Der einzige Anschlag auf das Berliner Olympiastadion findet in der S-Bahn statt. Ein betrunkener Flaschensammler vergrätzt den Wagon mit seinem Suff. Er brüllt wirres Zeug, pöbelt deutschtürkische Hertha-Fans an und sorgt dafür, dass manch beschämter Fan sein Gesicht im Schal vergräbt. Als das Stadion erreicht ist, eilen die Passagiere aus der Bahn. 

Es hat nichts mit mangelndem Respekt für die Opfer von Paris oder Beirut zu tun, wenn diese Alltagssituation ein wenig zynisch als Anschlag bezeichnet wird. Es spricht vielmehr für die Normalität, die nach einem erstaunlich normalen Bundesligawochenende in den deutschen Fußball eingekehrt ist. Die Bayern gewinnen, der HSV strapaziert erfolgreich Dortmunds Nerven, Stuttgart bekommt die Hucke voll und Hertha BSC spielt schauderhaften Fußball und gewinnt trotzdem. Alles wie immer. Kein Terror. 

Als am Dienstagabend das Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande abgesagt wurde, weil es eine konkrete Gefährdungslage gegeben hatte, sah das noch anders aus. Sogar der 13. Bundesligaspieltag schien nicht gesichert. Die DFL sah sich zumindest dazu veranlasst, die Ansetzungen zu bestätigen. "Dieser Abend wird den deutschen Fußball verändern", sagte Reinhard Rauball, einer der Interimspräsidenten des DFB. Was genau er damit meinte, wusste er wohl nicht einmal selbst. Die Diskussion über drastischere Sicherheitsmaßnahmen und wer sie bezahlen soll, beginnt gerade erst. Aber zumindest an diesem Wochenende war es weniger anders als befürchtet.

Am Hauptbahnhof demaizièrt es

In Berlin waren am Sonntagvormittag tatsächlich ein paar Menschen nervös. Vor einem Laufevent am Vormittag auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof stauten sich die Massen, weil die Sicherheitskräfte mit den Kontrollen überfordert waren. Ein älterer Herr frotzelte, dass der wartende Pulk vor dem Einlass die bestmögliche Zielscheibe für eine Bombe wäre. Am Hauptbahnhof demaizièrte es, als eine Durchsage die verspätete Abfahrt einer S-Bahn mit den Worten ankündigte:  "Wir können noch nicht losfahren. Warum, können wir ihnen nicht sagen." Ein Rentnerpärchen stieg da lieber aus und ging zu Fuß weiter. 

Ganz anders die Lage vor dem Olympiastadion im Berliner Westen. Dort sah es nicht einmal nach einer Gefahrensituation aus, so manches Ost- oder Ruhrpottderby schafft eine bedrohlichere Kulisse. Die Fans in Berlin schlenderten gelassen zu den Einlasskontrollen, nur ein Videojournalist lief gestresst hin und her, weil sich ihm kein passendes Bild bot. Er hatte die Aufgabe, eine Kulisse mit vielen Sicherheitskräften aufzuzeichnen. "Haben die gar nicht aufgestockt?", fragt er verzweifelnd im Vorbeigehen.

Wenig Ungewöhnliches

Aufgestockt hatte die Berliner Polizei und hatte das auch kommuniziert. So richtig fiel das aber nur denjenigen auf, die sich tatsächlich Sorgen machten und sich mit flauem Gefühl nach Einsatzkräften umschauten. Wer einfach nur zum Stadion wollte und mit einer Bratwurst in der Hand über die Ereignisse am Bundesligawochenende diskutierte, dem fiel wenig Ungewöhnliches auf. Auch weil die meisten Einsatzkräfte aussahen wie sonst. Polizisten mit automatischen Waffen, wie sie in Hannover zu beobachten waren, traten kaum Erscheinung. Das entspannte die Lage, schaffte Normalität. 

"Pal, was tust du?"

Der Berliner Fußballfans hatte sich auf längere Kontrollen vorbereitet. Mussten in Hamburg und Stuttgart zwei Partien später angepfiffen werden, weil es zum geplanten Anpfiff noch nicht alle Zuschauer durch die Kontrolle geschafft hatten, haben das Olympiastadion alle pünktlich erreicht. Viele waren früher gekommen, andere sogar bewusst etwas später. Eine junge Frau mit politischem Witz sagt: "Uns war klar, dass die Besorgtesten der Besorgten aus Angst vor zu langen Kontrollen früher kommen würden. Den Stau wollten wir vermeiden." 

Angst vor dem Terror oder zumindest ein flaues Gefühl ist kaum jemanden anzusehen. Nie wird es hektisch, auch in Flurgesprächen sind kaum die Stichworte der letzten Woche "Terror" oder "Paris" zu hören. Applaus im Stadion, als im Mittelkreis eine Frankreichfahne ausgebreitet wird. Bei der Schweigeminute ist es so leise, dass wenige klackende Fotoapparate und ein klingelndes Nokia-Handy aus anderen Blöcken klar zu vernehmen sind. Keine zwei Sekunden später singen die Ultras und die anderen Fans meckern schon vor dem ersten Pfiff biertrinkend über den Schiedsrichter. Ein Junge, vielleicht sechs Jahre alt, bekommt nicht die Trauerminute von seinem Vater erklärt, sondern dass es für den von Schneegestöber durchseiften Boden spezielle Stollen gebe.

Nur 37.000 Zuschauer, aber das lag an der Hertha, an Hoffe, am Wetter

Ähnliche Szenen dürfte es in ganz Deutschland gegeben haben. Mehrere Arenen waren rappelvoll. Auch in den nicht ausverkauften Stadien blieb der große Zuschauerschwund aus. In Berlin kamen zwar nur 37.000 Fans zum Spiel, das könnte aber auch am Rumpelfußball gelegen haben, den die Hertha trotz der Erfolge der vergangenen Wochen spielt. Oder am Wetter. Oder am faden Gegner aus Hoffenheim. 

So blieb es beim Berliner Fußballnachmittag bei einer kleinen, fußballerischen Panik. Auch sie hatte nichts mit den Befürchtungen der vergangenen Woche gemein. Der Herthaner Jens Hegeler war in der Schlussphase zur Auswechslung herangetrabt, dem vom eigenen Anhang nicht nur Sympathie entgegengebracht wurde. Ein Fan trommelte "Nein, nein, nein"-rufend gegen eine Balustrade, eine Frau fragte: "Pal (Dardai, Trainer Hertha BSC, d. Red.), was tust du?" Ein anderer schrie panisch den Namen des Spielers und warnte: "Versau es nicht." 

Am Ende gewann die Hertha. Wie die gesamte Bundesliga an diesem Wochenende.