150 Kilometer sind es von Berlin nach Weißwasser. Ein Reisebus rauscht durch die DDR, von der Hauptstadt in die Lausitz. Der Fahrer kennt die Strecke im Schlaf, so oft ist er sie in den letzten Jahren gefahren. Er fährt zufriedene Männer durch die Nacht: Die Eishockeymannschaft von Dynamo Weißwasser hat am Abend Dynamo Berlin 4:3 besiegt. Sie spielten unkomplizierter und konterten stark, wird die Zeitung am nächsten Tag schreiben.

Es ist der vierte Sieg im vierten Spiel der Saison 1989/90. Berlin ist für Weißwasser nicht irgendein Rivale in der DDR-Oberliga. Die Berliner sind ihr ewiger Gegner, ihr einziger. Weißwasser-Berlin, Berlin-Weißwasser. So geht es seit zwanzig Jahren.

Heute aber, am Tag des 4:3-Sieges, ist etwas anders. Auto um Auto zieht auf der Gegenfahrbahn vorbei, der ganze Südosten scheint unterwegs nach Berlin zu sein. Schließlich schaltet einer das Radio an: Die Mauer ist weg. Die Spieler beginnen zu ahnen, dass diese Nachricht nicht nur das Ende eines Staates bedeutet. Es ist auch das Ende des zwanzigjährigen Zweikampfes. Ihres Zweikampfes mit Dynamo Berlin.

Der Erste ist Vorletzter

Zwei Eishockeymannschaften, eine Liga – Dynamo und Dynamo spielten seit 1970 Jahr für Jahr den Meister unter sich aus. Mal sechs Spiele lang, mal acht, mal zehn, mal zwölf. Der Erste ist Vorletzter, der Letzte bekommt eine Silbermedaille. In manchen Jahren spielten sie neben der Meisterschaft auch noch einen Pokalwettbewerb. Das alles klingt sehr danach, wie sich viele die DDR heute vorstellen: Ein bisschen zum Schmunzeln, ein bisschen zum Kopfschütteln.

Doch so bizarr ist das vielleicht gar nicht. Wer eine Liga spielt, will Meister werden. Egal, ob sie aus achtzehn, acht oder zwei Teams besteht. Alles was es braucht, ist ein Gegner, der genauso sehr gewinnen will wie man selbst. Was von außen seltsam erscheint, ist für Sportler eine Frage der Ehre.

"Aber klar war das kurios", sagt Hartmut Nickel. Er hat die zwanzig Jahre mitgemacht. Vier auf dem Eis als Stürmer, den Rest hinter der Bande als Trainer von Dynamo Berlin. Geboren und zum Eishockey gekommen ist er aber in Weißwasser. Als Jugendspieler wurde er für zu leicht befunden und wechselte nach Berlin. Dort wurde Nickel Nationalspieler und schoss 70 Tore in 113 Oberligaspielen – mit Vorliebe gegen die Mannschaft seiner Heimatstadt. Die Zuschauer in Weißwasser konnten das nur schwer verkraften und gönnten ihm leidenschaftliche Pfiffe und Beschimpfungen.

Jeder hatte jeden schon mal ausgespielt

Weißwasser und Berlin kannten einander in- und auswendig. Da die Spieler schon seit der Jugend immer wieder gegeneinander spielten, hatte jeder jeden schon mal ausgespielt, jeder jeden schon mal umgehauen. "Als Verteidiger war das gut, weil man jeden Trick des Gegenspielers schon hundertmal gesehen hatte. Die Angreifer mussten sich anstrengen, sich was Neues einfallen lassen", sagt Nickel, der Angreifer.

In der Saison 1967/68 spielen noch acht Vereine in der DDR-Oberliga: Die ärgsten Rivalen der Dynamos sind Vorwärts Crimmitschau und Empor Rostock. Berlin wird Meister, Weißwasser Zweiter. Die besten Spieler der Liga fahren im Februar 1968 zu den Olympischen Spielen nach Grenoble. Es ist das erste Mal, dass eine DDR-Eishockeyauswahl sich für Olympia qualifiziert hat.

Die Mannschaft ist fit und frohgemut, die ganze Welt sieht zu, selbst die Heimat – das Staatsfernsehen überträgt alle Spiele der Endrunde. Doch dann: Sechs Niederlagen, gleich zu Beginn 0:9 gegen die Sowjetunion und 0:11 gegen Kanada. Und als furchtbaren Schlussakkord im siebten Spiel ein 2:4 gegen den Klassenfeind aus Westdeutschland.

Die Genossen in Ostberlin grollen, so eine Blamage darf sich nicht wiederholen. Ein Jahr nach Grenoble wird die Sportförderung komplett neu verteilt und auf die Sportarten konzentriert, die Medaillen versprechen. Eine Konzentration, sagten die Funktionäre, "unter den Bedingungen der DDR". Das heißt: kleines Land, großer Ressourcenmangel, großer Drang nach internationaler Anerkennung. Kühl ermitteln die Genossen, in welchen Sportarten mit minimalem Aufwand an Personal und Material maximale Erfolge zu erzielen sind. Eishockey, für das man Eishallen, Ausrüstung und viele Spieler braucht, zählt nicht dazu. Erst recht nicht nach Grenoble. Gefördert werden andere: Schwimmer, Eisschnellläuferinnen, Leichtathleten.

Mielke, der Retter

Heute lässt sich sagen: Ohne Mielke wäre alles vorbei gewesen. Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit und Eishockeyenthusiast, setzte sich dafür ein, dass weitergespielt wurde, wenn auch im kleinstmöglichen Maßstab – mit zwei Mannschaften, Dynamo Berlin und Dynamo Weißwasser. Mielke konnte das: Die Dynamo-Sportvereinigungen der DDR unterstanden seinem Ministerium und wurden von ihm finanziert. Allen anderen Vereinen wurde die Förderung gestrichen, manche wurden auf ehrenamtlicher Basis am Leben gehalten. Weißwasser und Berlin spielten ab 1970 alleine weiter. Alle Jahre wieder, Saison für Saison, von Oktober bis Ende Februar.

Es ist nicht so, dass es keine anderen Spiele gegeben hätte. Der Meister qualifizierte sich für den Europapokal, reiste nach Norwegen, in die Schweiz, nach Frankreich. Weißwasser und Berlin spielten Freundschaftsspiele in ganz Europa, damit die Mannschaften zwischen den Ligaspielen gegeneinander im Wettkampfrhythmus blieben.

Dazu fand jährlich die Weltmeisterschaft statt, am Ende der Saison im Frühling. Die Spieler, die sich den Winter über bekriegt hatten, mussten sich zusammenraufen. "Da konnten wir nicht nur Weißwasser, sondern der Welt beweisen, was wir draufhatten", sagt Nickel. Wer sich reinhängte, hatte gute Chancen auf einen Kaderplatz in der Nationalmannschaft: Es gab ja nur 50 Spieler zur Auswahl: 25 aus Weißwasser, 25 aus Berlin.

"Nach der WM kam die Sommerpause, dann wieder Liga, Weißwasser, vielleicht Europacup, dann wieder WM, dann wieder Weißwasser, Weißwasser, Weißwasser. So sind die Jahre vergangen", erinnert Hartmut Nickel. Alles hinzuschmeißen kam aber nie in Frage: "Die bei der Sportführung haben vielleicht gedacht, irgendwann werden die Eishockeyleute schon die weiße Flagge ausm Fenster hängen und aufhören. Wir haben aber immer weiter gespielt." Ein Spiel, das nicht unterzukriegen war. Eishockey als Widerstand. Berlin-Weißwasser, Weißwasser-Berlin.

Im Westen waren beide dem Wettbewerb nicht gewachsen

So oft die Dynamos sich auch duellierten – sie waren vereint gegen die Sportführung, die auf Schwächen lauerte, um die Mini-Liga endgültig dichtzumachen. Nie wussten die Spieler, ob es in der folgenden Saison weitergeht.  

Es waren oft hitzige Spiele, gute Spiele. Durch die Auflösung aller anderen Mannschaften verteilten sich die besten Spieler des Ostens auf Berlin und Weißwasser. Der Ligamodus kostete allerdings Spannung – in der Regel war die Meisterschaft schon lange vor dem letzten Spieltag entschieden. Erst Mitte der achtziger Jahre wurde der Modus gewechselt und wesentlich spannender gespielt, mit Verlängerung, ohne Unentschieden.

In Berlin hatte da die Begeisterung der Zuschauer schon nachgelassen. Irgendwann saßen, erinnert sich Nickel, nur noch Tante, Opa, Nachbarn und ein paar Freunde auf den Tribünen im Wellblechpalast in Berlin-Hohenschönhausen.

Ganz anders in Weißwasser, der Glasstadt im Südosten an der polnischen Grenze. Zu den Spielen im Freiluftstadion Wilhelm Pieck reiste die ganze Region an, selbst bei Eiseskälte und Regen – die Menschen wollten sehen, wie ihre Provinz die Hauptstadt schlägt. Frauen schmuggelten den Schnaps ihrer Männer unterm Rock an den Kontrollen vorbei, natürlich nur gegen die Kälte. "Wie heißt der Meister? Weißwasser heißter!", schmetterte es von den dunklen, steilen Tribünen. Über dem Spielfeld hing an Stahlseilen die Lichtanlage und wenn es stürmte, tanzten die Lichter auf der Eisfläche. Bis zu 12.000 Zuschauer wollten die Spiele sehen.

 "Da ging es zur Sache", sagt Hartmut Nickel, "da küsste man sich nicht auf der Eisfläche und erkundigte sich herzlich, wie es dem anderen so geht". Dann irgendwann, zwischen Weißwasser-Berlin, Berlin-Weißwasser, Europapokal und Weltmeisterschaften, Meisterschaften für die einen, Meisterschaften für die anderen: der Mauerfall. Die Saison wird noch zu Ende gespielt, Weißwasser wird überlegen Meister, dann wird die Zweierliga aufgelöst. Wer weiß, vielleicht spielten sie sonst heute noch.

"Stasi, Stasi, rote Socken!"

Zeit, sich zu freuen, war keine. Die beiden deutschen Eishockeyverbände waren die ersten Sportverbände, die sich zusammenschlossen – noch vor der offiziellen Wiedervereinigung. Weißwasser und Berlin wurden in die DEL, die Deutsche Eishockeyliga, aufgenommen. Sie waren dem Wettbewerb überhaupt nicht gewachsen. Plötzlich hatte die Saison 50 Spiele, manchmal zwei an einem Wochenende. Statt 150 Kilometer Fahrt waren es jetzt Hunderte, nach Landshut, nach Schwenningen und Düsseldorf, wo man vom Publikum nicht immer freundlich begrüßt wurde: "Stasi, Stasi! Rote Socken!", brüllten die Fans der neuen Gegner. Weißwasser wurde Vorletzter, Berlin stieg ab.

Es war das Ende einer Ära. Was noch dadurch besiegelt wurde, dass beide Clubs bald ihren Namen änderten. Die Dynamos heißen heute Eisbären Berlin und Füchse Weißwasser. Duelle sind selten geworden. Es wäre ohnehin nicht mehr dasselbe.

In Weißwasser wurden nach der Wende viele Glashütten dichtgemacht, mehr als 20.000 Menschen zogen weg. Seitdem spielt auch die Mannschaft, mit 25 Titeln Rekordmeister der DDR, in der zweiten Liga. Das nach der Wende verfallene Freiluftstadion wurde abgerissen, an seiner Stelle eine Halle für 3.000 Zuschauer gebaut.

In Berlin stieg Ende der neunziger Jahre ein amerikanischer Investor ein, die Mannschaft wurde sieben Mal deutscher Meister. Sie spielt nicht mehr im Wellblechpalast, sondern in einer Multifunktionsarena, in der auch Mario Barth und André Rieu auftreten.

Hartmut Nickel, der Trainer aus Berlin, war lange ein Relikt im Verein, ein Dinosaurier aus Dynamozeiten. Erst im vergangenen Jahr hat er den Club nach 52 Jahren verlassen. Ohne das Durchhaltevermögen von Dynamo Berlin würde es die Eisbären heute nicht geben. Und auch ohne die Mannschaft aus Weißwasser nicht. Ohne Gegner ist noch niemand Meister geworden.