Als hätte die Leichtathletik nicht schon genug Probleme. Ihre Disziplinen wirken altbacken und fad, Superstars muss man fernab von Usain Bolt mit der Lupe suchen und der Wettkampfkalender ist so zerfasert und undurchsichtig, dass kaum noch jemand mitkommt. Doch dass die Leichtathletik, einst die Königin der Sportarten, derzeit um ihre Existenz kämpft, hat vor allem mit dem sehr, sehr tiefen Dopingsumpf zu tun und mit ihrem neuen Verbandschef. Der neue IAAF-Präsident Sebastian Coe war angetreten, die Sportart zu retten, steckt aber nun auch in dem Sumpf. Zumindest mit den Füßen.

Der langjährige Kommunikationsdirektor der IAAF und heutige Büroleiter von Coe, Nick Davies, hat am Dienstag sein Amt niedergelegt. Eine E-Mail von Davies an den Sohn von Coes Vorgänger Lamine Diack, Papa Massata Diack, legt nahe, dass vor den Weltmeisterschaften 2013 in Moskau die Veröffentlichung der Namen russischer Dopingsünder verzögert werden sollte. "Lieber Papa", so beginnt eine Mail.  

Die französische Zeitung Le Monde und der britische Sender BBC haben die Details aus französischen Ermittlungsakten veröffentlicht. Demnach wollte man beim Weltverband vermeiden, dass überführte russische Athleten kurz vor der Heim-WM auffliegen. Man könne den Schaden "minimieren", so Davies in der Mail, "indem wir einfach warten, bis die WM vorbei ist, und die Namen dann verkünden".

Zudem schlug er in dem Schreiben vor, die Expertise von Coe als Vorstandsvorsitzender der PR-Agentur CSM zu verwenden: "Wir können auch Sebs politischen Einfluss nutzen." Der 59-Jährige war damals Vizepräsident der IAAF. Er hat mehrfach betont, nichts von den Missständen beim Weltverband gewusst zu haben. Davies will nun sein Amt ruhen lassen, ein Fehlverhalten stritt er in einer Stellungnahme ab. Er habe nur "Ideen" ausgetauscht.

Papa Massata Diack hat eine Beratungsfirma in Dakar und arbeitete in der Amtszeit seines Vaters als Marketingberater offiziell für die IAAF. Dabei vermittelte er dem Verband auch Sponsoren. Sein Vater Lamine Diack soll in seiner Amtszeit mehr als eine Million Euro für die Vertuschung positiver Doping-Proben kassiert haben. Gegen den 82-Jährigen aus dem Senegal wurde von der französischen Justiz Anklage wegen Bestechlichkeit und Geldwäsche erhoben. Dabei geht es inzwischen nicht mehr nur um passive, sondern um "aktive Korruption", wie aus der Staatsanwaltschaft in Paris verlautet.

Schmiergeld direkt von der russischen Regierung?

Diack Senior ist gegen Kaution wieder auf freiem Fuß. Sein Sohn wird inzwischen verdächtigt, beim russischen Verband Geld eingetrieben zu haben – im Gegenzug sollen Dopingfälle verschleppt oder verschwiegen worden sein. In diesem Zusammenhang steht auch der frühere Chef der Anti-Doping-Abteilung der IAAF, der Franzose Gabriel Dollé, unter Verdacht.

Die französische Staatsanwältin Éliane Houlette hatte nach Diack Seniors Festnahme gesagt: "Es ist eine Form der Erpressung, wenn man zu jemandem sagt: 'Zahle oder du kannst nicht starten.' Ich weiß nicht, ob wir es ein Mafia-System nennen können, aber es ist ein System der Korruption. Es ist extrem ernsthaft."

In dem Skandal geht es ohnehin zu wie in einem schlechten Krimi. Nach einem Bericht von Le Monde in der vergangenen Woche hat Lamine Diack französischen Ermittlern gegenüber zugegeben, bei russischen Dopingfällen beide Augen "zugedrückt" und dafür finanzielle Gegenleistungen bekommen zu haben. Er behauptete dem Bericht nach sogar, das Schmiergeld sei direkt von der russischen Regierung gekommen – über einen Mittelsmann: dem russischen Verbandschef und früheren IAAF-Schatzmeister Valentin Balachnitschew. Außerdem sollen die Gelder in den Präsidentschaftswahlkampf des Senegals geflossen sein – zur Unterstützung des von Diack präferierten und am Ende siegreichen Oppositionskandidaten Macky Sall. Diacks Sohn wies in der BBC alle neuen Anschuldigungen "vollständig zurück".