Es hat sich etwas verändert in den vergangenen Tagen. Das kann man auch daran erkennen, dass Sportreporter plötzlich nicht mehr über Tore oder die Doppelsechs schreiben, sondern über Detonationen und Bombendrohungen. Sportreporter sind zu Terrorreportern geworden, unfreiwillig, sie werden nun live ins Hauptprogramm der Nachrichten geschaltet. In Paris mussten sie über Tote berichten, in Hannover glücklicherweise nur über eine gefühlte Bedrohung.

Der islamistische Terror ist im Sport angekommen. Endgültig. 2008 musste die Rallye Dakar wegen Al-Kaida abgesagt werden. Auch die Fußball-Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea und die Olympischen Sommerspiele in London 2012 standen im Fokus der Terrororganisation. Bei der Fußball-WM 1998 soll ein Ableger gar die Exekution von englischen Spielern auf dem Feld und ein Inferno auf den Rängen geplant haben. Alles konnte verhindert werden.

Bis zum Freitag. Nun ist auch der Fußball dran, der größte und beliebteste Sport der Welt. Er ist ebenso Ausdruck westlicher Lebensfreude wie ein Rockkonzert, ein Restaurantbesuch, ein Kneipenbier – die anderen Anschlagsziele vom Freitag. Zwar schrieb der IS in seinem Bekennerbrief nicht, ob der Fußball konkret gemeint war, vielmehr sei das Stade de France angegriffen worden, weil Frankreichs Präsident Hollande auf der Tribüne saß. Doch auch die Terroristen wissen um die Wirkung, die dieser Anschlag gehabt hätte, wäre er in der Form gelungen, wie er Berichten zufolge geplant war.

Blut, TV-Kameras, ein Millionenpublikum

Demnach wollten die Terroristen ins Stadion. An kaum einen Ort ist die Möglichkeit größer, mehr Menschen mit in den Tod zu reißen als in einem Fußballstadion. Vor allem ist an kaum einem Ort die Wirkung größer. Blut, TV-Kameras, ein Millionenpublikum, das ist die Mischung, die diese Attentäter suchen.

Zudem gilt Fußball bei Islamisten als Sünde. Boko Haram tötete während der WM 2014 Menschen, die in Bars einfach nur ein Spiel schauten. Die Taliban knüpften einige ihrer Opfer am Querbalken von Toren auf. Zu westlich, zu viel Lebensfreude, zu egalitär ist ihnen der Fußball. Zu sehr ein integratives Symbol für alle Menschen aller Religionen. Manchmal tut dem Fußball zu viel Symbolik nicht gut, aber dass er Menschen in der ganzen Welt verbindet, eine gemeinsame Sprache schafft, ist unbestritten. Zählt man all das zusammen, überrascht es, dass der Fußball von Katastrophen bislang verschont geblieben ist.

Was in Hannover genau passierte, welche Gefährdung vorlag, welche Informationen die Behörden hatten, wissen wir nicht. Gab es wirklich Sprengstoff oder Täter mit Waffen oder Ähnlichem? Oder lagen nur Attrappen herum, die das Ziel hatten, dieses mit vielleicht ein wenig zu viel Trotz und Symbolpolitik aufgeladene Spiel absagen zu müssen? Diese Absage, die erste in der Geschichte des DFB, war richtig, aber sie bleibt eine Niederlage. Nicht einmal das Trauer- und Jetzt-erst-Recht-Spiel mit dem halben Kabinett auf der Tribüne konnte gesichert werden. 1:0 für die Terroristen, twitterten einige.

Was meint Rauball?

An diesem Abend aber fiel ein bemerkenswerter Satz. "Mein Eindruck ist, dass der Fußball in Deutschland mit dem heutigen Tage in allen Facetten eine andere Wendung genommen hat", sagte Reinhard Rauball, der Interimspräsident des DFB. Konkretisiert hat er ihn nicht, weshalb der Satz am Tag danach für einige Irritation in der Liga gesorgt hat. Wird jetzt alles anders? Wieso? Was meint Rauball?

Wahrscheinlich sollte man den Satz nicht zu hoch hängen. Er fiel unter dem Eindruck des Abends, in ihm schwingt ein Aufgeben mit, ein Resignieren vor dem Terror. In der Pressekonferenz, auf der sich Rauball äußerte, fielen noch ganz andere seltsame Sätze, von Menschen, die von Amts wegen eigentlich noch viel krisenresistenter sein müssten.

Etwas mehr Gelassenheit täte gut. "In allen Facetten eine andere Wendung". Das stimmt nicht. Der Ball bleibt rund, der Rasen grün, ein Tor zählt immer noch nur einfach.

Auswirken werden sich die Vorkommnisse von Paris und Hannover ganz sicher auf die Nationalspieler. In fünf Tagen fanden sich die sonst so überbehüteten Kicker zweimal in nicht lebensgefährlichen, aber doch beunruhigenden Situationen wieder. Die Spieler sehen sich zu Recht in einer exponierten Situation, könnten sich als Anschlagsziel begreifen. Das lässt niemanden kalt. Auch wenn sie besser geschützt sind als andere.