Die zweite Halbzeit beginnt mit Pyro, Böllern und Gesängen. "Ubi, Ubi, Ubi! (Stirb, Stirb, Stirb!)" In der 65. Minute wird das Spiel abermals unterbrochen, bis die dichte Pyronebelwand wieder in den Nachthimmel entfleucht. Eine Minute später die nächste Unterbrechung. Diesmal schwebt Pyro bis aufs Spielfeld. Die Grobari sind missgelaunt. Die Saison war verheerend, im Europapokal flogen sie ausgerechnet gegen ein deutsches Team raus.
Roter Stern lacht sich ins Fäustchen und beschimpft den Rivalen. "Ubi, Ubi, Ubi!" Was gibt es auch Vortrefflicheres für einen Fan, als beim Derby dem Rivalen in den Vorgarten zu machen! Die Pyroscharmützel halten an, Partizan berennt vergeblich das Tor, die Fans feiern sich selbst, obwohl ein paar handfeste Beschimpfungen auch immer gehen. "Ubi, Ubi, Ubi!"
Ein Sack Politiker
In der 80. Minute endlich die vierte Spielunterbrechung. In der mehrminütigen Nachspielzeit wogt das Geschehen auf und neben dem Platz mächtig hin und her. Dann Abpfiff, faires Händeschütteln der Spieler, die Helden feiern ihren Roten Stern ausgiebig, indes die Totengräber schnell verschwinden. In die Kneipe, zum Wunden lecken, paar Geschichten von großen Derbysiegen erzählen. Außerdem kommt bald das 151. Derby.
Auch ein Sack Politiker schüttelt einander die Hände. Die serbischen Sozialisten sind gern für Roter Stern. Die Demokraten für Partizan. Sie sehen die beiden großen Clubs als Vehikel für ihre Interessen und reden in diversen Vereinsgremien mit.
Die Totengräber feiern die Niederlage, die Helden die Meisterschaft, dann feiern sie sich. Das Chaos brodelt ihnen im Blut, ach, ist das schön, einander so herrlich hassen zu können! Großes Gelächter und Geschrei. Helden und Totengräber bunt durcheinander. Ist am Ende alles nur halb so wild? War ich etwa ein Teil wildromantisch inszenierter Stadionpoesie?
Kommentare
Danke Herr Willmann. War schön zu lesen.
"Erstaunlicherweise haben beide Clubs die Gehälter bezahlt" ...bei diesem Satz musste ich herzahft lachen. :-D
Und was die Rivalität betrifft, so ist das wirklich schwer zu beschreiben und noch schwerer zu verstehen. Je nach Wirtschaftlage, Wetter oder anderen Faktoren schwankt man bei beiden Fanlagern zwischen "wildromantischer Stadionpoesie" und wirklichem Hass.
Bei ersterem macht es sogar richtig Spaß bei einem solchen Spiel dabei zu sein. Da sind choreographien der Fanlager und die Gesänge sogar interessanter als jedes Fussballspiel. ;-)
Ich kann mich leider Ihrem Enthusiasmus nicht anschließen. Ich selber komme aus Belgrad (bin auch stiller Fan von Partizan), muss jedoch diese romantische Verklärung strikt ablehnen. Das Land steckt in ziemlichen Schwierigkeiten, sowohl wirtschaftlichen als auch moralischen. Diese Schwierigkeiten tragen die Hooligans nicht nur in Stadion. Wenn Sie einmal im Leben einen wütenden Hooligan-Mob in Belgrad gesehen haben, dann würden nicht solche Artikel schreiben. Ich erkenne keine Kritik hier! Diese zwei Fragen am Ende sind zu wening!
Sie müssen verstehen, dass diese Jugendlichen ganze Stadtteile terrorisieren und mit ultranationalistischem, ja faschistischem Gedankengut fluten. Diese Jugendlichen sind es, die auf offener Straße wildfremde Menschen krankenhausreif schlagen, weil jemand anders aussieht oder für den falschen Klub ist oder einen schief angeschaut hat. Sie machen keinen Halt vor Frauen oder Kindern. Ich habe mal mit eigenen Augen gesehen, wie so ein Mob einem alten Mann das Gesicht blutig geschlagen hat, nur weil er Zivilcourage besessen hat und einer bedrängten Frau zu Hilfe gekommen ist.
Diese Leute also nur aufs Stadion zu beschränken ist meiner Meinung nach gefährlich, da der Hooliganismus kein Problem der Stadien allein, sondern eines der größten Probleme Belgrads und des ganzen Balkans ist.
Ich würde mir daher auch einen Artikel über die Delije und Grobari außerhalb der Stadien wünschen, um auch den Horror zu zeigen, der sich in manchen Vierteln abspielt.
Haben Sie schon mal die Hools von Dynamo Dresden oder Hannover96 mitbekommen?
Die Letzteren haben mal bei einem Länderspiel vor jahren einem auf den Boden liegenden franz. Gendarmen den Kopf fast zu Matsch getreten... und haben dazu noch gejubelt.
Hooligans sind der letzte menschliche Dreck - weltweit, ohne Ausnahme.
Eine fremde Welt, doch warum muss es eine böse sein? Ich hab "mit eigenen Augen gesehen", wie Fußballfans sich für ihre Mitmenschen eingesetzt haben, überall auf der Welt. Insofern finde ich die Worte meines Vorschreibers problematisch. Mir hat die Reportage sehr gut gefallen. Sehr nah dran, richtiger Journalismus halt, der Autor ist kein Schreibtischtäter oder "Laptopjournalist" , er geht dahin wo es weh tut.
Eingesetzt? Welch niedliche Verklärung. Ihr Vorschreiber beschreibt Szenen, deren Zeuge er geworden ist und Sie finden das problematisch? Ich finde es problematisch es zu verklären, dass Menschen unter dem Deckmantel des Fantums andere Menschen in chauvinistischer Manier fertig machen und zwar nicht nur verbal. Damit kann man ja noch Leben. Aber was Hooligangruppen und auch diverse Ultras auf dem Kerbholz haben, das überschreitet jede Grenze der Vernunft. Richtig problematisch finde ich, wenn sie einen auf Guerilla Straßenkämpfer machen, die Polizei provozieren und Konflikte anheizen, wie z.B. Ultras in Ägypten (wieviele sind dabei gestorben?), in der Ukraine (hat ja wirklich viel gebracht) oder bei den GEZI-Park Protesten in der Türkei. Bei vielen Zeitungsberichten waren gerade Ultragruppen (wohl eher Hooligans) an forderster Front. Keine Ahnung also, was Sie mit "für ihre Mitmenschen eingesetzt haben" meinen. Die Toten und Verletzten im Umkreis des Fußballs weltweit sprechen da eine andere Sprache.
Wirklich stark geschrieben. Respekt! Begeisterung! Es bleibt die Unterlage. Die Verlierer der westlich industriellen und westlich finanziellen Globalisierung formieren sich allmählich. Putin sammelt emotionale Gefolgschaft. Ganz langsam wird auch hier die Sicht durch den Nebel deutlicher.
Weiss nicht ob man gleich so weit denken kann. Zumal sich Putin der Serben schon ein paar Tage sicher sein kann.