ZEIT ONLINE: Herr Mattuschka, Sie spielen mit Energie Cottbus am Sonntag gegen Halle das achte Ostderby innerhalb weniger Monate. Ist das trotzdem noch was Besonderes? 

Torsten Mattuschka: Klar! Das wird nie langweilig. Jedes Spiel ist ein Highlight. Manchmal denke ich selber, wir spielen unsere eigene DDR-Liga aus. So wie früher. Für ältere Spieler wie mich hat das einen besonderen Reiz. 

ZEIT ONLINE: Und für die Jüngeren? 

Mattuschka: Für die spielt das weniger eine Rolle, sie kommen aus einer anderen Zeit. Mit den alten Rivalitäten verbinden sie nicht mehr so viel. Ich versuche trotzdem, diese Derbystimmung zu leben und an sie weiterzugeben. 

ZEIT ONLINE: Welches ist Ihr liebstes Ostderby? 

Mattuschka: Mit Cottbus gegen Dresden zu spielen ist immer geil. Da bin ich früher schon als Junge so oft es ging mitgefahren und hab in der Kurve gestanden. Diese Rivalität gehört schon so lange zu meinem Fußballerleben. Auch in Magdeburg macht es immer Laune. Chemnitz ist noch so ein alter Rivale. Sie hören schon, ich könnte ewig weitermachen. 

ZEIT ONLINE: Tun Sie es doch einfach. 

Mattuschka: Ich meine, diese Derbys sind schon was Cooles. Nichts gegen Großaspach, aber es ist was anderes, wenn du vor 30.000 enthusiastischen Fans spielst. In den Tagen vor den Derbys ist die Anspannung automatisch größer, das Adrenalin höher. Die Menschen sprechen dich in der Stadt an, beim Einkaufen oder an der Tankstelle. Alle fiebern drauf hin. Klar, da gibt’s auch nur drei Punkte, aber diese Spiele sind einfach reizvoller. 

ZEIT ONLINE: Sie haben Ihre ganze Karriere im Osten verbracht. Zuerst bei Energie Cottbus, dann beim 1. FC Union Berlin und nun wieder Cottbus. Wollten Sie nie weg, nie die Welt entdecken? 

Mattuschka: Die Frage hat sich für mich nicht gestellt. Ich hatte das Glück, immer in der Nähe meiner Familie spielen zu können. Ich konnte meinen Beruf dort ausüben, wo ich mich am wohlsten fühle. Das können nicht viele von sich behaupten. 

ZEIT ONLINE: Die meisten Ostclubs sind aufgrund ihrer finanziellen Situation gezwungen, Talente früh abgeben zu müssen. Ist eine Karriere wie Ihre, mit so wenigen Stationen, heute noch denkbar? 

Mattuschka: Schwer zu sagen, da muss wahrscheinlich viel zusammenkommen. Es geht ja nicht nur den Clubs im Osten so, dass sie ihre Talente nicht halten können. Abgesehen von Bayern München haben alle Vereine ein natürliches Limit und damit Konkurrenten, die ihnen leicht Spieler abwerben können. Aber es stimmt schon, die finanzielle Situation ist bei den meisten Ostclubs weiterhin chronisch angespannt.   

ZEIT ONLINE: Woran liegt das Ihrer Meinung nach? 

Mattuschka: Dazu kann ich nicht viel sagen. Bei jedem Verein ist das wahrscheinlich auch unterschiedlich. Fehlende Sponsoren werden immer als Grund genannt. Manche Vereine sind von strukturschwachen Gegenden umgeben. Wie es im Hintergrund genau aussieht, weiß ich aber nicht. 

ZEIT ONLINE: Früher sollen sich Spieler aus dem restlichen Teil Deutschlands auch mal geweigert haben, für Ostclubs zu spielen. Hat sich das geändert?

Mattuschka: Heute kannst du es dir als Spieler gar nicht mehr erlauben, Vereine abzulehnen. Erst Recht nicht in der 3. Liga. Wer glaubt, immer etwas noch besseres zu finden, landet schnell in der Arbeitslosigkeit. Gerade wer Ende zwanzig oder noch älter ist. Es drängen so viele gut ausgebildete Talente nach, dass niemand großartig wählerisch sein kann. Ich würde sagen, heute sind Ostclubs sogar richtig attraktiv für Spieler. Die Stadien sind immer voll, die Trainingsbedingungen gut und das Interesse im Umfeld ist auch viel höher, als etwa bei den Reserven der Profimannschaften und kleineren Clubs.   

"Nicht alle Fußballer sind Millionäre"

ZEIT ONLINE: Arbeitslosigkeit und Fußball passen nach der Vorstellung vieler Menschen nicht zusammen. Haben die Leute ein falsches Bild von dem Beruf? 

Mattuschka: Nicht alle Fußballer sind Millionäre, auch wenn viele das denken. Spieler verdienen nicht schlecht, das gilt auch für die 3. Liga. Aber man darf nicht vergessen, dass wir unseren Beruf nur eine bestimmte Zeit lang ausüben können. Irgendwann ist Pumpe, und was kommt dann? Nicht jeder kann Trainer werden. Wir müssen innerhalb einer bestimmten Zeit so viel Geld wie möglich verdienen. 

ZEIT ONLINE: Deshalb wird Vereinstreue immer schwieriger? 

Mattuschka: Genau. Wer irgendwo anders mehr Geld verdienen kann, der wechselt. Egal ob in den Westen, Osten, Norden oder Süden. Es ist doch normal, dass man dort hingeht, wo es das meiste Geld gibt. Das würden alle Arbeitnehmer so machen. Ich will mich da nicht ausnehmen. 

ZEIT ONLINE: Welchem Ostclub trauen Sie langfristig am meisten zu? 

Mattuschka: Dynamo Dresden. Nicht nur, weil sie gerade die 3. Liga anführen. Das ist ein schlafender Riese. Wenn die sich eine gewisse Zeit in der 2. Liga etablieren, könnten sie auch den Aufstieg in die Bundesliga schaffen. Aber auch Rostock oder wir in Cottbus haben Potential für mehr. Nur ist es verdammt schwer, aus der  3. Liga herauszukommen. 

ZEIT ONLINE: Warum ist das so? 

Mattuschka: Weil die Vereine weniger Mittel haben. Die Einnahmen sind nicht so hoch wie in der 2. Liga, für Sponsoren sind Clubs interessanter, je höher sie spielen. Das ist schade, der 2. Liga oder auch der Bundesliga würden mehr Ostclubs gut tun. 

ZEIT ONLINE: Das sehen sicher nicht alle so. Clubs wie Dynamo Dresden oder Hansa Rostock haben immer wieder durch Zuschauerausschreitungen negative Schlagzeilen produziert. Nach den Terroranschlägen in Paris kam es beim Spiel Aue gegen Dresden zu lauten Zwischenrufen während der Schweigeminute, als Fans "Merkel muss weg!" skandierten. Wie sehr schaden solche Dinge dem Ostfußball? 

Mattuschka: Sowas geht natürlich gar nicht. In der Masse trauen sich viele wohl, was sie sich sonst nicht trauen würden. In solchen Momenten kann man nur hoffen, dass die anderen Zuschauer eingreifen, nach dem Motto: "Was bist du denn für ein Idiot. Halt die Klappe!" Generell stehen die Clubs im Osten aber unter besonderer Beobachtung. Manche sicherlich zu Recht, andere zu Unrecht. Bei den Ostvereinen wird genauer hingeschaut.

ZEIT ONLINE: Denken Sie nicht, das ist berechtigt?

Mattuschka: Wie gesagt, bei einigen ja, bei anderen nein. Das Spiel Schalke gegen Bayern vor ein paar Wochen hat doch gezeigt, dass es überall zu Ausschreitungen kommen kann.

ZEIT ONLINE: Sie sind 35 Jahre alt und inzwischen nicht mehr Stammspieler. In den vergangenen Wochen waren Sie oft verletzt. Beschäftigen Sie sich langsam mit dem Karriereende? 

Mattuschka: Nein. Mir tut morgens beim Aufstehen nichts weh, ich komme noch allein aus dem Bett und hab Freude an meinem Beruf. Erst wenn sich das ändert, denke ich übers Aufhören nach. Momentan fühle ich mich noch fit genug, um weiterzuspielen. Wie lange genau, kann ich nicht sagen. Aber eine Weile müssen die Jungs mich noch ertragen (lacht)