Im vergangenen Sommer machte die Kaufhauskette Karstadt Fußballvereinen ein verlockendes Angebot: Es gab Trikots zu guten Konditionen. Farben, Marke und Menge waren frei wählbar, der Preis niedrig, weil Tipico die Trikots sponserte. Ein privater Wettanbieter, für den Oliver Kahn und Peter Schmeichel als Werbefiguren scherzen.

Gags, die nicht jeder mag. Der Berliner Fußballverband (BFV) verbot Anfang September die Shirts für all seine Ligen und erinnerte an sein Verbot, mit Wettanbietern als Trikotsponsoren zusammenzuarbeiten. Die "geltenden Grundsätze von Moral und Ethik" verbieten das, schrieb er. Werbung für Wettanbieter werde genauso wenig genehmigt wie die für Waffenhersteller.

Das Verbot ist ein Versuch, Spielsucht einzudämmen. Dagegen wäre wenig einzuwenden, gäbe es in Berlin mit Hertha BSC nicht einen Bundesligisten, der mit genau solch einem Wettanbieter auf dem Trikot werbewirksam seine Spiele absolviert. Die neueste Aktion des Sponsors: Ein Loft, in dem sechs Menschen zusammenwohnen, zusammen wetten, und Besuch von Hertha-Profis bekommen. Etwa sechs Millionen Euro soll der Sponsorendeal der Hertha bringen. Die Wettanbieter sind also gern gesehene Geldgeber der Profis, den Amateuren aber verboten.

Die Kluft zwischen Amateuren und Profis wird größer

Der Fall symbolisiert einen Konflikt zwischen der Welt der Profis und dem Alltag an der Basis, der sich an einigen Stellen nachvollziehen lässt: Amateuren wird der Zugang zu Sponsoren blockiert, das Recht zu spielen wird unterschiedlich ausgelegt und vom Verband eingeführte Instrumente setzen Ehrenamtliche unter Druck. Profis genießen Privilegien, die Amateure stöhnen auf. Die Kluft wird größer, Amateure spielen immer mehr zu schlechteren Konditionen. Sie spielen ein anderes Spiel.

In Bayern etwa müssen Vereine von der vierten bis zur siebten Liga all ihre Spiele mit einem Live-Ticker begleiten. In einer App stellt der bayerische Verband (BFV) zwar die Software bereit, bedienen muss sie aber der Heimverein. Zudem brauchen die Vereine einen Sicherheitsbeauftragen und einen Medienverantwortlichen, die Spielbögen müssen 30 Minuten vor und das Ergebnis unmittelbar nach dem Spiel an den Verband übermittelt werden. Versäumt ein Club eine dieser Auflagen, droht der Verband mit einer Geldstrafe. Der aber interpretiert das anders: "Wer in seiner Liga entgegen der Mehrheit der Vereine dauerhaft keinen Ticker anbieten will, kann einen Tickerer geschickt bekommen, um die Lücke in der Berichterstattung zu schließen", heißt es aus der BFV-Pressestelle, "die Kosten für den Tickerer in Höhe von 30 Euro müsste dann der Verein tragen." Ein solcher Fall ist laut BFV bislang aber nicht vorgekommen.

Die Drohung löste zu Beginn große Empörung aus, mittlerweile ist es ruhiger geworden. Die Vereine sähen selbst den Sinn im Live-Ticker, der Beleg sei die steigende Zahl der von den Vereinen freiwillig geführten Live-Ticker, sagt der BFV. Auch die Zugriffszahlen steigen stetig. Laut Verband ist der Live-Ticker im Interesse aller Fußballfans. "In der vom Profifußball dominierten medialen Welt hat es der Amateurspitzenfußball immer schwerer, Aufmerksamkeit zu erlangen", sagt der Präsident des BFV, Rainer Koch, der beim DFB für die Amateure verantwortlich ist. "Amateurspitzenvereine und Verband müssen sich professionell präsentieren. Deshalb ist aktive Medienarbeit des Verbandes und der Amateurspitzenvereine heute unerlässlich und von diesen fast ausnahmslos akzeptiert." Mancherorts aber hält sich die Kritik bis heute.

Amateure haben keine Lobby

Es scheint, als schreiten die Verbände und seine Vereine mit unterschiedlicher Schrittlänge voran. Hinter den Kulissen stöhnen einige über den Masterplan des DFB, die kleinen Vereine mit aller Macht zu professionalisieren. Die haben Mühe zu folgen, weil sie meist von Ehrenamtlichen geführt werden. Sie monieren, dass die meisten Landesfürsten bei den wegweisenden Abstimmungen auf Bundestagen im Zweifel dem DFB folgen, als auf die Nöte der eigenen Basis einzugehen. 

Amateurvereinen fehlt eine Interessenlobby, jemand, der auf ihre Rechte pocht. Während die Spielergewerkschaft VDV für die Profis die Regel durchboxte, dass sich Profis ohne Vertrag auch außerhalb der Transferperioden für einen neuen Verein entscheiden dürfen, wird diese Regel bei den Amateuren nicht angewendet. Eine weitere Ungleichbehandlung. Es bestehe die Gefahr von Mehrfach-Wechseln während einer Saison, wodurch Wettbewerbsverzerrungen drohten und den Vereinen die Planungssicherheit fehle, verteidigt Rainer Koch die Regelung.

Ein anderes Beispiel: Das Profidebüt des jüngsten Bundesligaspielers, Nuri Sahin vom BVB, hätte es heute bei den Amateuren nicht gegeben. Sahin war bei seinem ersten Einsatz 16 Jahre und 335 Tage alt. In Bayern darf nach einem Beschluss des Verbandstages 2014 nur der ältere A-Jugend-Jahrgang in die Herrenmannschaft aufrücken, also Spieler, die in der laufenden Saison 18 Jahre alt wurden oder es noch werden. Der BFV erklärt seine Regel so: Es gab in der Vergangenheit nach der Winterpause zu viele Abmeldungen von A-Jugend-Teams, weil die Vereine zu viele Jugendspieler zu den Herren hochgezogen hatten und sich viele der übrigen Spieler mangels Perspektive vom Fußball abgewendet hätten. Derzeit wird die Wirkung des Beschlusses überprüft. Im Februar ist das Thema auch ein Schwerpunkt bei der Jugendfachtagung des DFB.

Auch auf dem Feld wird der Profifußball zunehmend zu einem anderen Spiel. Die Amateure klagen über Nachwuchssorgen bei den Schiedsrichtern, während die Profis mit Torlinientechnologie und Torrichter spielen. Der DFB gründete eine Futsal-Nationalmannschaft und lässt das Spiel mit dem kleineren Ball verpflichtend für alle in der Halle spielen. Dem klassischen Hallenfußball, wie ihn im Winter tausende Amateurclubs spielen, droht das Aus. Der Fokus auf Futsal sei lediglich eine Übernahme des Fifa-Standards, sagt der DFB. Im Saarland aber weigern sich einige Vereine, sie kämpfen in einer Interessengemeinschaft für eine Fortsetzung des klassischen Hallenspiels, auch in Bayern regt sich Widerstand. Die Argumente der Vereine: Futsal sei unattraktiv und locke weniger Zuschauer. Die Vereine nehmen weniger Geld ein. 

Offenbar andere moralische Standards

Besonders deutlich aber wird die Doppelmoral beim Thema Sportwetten. 14 von 18 Bundesligisten unterhalten eine Kooperation mit einem privaten Wettanbieter, 16 Millionen Euro fließen laut dem Branchenmagazin Sponsors an die Vereine. Es könnten bald noch mehr sein, wenn es bald ein Gesetz gibt, das den privaten Wettmarkt in Deutschland regelt. Der von der Bundesregierung 2012 verabschiedete Glücksspieländerungsstaatsvertrag ist mittlerweile als verfassungswidrig eingestuft. Das fehlende Gesetz ist der Grund für das Sponsoren-Theater in Berlin. Ohne Gesetz keine Klarheit.

Ob Wettanbieter als Trikotsponsoren geduldet sind, beantworten die Fußballverbände deshalb unterschiedlich: Die DFL erlaubt Trikotwerbung für die ersten beiden Profiligen und ermöglicht den Profis einen Geldregen. Für die Berliner Amateure muss das wie Hohn klingen, sie haben keinen Zugriff auf die Werbetöpfe. "Logisch lässt sich das nicht erklären", sagt Harald Aumeier, früherer Vorstand von Türkiyemspor Berlin. Türkiyemspor führte in der Vergangenheit mehrfach Auseinandersetzungen mit dem Verband, weil der Club mit einem Wettanbieter auf der Brust auflaufen wollte.

Angst vor Benachteiligungen

Aumeier vermisst einen offenen Diskurs über Wettanbieter, die in Berlin das Stadtbild mitprägen. "Sind die Zuschauer und Spieler bei den Amateurvereinen anfälliger für Wettsüchte als die bei den Profis?", fragt er angesichts des Verbots. Während Karl-Heinz Rummenigge in einem TV-Spot mit Sekt auf den Werbepartner anstößt, droht Amateuren mit Wettanbieter auf der Brust Punktabzug. "Die Zweiklassengesellschaft wird noch einmal untermauert", sagt Aumeier.

"Eine völlig inakzeptable Konstellation für die Amateurvereine" nennt der DFB-Interimspräsident Rainer Koch die Lage. Sein bayerischer Verband und einige weitere tolerieren die Werbung der Wettanbieter immerhin. Berlin will das nicht. Öffentlich Kritik äußern dort aber kaum Vereine. Zu groß sei die Angst, bei der nächsten Trainingsplatzvergabe benachteiligt zu werden, sagt Harald Aumeier. Konsequent wäre es, die Wettanbieter allen zu erlauben oder allen zu verbieten. Dazu wird es, des vielen Geldes wegen, aber nicht kommen.

Also müsste der Berliner Verband handeln und die Genehmigungspflicht für Trikotwerbung aufheben. Er duckt sich aber weg, weil der Senat droht. "Wir schützen unsere Vereine vor behördlichen Strafen", schreibt der Verband. Der Senat profitiert zwar von Steuereinnahmen der über ganz Berlin weit verbreiteten Wettbuden, den Sportlern will er das aber nicht gönnen. "Die Politik verstellt dem Amateursport, der Basis den Weg", sagt Harald Aumeier.

Hertha BSC wird bei seinem Sponsor bleiben, zu verlockend sind die Millionen der Wettanbieter. Auf die Anfrage an den Berliner Senat, wann er die Hertha für das bestraft, was den Amateuren verboten wird, gibt es nur ausweichende Antworten. Der Profifußball genießt offenbar andere moralische Standards.