Wenn am Mittwochabend die Spieler von Dynamo Kiew und Manchester City auflaufen, dürfte das Kiewer Olympiastadion ausverkauft sein. Im Unterrang der Nordkurve werden die Ultras für Stimmung sorgen. Bevor die Champions-League-Hymne ertönt, wird auf den beiden Videoleinwänden wie immer der Spot der Uefa gegen Rassismus Position zu sehen sein. Sämtliche Superstars des Weltfußballs sprechen sich darin gegen Rassismus aus – Love Football, Hate Racism. Messi sagt es, Ibrahimovic sagt es, Neuer auch.

Auch Kay Kyekyeku liebt Fußball. Besonders den von Dynamo. Vor vier Jahren ist der 23-Jährige aus Ghana nach Kiew gekommen. Er studiert Elektronik an der Technischen Universität. Wegen seiner Hautfarbe sei er in dieser Zeit nie attackiert worden. "Ein paar Betrunkene haben mich einmal beschimpft. Aber andere sind dagegen eingeschritten", sagt er.

Die meisten Ukrainer seien ihm gegenüber sehr freundlich, offen und neugierig. Doch wenn es um den Stadionbesuch geht, fühlt sich Kay  nicht so sicher. Man müsse offene Augen haben, sagt er. Bei Abendspielen bleiben er und seine Freunde nie bis zum Abpfiff im Stadion. "Wir wollen nicht riskieren nach dem Spiel auf Gruppen von betrunkenen Fans zu treffen."

Dass man bei Dynamo den Fußball liebt, ist wohl unbestritten. In der siebziger und achtziger Jahren ließ Trainerlegende Valeri Lobanowski bei Dynamo schon ballorientiert verteidigen und Pressing spielen. Wurde der Ball erobert, ging es schnell Richtung gegnerisches Tor. Heute nennt man das Umschaltspiel. Diese Art Fußball machte den Club damals zur Nummer eins in der Sowjetunion und brachte zwei Europapokaltitel ein.

Allerdings kommen Zweifel auf, wenn es um die Einstellung des Vereins zu Rassismus geht. Das hat mit einem Vorfall im Oktober zu tun, aber auch mit der ambivalenten Haltung von Club und Teilen der Fans. Während des Gruppenspiels gegen Chelsea wurden mehrere Zuschauer im Block 23 der Südkurve von einer Gruppe Schläger verletzt. Unter den Opfern waren zwei kongolesische Studenten. Einer von ihnen war so schwer verletzt, dass er Tage im Krankenhaus bleiben musste. Mit der Presse sprechen will keiner von beiden.

Auch von Hetzjagden rechtsextremistischer Hooligans auf schwarze Zuschauer wurde seinerzeit berichtet. Und von einem Sicherheitsdienst, der nicht einschritt. Chelsea-Fans seien auch angegriffen worden. So weit, so schlecht.

Auch Kyekyeku war an jenem Abend im Stadion, allerdings auf der gegenüberliegenden Seite. Von den Übergriffen habe er nichts bemerkt, sagt er. Dauerkartenbesitzer Wasja war näher dran. Er beobachtete die Schlägerei aus dem Nachbarblock. Dort halte sich gewöhnlich eine Gruppe Ultras auf, die sich von der Hauptgruppe der organisierten Fans abgespalten habe. Man erkenne sie leicht: ausschließlich junge Männer, kaum Fanuntensilien, dunkle Jacken. "Da geht man besser nicht hin", sagt er. Die Schlägerei habe mitten in der zweiten Hälfte des Spiels begonnen. Nach wenigen Minuten sei alles vorbei gewesen.

Ungewöhnlich war die erste Reaktion eines Vereinsoffiziellen. Zwar bedauerte der Stadionchef Wladimir Splitschenko in einem TV-Interview die Ausschreitungen. Als Lösung schlug er aber vor, künftig getrennte Bereiche für schwarze Zuschauer einzuführen. Das sei eine gute Idee, damit kein Rassismus aufkomme. Nach einem Shitstorm nahm er seine Aussagen am Folgetag zurück. Der Vorfall und die Reaktion machten Schlagzeilen. 

Die Uefa reagiert vorsichtig

Auch Medien aus Russland – sonst nicht als Streiter gegen Diskriminierung bekannt – griffen ihn auf. Schließlich passte der Vorfall wunderbar zur Propaganda von der "faschistischen Junta", die in Kiew an der Macht sei.

Die Uefa regierte konsequent. Drei Spiele Sperre auf europäischer Ebene, eins davon auf Bewährung, und 100.000 Euro Strafe, so die Entscheidung der Disziplinarkommission. Begründung: rassistisches Verhalten und blockierte Rettungswege. Das erste Geisterspiel gewann Dynamo gegen Maccabi Tel Aviv im Dezember und zog damit ins Achtelfinale ein.

Es ist der größte sportliche Erfolg des Klubs in Europa seit mehr als 15 Jahren. Im Stadion durfte dabei niemand zusehen. Die Fans feierten später am Abend mit der Mannschaft und geleiteten den Bus vor dem Stadion durch ein Spalier aus Bengalos.

Am Mittwoch will Kyekyeku wieder ins Stadion gehen. Dass er und alle anderen Fans das können, liegt daran, dass die Uefa Anfang Februar das Strafmaß für Dynamo auf ein Spiel hinter verschlossenen Türen reduziert hat. Der Club war gegen die Entscheidung aus dem November in Berufung gegangen. Offenbar fand die Verbandszentrale die Kiewer Vergehen mit etwas Abstand weniger schwerwiegend.

Warum die Uefa dem Einspruch stattgegeben hat, will sie auf Nachfrage nicht erklären. Alle Entscheidungen der Berufungsinstanz würden zwei Mal jährlich veröffentlicht, heißt es aus der Zentrale im schweizerischen Nyon. Der Verband habe strikte Richtlinien gegen Rassismus.

Organisierte Rechtsextremisten

Dass die Uefa in einem Berufungsverfahren eine Strafe reduziert, ist nicht ungewöhnlich. Berufungsinstanzen sind für die Korrektur von Entscheidungen zuständig. Dass die öffentliche Aufmerksamkeit für die Ausschreitungen inzwischen verflogen war, dürfte es den Richtern nicht erschwert haben. Aber vielleicht gab es auch Zweifel an der ersten Version. So hatte die Schlägerei in Block 23 des Olympiastadion damit begonnen, dass eine Gruppe Ultras Zuschauer angriff, die erkennbar Dynamo Fans waren, so ist es auch in Fernsehbildern zu sehen.

An der Auseinandersetzung waren rund 30 Menschen beteiligt. Im weiteren Verlauf wurden zwei schwarze Zuschauer attackiert, die zuvor am Rand der Auseinandersetzung saßen. Auch sie trugen Schals von Dynamo Kiew.

Ein großer Fan ist auch Alex. Der 25-Jährige geht zu Dynamo, seit er Teenager ist. Im Block der Ultras kenne er die meisten, sagt er. Seit ein paar Jahren schlägt er bei den Heimspielen die Trommel. Nach einem müden Ligakick an einem verschneiten Sonntagabend Ende 2015 gegen ein überfordertes Team aus Odessa rollte er mit seinen Freunden die Banner ein, mit denen sie den Block in der Kurve geschmückt hatten. Schwarze Zuschauer könnten gern zu Dynamo kommen, sagt er. Aber den Block der Ultras würde er nicht empfehlen.

"Wir bleiben lieber unter uns", sagt Alex. Das sei aber kein Grund, gewalttätig zu werden. Die Gruppe, die für die Übergriffe verantwortlich gewesen sei, kenne er. "Die wollten sich nicht an unsere Regeln halten: keine Gewalt, keine faschistischen Symbole auf Fahnen und Bannern, keine rassistischen Gesänge." Deshalb sei diese Gruppe in einen anderen Block gewechselt.

Allerdings klingt er von den eigenen Regeln nicht ganz überzeugt. "Wir halten uns daran, weil es sonst Strafen gibt", sagt er. Dynamo werde zu Unrecht allein an den Pranger gestellt. Schließlich gebe es in Italien regelmäßig rassistische Gesänge in den Kurven, sagt Alex.

Einiges deutet darauf hin, dass hinter den Ausschreitungen organisierte Rechtsextremisten stecken. Das Menschenrechtszentrum Charkiw, das unter anderem Verbrechen der Vorgängerregierung des abgesetzten Präsidenten Janukowitsch oder Foltervorwürfe gegen die russische Besatzungsmacht auf der Krim erforscht, hat Videos vom Chelsea-Spiel untersucht und mit Fotos aus sozialen Netzwerken abgeglichen. Unter den Angreifern wurden mehrere Mitglieder des Freiwilligenbatallions Asow entdeckt. Kommandierende der Militäreinheit haben sich in der Vergangenheit mehrfach rassistisch und antisemitisch geäußert. Ihr Zeichen ist eine sogenannte Wolfsangel und sah bis vor ein paar Monaten dem Abzeichen einer SS-Panzerdivision ähnlich.

Im Fanshop, den die Ultras nahe dem Bahnhof betreiben, steht eine Spendenbox für die Militäreinheit. "Wir sammeln für die Behandlung von Verwundeten", sagt der Verkäufer Denis. Viele Ultras hätten sich freiwillig gemeldet, um im Donbass gegen die Separatisten zu kämpfen.

Besuch von Kontrolleuren

Was Gewalt und Rassismus angeht, hat Dynamo eine Vorgeschichte. Mehrfach gab es Strafzahlungen. Erst im September kam es am Rande einen Spiels gegen Legia Warschau zu straßenkampfartigen Szenen in der Innenstadt. Hooligans aus Europa kämen gern nach Kiew, weil die Polizei öfter mal wegsehe, sagt der Ultra Alex. Für einige Ultras seien die Gastspiele ausländischer Klubs eine willkommene Gelegenheit, ihre Aggression auszuleben. Schließlich gebe es seit Beginn des Krieges im Osten des Landes ein Stillhalteabkommen zwischen den Ultras in der ukrainischen Liga. "Wir haben wichtigere Probleme als uns gegenseitig zu bekämpfen", sagt er.

Von den Angreifern aus dem Oktober sind inzwischen zwei wegen Körperverletzung zu Haftstrafen verurteilt worden. Die Gruppe selbst stand allerdings noch bis zum Ende der Hinrunde am selben Platz. Wie Dynamo das Problem angehen will, bleibt unklar. Fanbetreuung gibt es praktisch nicht.

Der Sicherheitsdienst sieht für gewöhnlich seine Arbeit als erledigt an, wenn die Zuschauer nach der Halbzeitpause wieder in ihre Blocks zurückgegangen sind. Wie man gegen Rassismus unter den Fans vorgehen will, will der Club trotz mehrfacher Anfrage erst nach dem Spiel sagen. 

Dies wird unter besonderer Aufmerksamkeit stehen. Bei der Uefa heißt es, das Netzwerk Football Against Racism in Europe entsende regelmäßig Beobachter. Natürlich kündige man das nicht vorher an.