Maxim Karatajew wiegt 150 Kilogramm, hat einen herrlichen Bart und ist Pressesprecher des FC Sewastopol. Karatajew ist eine Kultfigur, die jeder der etwa 3.000 Menschen kennt, die die Heimspiele von Sewastopol im Schnitt besuchen. Gleich spielt seine Mannschaft gegen den FC Okean aus Kertsch, deshalb muss Karatajew die Startaufstellungen herausgeben. Dieses Mal muss er sie per Hand schreiben. Für sich, für den Schiedsrichter. Der Kopierer funktioniert nämlich nicht. Er braucht Strom, wie jeder Kopierer der Welt. Doch Strom gibt es im Stadion nicht, jetzt, 30 Minuten vor Anpfiff.

Es ist das letzte Spiel des Jahres in der neuesten Fußball-Liga der Welt, der Krim-Liga. Und ausgerechnet an diesem Tag gerät die Krim in einen Ausnahmezustand. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wird die seit März 2014 von Russland besetzte Halbinsel komplett ohne Strom bleiben. Ein weiteres Kapitel in einem politischen Spiel rund um etwa 2,3 Millionen Menschen, die auf der völkerrechtlich immer noch ukrainischen Krim leben. Proukrainische Aktivisten, die mit der Annexion der Krim nicht einverstanden sind, sollen die Stromleitungen gesprengt haben, die vom ukrainischen Festland auf die Halbinsel führen. Bewiesen ist das nicht.

"Ich hätte das Spiel lieber abgesagt, so wäre das wohl besser. Aber die Jungs aus Kertsch sind schon zu uns gekommen – und auch die Fans wollen Fußball sehen", sagt Karatajew, der im westukrainischen Lwiw geboren wurde, das als Hochburg der ukrainischen Nationalisten gilt. Seit der Gründung des FC Sewastopol im Jahr 2002 ist er hier Pressesprecher, hat Höhen und Tiefen in der Geschichte des Vereins erlebt und nimmt daher alles sehr gelassen: "Ich habe den Zerfall der Sowjetunion erlebt, mich überrascht nichts mehr. Und was Fußball betrifft: 2002 war das nicht einfacher, als wir mit dem FC Sewastopol anfingen." Der Verein aus der Hafenstadt begann damals in der dritten ukrainischen Liga – und schaffte in wenigen Jahren ein kleines Fußballmärchen.

Die Krim-Liga als Chance

Schon 2010 stieg Sewastopol in die Premier-Liga auf, musste aber ein Jahr später wieder absteigen. 2013 dann der Wiederaufstieg, nun mit großen Hoffnungen: Ein guter Kader, ein neues Stadion, tolle Fans. Sewastopol sah aus wie eine kleine Mischung aus Hoffenheim und St. Pauli. Die Rede war schon von der Europa League. Spätestens in zwei Jahren wäre es für Sewastopol realistisch, international zu spielen, hieß es. Doch dieses Märchen dauerte nur ein halbes Jahr. Dann kam der Krim-Annexion – und der Traum vor dem großen Fußball war für Sewastopol vorbei.

"Natürlich erinnere ich mich an diese Zeiten der Hoffnung, doch das bringt nichts. Jetzt haben wir zum Glück die Chance, etwas Neues aufzubauen", sagt Karatajew. Diese Chance heißt Krim-Liga.

Nach der Annexion war die Lage auf der Krim unübersichtlich, auch die rund um den Fußball. Es kam sogar zu einem sportpolitischen Skandal. Weil die Vereine aus Sewastopol, Simferopol und Jalta im August 2014 rechtswidrig in die dritte russische Liga aufgenommen wurden. Dafür hätte der russische Fußballverband eigentlich die Zusage der ukrainischen Kollegen gebraucht, die gab es aber nie – aus Gründen.

Erst Anfang Dezember reagierte die Uefa mit dem Ausschluss der Krim-Vereine aus der russischen Liga. Die Halbinsel wurde aber gleichzeitig zu einer Sonderzone erklärt, die allein der Uefa untergeordnet ist. So entstand auch die Idee einer eigenen Profi-Liga, die vom europäischen Fußballverband unterstützt wurde. "Die wichtigste Aufgabe der Uefa ist es, den Fußball zu fördern. In zwei Jahren könnte auch die Teilnahme am Europapokal in Frage kommen", sagt Jurij Wetocha, der Präsident des neuen Fußballverbandes der Krim.

Sechs Clubs wurden neu geschaffen

Diese Hoffnung hat auch Jewgenij Repenkow, eine Ikone des Krim-Fußballs und Vize-Präsident des FC Sewastopol: "Die Vertreter der Uefa haben schon zweimal die Krim besucht. Sie sagten: Jungs, ihr habt doch Perspektive, guckt mal, Gibraltar spielt schon international, die Sache mit Kosovo bewegt sich. Alles ist realistisch." Weit von der Realität entfernt ist aber die Unabhängigkeit der Liga. Das gibt auch Repenkow zu: "Sehr vieles wird vom russischen Sportministerium bezahlt, die Vereine selbst müssen vor allem Gehälter und Reisekosten zahlen."

Die Premier Liga der Krim besteht nun aus acht Vereinen. Sechs Clubs sind neu geschaffen worden, nur nur der FC Sewastopol und Tawrija Simferopol, der erste ukrainische Meister der Geschichte, existieren schon länger. "Für Sewastopol und Simferopol, die früher auf dem höchsten Niveau spielten, ist die Situation ein Rückschlag. Aber für neue Vereine aus kleineren Städten wie Jewpatoria oder Kertsch ist es eine einmalige Chance, sonst hätte das mit dem Profifußball dort wohl niemals geklappt", sagt Wetocha. Tatsächlich gibt die Krim-Liga einen Impuls, zumindest medial: Ein Spiel pro Spieltag wird live im Fernsehen übertragen, von fast allen Spielen gibt es Livestreams auf Youtube. Große Aufmerksamkeit für Spieler und Vereine, die sonst niemanden interessiert hätten.