Altwegg, Frankreich-Korrespondent der FAZ, hat dieses Ereignis in einem Buch und im Feuilleton-Teil verarbeitet. Stimmt es, was die Autoren schreiben, wollten fünf junge Franzosen damals ins Stadioninnere, sie wollten ein Inferno.

Ein Selbstmordattentäter wollte sich mit dem Tormann David Seaman in die Luft sprengen, ein anderer die englische Stürmerlegende Alan Shearer erschießen. Eine Bombe sollte in den Block mit englischen Fans fliegen, eine weitere auf die Bank. Dort saßen David Beckham und Michael Owen. Gleichzeitig sollte eine andere Gruppe das US-Team, das am selben Abend gegen Deutschland spielte, im Hotel angreifen, eine dritte ein Flugzeug in einen Atomreaktor steuern.

Zwar ist nicht geklärt, dass die französischen und belgischen Terroristen vom 13. November 2015 ins Stadion wollten. Aber es ist sehr wahrscheinlich. Und es wäre nicht der erste Versuch dieser Art in Frankreich. Der Terror von Paris wird als Anschlag gegen den Westen gewertet. Doch er hat zumindest eine frankreichspezifische Note. Ein Blick in die französische Sportgeschichte lehrt: Der Fußball ist nicht erst seit Freitag ein Anschlagsziel.

1998 verhinderte der französische Geheimdienst das teuflische Unterfangen, wovon er die Öffentlichkeit kaum unterrichtete. Diesmal mussten die Attentäter die Bomben vor dem Stadion zünden. Doch die nächsten Gelegenheiten, ein Milliardenpublikum zu Zeugen von Massenmord zu machen, stehen nächstes Jahr bevor. Dann findet in Frankreich die Fußball-EM statt. Dann könnte das Kapitel Terror im französischen Fußball weitergeschrieben werden.

Aus Versöhnung wurde Desaster

Es gibt ein weiteres historisches Ereignis, das im Rückblick fast wie ein Omen für den vergangenen Freitag wirkt, nicht nur weil es im Stade de France stattfand. Im Oktober 2001 spielte Frankreich gegen die ehemalige Kolonie Algerien, zum ersten Mal seit Algeriens Unabhängigkeit 1962. Frankreich war in den Jahren zuvor mit Zinédine Zidane, einem Sohn algerischer Einwanderer, Welt- und Europameister geworden.

Er war nicht der einzige Spieler mit Migrationshintergrund. Noch heute stammen viele Spieler aus Familien, die aus früheren Kolonien eingewandert sind, aus Afrika oder den Antillen. "Black, blanc, beur" stand für harmonische Multiethnizität. Das "Versöhnungsspiel" war eine Art Staatsakt, die Zeitungen berichteten Monate vorher. Frankreich wollte sich als Land der Integration feiern.

Durch eine geplante Aktion von vor allem französischen Algerien-Fans geriet es zum Fiasko. Sie pfiffen die Marseillaise nieder. Nach dem Tor zum 4:1 für Frankreich Anfang der zweiten Halbzeit bewarfen sie den damaligen Premierminister Lionel Jospin und andere anwesende Politiker mit Flaschen und Stöcken. Später stürmten sie den Rasen, das Spiel wurde in der 78. Minute abgebrochen. Die Stars um Djorkaeff, Henry und Desailly waren fassungslos. Später kam raus, dass Zidane Morddrohungen erhalten hatte. Es waren keine Terroristen und es gab keine Schwerverletzten. Doch aus der Versöhnung wurde ein Desaster.

Ein beteiligter Fan aus einem Banlieue von Paris gab danach ein vielsagendes Interview: "Wir haben uns vorher am Gare de Nord getroffen, ungefähr 300 Leute", sagte er. "Wir wollten vor allem, dass uns die Fernsehkameras im Bild haben, auf einen sportlichen Sieg kam es uns gar nicht an, das war klar, dass die Franzosen gewinnen. Wir sehen die sportliche Überlegenheit von Frankreich als schwerwiegender an, es ist nicht, ein Spiel zu verlieren, es ist eine Erniedrigung, wieder einmal, es ist ein bisschen, wie einen Krieg zu verlieren. Falls die Regierung glaubt, sie könnte uns mit einem netten Match besänftigen, hat sie sich getäuscht."