Die Fans beider Clubs sehen aus wie Hoden mit Zähnen, meint unser Taxifahrer und schmeißt uns unweit des Tito-Mausoleums aus seiner klapprigen Kiste. Wie immer randvoll mit Adrenalin, strömen die Partizan-Grobari (Totengräber) und Roter-Stern-Delije (Helden) in Kiss-my-fist-Laune von allen Seiten zur Opferstätte. Noch ist aus taktischen Gründen nicht zu erkennen, wer welchem Belgrader Club für ewig und noch länger die Treue hält.
Das Belgrader Derby, das 150.! Obwohl in Serbien die Meisterschaft zugunsten von Roter Stern entschieden ist, toben sich am letzten Februarwochenende im vollbesetzten Partizanstadion die Massen aus. Pyro, Böller, rabiate Banner und garstige bis peinliche Gesänge erschüttern das Stadion bis auf seine realsozialistischen Grundmauern.
Auf zweihundert junge Männer kommt eine Frau. "Mit meinen Möpsen und meinem Popi-Hintern", so später die Kellnerin Tita auf Nachfrage, "ist für mich ein Stadionbesuch ein gründlich zu vermeidender Opfergang!"
Hahnenkämpfe in dunklen Gassen
Es gab schon Tote auf beiden Seiten, nicht endend wollende Pyroorgien, Böllerhagel, Fallschirmspringer, Massengebete. Die viel gerühmte serbische Lässigkeit. In diesem Jahr soll es in dunklen Gassen Hahnenkämpfe gegeben haben, auch ein paar "rumänische Hausbesuche" bei stadtbekannten Kneipenschlägern fielen wohl an, doch die große Massenprügelei findet diesmal nur in den Köpfen statt. Das liegt bestimmt auch an der massiv aufmarschierten Polizei, die vor und im Stadion in schwerer Kampfmontur zärtlich ihre Schlagstöcke kreisen lässt.
In Reih und Glied verstopfen erwartungsfroh Feuerwehrmänner, Fotografen und Polizisten die Tartanbahn. Das Stadion ist proppenvoll, jeweils eine Hälfte ist von Totengräbern und Helden okkupiert. Gesang, Klatschen, Gekreisch, Hände auf die Herzen, noch schnell ein nationalistischer Shanty aus den Lautsprechern und los geht’s! Nach zwei Minuten die erste Spielunterbrechung. Böller, Rauch, Nebelschwaden auf der Partizanseite. "Der Schiedsrichter ist eine Hure", wird gesungen.
Nach fünf Minuten das erste bitterböse Foul gegen Roter Stern. Das Volk tobt: "Der Schiedsrichter ist der Sohn einer elenden Zigeunerhure!" Großes Gewälz inklusiver Wunderheilung auf dem Platz. Nach elf Minuten dann das Revanchefoul, beide Trainerbänke proben den Aufstand. Das Stadion spuckt Feuer, die Fans schreien sich die Seelen aus dem Leib. Überall "Picku materinu!, Cigani!, Ustascha!"
"Grundehrlicher Balkanstyle"
Das Flutlicht flammt auf und die Grobari präsentieren ein Banner in englischer Sprache, damit nun wirklich alle Zuschauer verstehen, was hier passiert: "150. Serbisches Derby-Passion-Wahnsinn-Nationalstolz-Schönheit-Krieg-Liebe-Glaube-Loyalität-Gefühl-Mentalität-Gratulation". In der achtzehnten Minute fällt das 1:0 für Partizan. Pyro, Böller, noch mehr Polizei. Die Grobari verbrennen erste Fanutensilien des Feindes, die Delije reagieren sofort.
Erstaunlicherweise haben beide Clubs die Gehälter bezahlt, deshalb entwickelt sich ein kämpferisches Fußballspiel mit hohem Einsatz. 25. Minute Freistoß 1:1. 33. Minute Blitzangriff zum 1:2. Egal ob junger Spund oder gesetzter Vati, jede Aktion wird frenetisch beklatscht. Die wilde Meute zieht immer neue Register der Orgel des Irrsinns. Dann ist endlich Halbzeit. Alles sinkt zurück und schöpft Atem.
Im Stadion muss man die ganz großen Toleranzboots anhaben, um nicht über die derben Späße der Serben zu stolpern. Sie singen Schlachthymnen, preisen die große serbische Nation, leben Männerfantasien aus und geben ihren Gegnern Sextipps. Leider kann der genaue Wortlaut der Gesänge nicht wiedergegeben werden, es könnten auch Kinder mitlesen. "Das ist grundehrlicher Balkanstyle", verrät mir mein Stehplatznachbar.
Die Delije und die Grobari nehmen alles sehr ernst. Sie stehen Seit an Seit mit befreundeten Russen und Griechen. Auch ein paar Hundert deutsche Groundhopper und viele osteuropäische Sportfreunde sind präsent. Die Deutschen halten sich zurück, wegen der diversen kriegerischen Auseinandersetzungen (Weltkriege, Natobombardements in den neunziger Jahren etc.) sind sie nicht so sehr beliebt in Belgrad. Russen dafür umso mehr! Beide Völker verbindet das Böse-Buben-Image. In langen Reihen hängen bei den Grobari und Delije die Unterstützerfahnen über den eigenen Zaunfahnen. Putin-T-Shirts sind in Belgrad der Renner.
Kommentare
Danke Herr Willmann. War schön zu lesen.
"Erstaunlicherweise haben beide Clubs die Gehälter bezahlt" ...bei diesem Satz musste ich herzahft lachen. :-D
Und was die Rivalität betrifft, so ist das wirklich schwer zu beschreiben und noch schwerer zu verstehen. Je nach Wirtschaftlage, Wetter oder anderen Faktoren schwankt man bei beiden Fanlagern zwischen "wildromantischer Stadionpoesie" und wirklichem Hass.
Bei ersterem macht es sogar richtig Spaß bei einem solchen Spiel dabei zu sein. Da sind choreographien der Fanlager und die Gesänge sogar interessanter als jedes Fussballspiel. ;-)
Ich kann mich leider Ihrem Enthusiasmus nicht anschließen. Ich selber komme aus Belgrad (bin auch stiller Fan von Partizan), muss jedoch diese romantische Verklärung strikt ablehnen. Das Land steckt in ziemlichen Schwierigkeiten, sowohl wirtschaftlichen als auch moralischen. Diese Schwierigkeiten tragen die Hooligans nicht nur in Stadion. Wenn Sie einmal im Leben einen wütenden Hooligan-Mob in Belgrad gesehen haben, dann würden nicht solche Artikel schreiben. Ich erkenne keine Kritik hier! Diese zwei Fragen am Ende sind zu wening!
Sie müssen verstehen, dass diese Jugendlichen ganze Stadtteile terrorisieren und mit ultranationalistischem, ja faschistischem Gedankengut fluten. Diese Jugendlichen sind es, die auf offener Straße wildfremde Menschen krankenhausreif schlagen, weil jemand anders aussieht oder für den falschen Klub ist oder einen schief angeschaut hat. Sie machen keinen Halt vor Frauen oder Kindern. Ich habe mal mit eigenen Augen gesehen, wie so ein Mob einem alten Mann das Gesicht blutig geschlagen hat, nur weil er Zivilcourage besessen hat und einer bedrängten Frau zu Hilfe gekommen ist.
Diese Leute also nur aufs Stadion zu beschränken ist meiner Meinung nach gefährlich, da der Hooliganismus kein Problem der Stadien allein, sondern eines der größten Probleme Belgrads und des ganzen Balkans ist.
Ich würde mir daher auch einen Artikel über die Delije und Grobari außerhalb der Stadien wünschen, um auch den Horror zu zeigen, der sich in manchen Vierteln abspielt.
Haben Sie schon mal die Hools von Dynamo Dresden oder Hannover96 mitbekommen?
Die Letzteren haben mal bei einem Länderspiel vor jahren einem auf den Boden liegenden franz. Gendarmen den Kopf fast zu Matsch getreten... und haben dazu noch gejubelt.
Hooligans sind der letzte menschliche Dreck - weltweit, ohne Ausnahme.
Eine fremde Welt, doch warum muss es eine böse sein? Ich hab "mit eigenen Augen gesehen", wie Fußballfans sich für ihre Mitmenschen eingesetzt haben, überall auf der Welt. Insofern finde ich die Worte meines Vorschreibers problematisch. Mir hat die Reportage sehr gut gefallen. Sehr nah dran, richtiger Journalismus halt, der Autor ist kein Schreibtischtäter oder "Laptopjournalist" , er geht dahin wo es weh tut.
Eingesetzt? Welch niedliche Verklärung. Ihr Vorschreiber beschreibt Szenen, deren Zeuge er geworden ist und Sie finden das problematisch? Ich finde es problematisch es zu verklären, dass Menschen unter dem Deckmantel des Fantums andere Menschen in chauvinistischer Manier fertig machen und zwar nicht nur verbal. Damit kann man ja noch Leben. Aber was Hooligangruppen und auch diverse Ultras auf dem Kerbholz haben, das überschreitet jede Grenze der Vernunft. Richtig problematisch finde ich, wenn sie einen auf Guerilla Straßenkämpfer machen, die Polizei provozieren und Konflikte anheizen, wie z.B. Ultras in Ägypten (wieviele sind dabei gestorben?), in der Ukraine (hat ja wirklich viel gebracht) oder bei den GEZI-Park Protesten in der Türkei. Bei vielen Zeitungsberichten waren gerade Ultragruppen (wohl eher Hooligans) an forderster Front. Keine Ahnung also, was Sie mit "für ihre Mitmenschen eingesetzt haben" meinen. Die Toten und Verletzten im Umkreis des Fußballs weltweit sprechen da eine andere Sprache.
Wirklich stark geschrieben. Respekt! Begeisterung! Es bleibt die Unterlage. Die Verlierer der westlich industriellen und westlich finanziellen Globalisierung formieren sich allmählich. Putin sammelt emotionale Gefolgschaft. Ganz langsam wird auch hier die Sicht durch den Nebel deutlicher.
Weiss nicht ob man gleich so weit denken kann. Zumal sich Putin der Serben schon ein paar Tage sicher sein kann.