In den Büchern der Wettbüros stand die Quote hundert zu eins. Man musste schon Risiko mögen, um auf den Prince of Penzance zu setzen, den Außenseiter beim Melbourne Cup auf der Startbahn eins mit seiner Reiterin Michelle Payne. Die beiden sind Underdogs in Flemington Park: Michelle Payne, die erst vierte weibliche Jockey in der 155-jährigen Geschichte des Traditionsrennens und ein umgerechnet etwa 33.000 Euro teurer Wallach, ein Schnäppchen im Vergleich zu seinen Konkurrenten. Knapp dreieinhalb Minuten nach dem Startschuss jagen die beiden als Erste über die Ziellinie. Und schreiben Geschichte.

Die 30-jährige Michelle Payne ist die erste Frau, die den Melbourne Cup für sich entschieden hat. Jenes Rennen, an dem ganz Australien zum Stillstand kommt. An jedem ersten Dienstag im November gehört es am Arbeitsplatz zum guten Ton, dass jeder ein paar Dollar auf ein Pferd setzt. Kurz vor drei Uhr nachmittags versammelt man sich vor Bildschirmen, um das Rennen live zu verfolgen. Nach ein paar Minuten Spannung ist dann oft Feierabend und es wird in extravaganten Outfits weitergefeiert. Wer im Bundesstaat Victoria lebt, muss gar nicht erst zur Arbeit kommen. Hier ist der Melbourne Cup Day ein offizieller Feiertag. Das Hauptrennen ist mit umgerechnet 4,1 Millionen Euro das am zweithöchsten dotierte Pferderennen der Welt. 

Traditionell stehen Frauen bei diesen Rennen mit exotischen Hüten und hohen Hacken auf der Zuschauertribüne, nicht in den Steigbügeln der Pferde. In einem Fernsehinterview nach ihrem Sieg bezeichnete Michelle Payne den Pferderennsport als chauvinistisch. Einige Besitzer von Prince of Penzance hätten sie gar nicht mit dem Pferd antreten lassen wollen. "Ich wollte nur sagen, dass die alle jetzt die Klappe halten können. Denn die denken, Frauen seien nicht stark genug, aber wir können alles schaffen."

Seit ihrem überraschenden Triumph und diesen deutlichen Worten fliegen Payne in Australien die Herzen zu. Sie ist nicht nur die erste Frau, die den Melbourne Cup gewonnen hat, ihr Werdegang klingt wie ein wahr gewordenes Märchen. Sie wächst als jüngstes von zehn Geschwistern auf einem Bauernhof auf. Ihre Mutter stirbt, als sie wenige Monate alt ist, ihr Vater sorgt allein für sie und ihre neun Geschwister. Schon als Schulmädchen erzählt Michelle ihren Freundinnen, dass sie eines Tages das größte Rennen Australiens, den Melbourne Cup, gewinnen wird.

Auf dem Weg dorthin: Rückschläge und Verluste. Ihre ganze Familie ist vernarrt in Pferderennen, ihr Vater ist selbst Pferdetrainer. 2007 stirbt Paynes älteste Schwester, wie Michelle eine Jockey, nur wenige Monate nach einem schweren Trainingsunfall an einem Herzinfarkt. Payne selbst stürzt mehrmals in ihrer Karriere lebensgefährlich. Bei einem besonders schlimmen Sturz 2004 zieht sie sich eine Schädelfraktur und Blutungen am Gehirn zu, von gebrochenen Wirbeln und Rippen bei anderen Stürzen ganz zu schweigen. Sie kämpft sich nach jeder Verletzung zurück an die Spitze, reitet 2009 zum ersten Mal den Melbourne Cup, schafft es aber lediglich auf Platz 16. Sechs Jahre später hat sie ihre zweite Chance. Ihr Bruder Stevie, der das Down-Syndrom hat, wählt für sie die Startbox Nummer eins aus, aus der heraus sie schließlich zum Sieg reitet.