Thomas Tuchel war noch nie in Anfield. Er machte, was alle machen, die zum ersten Mal das Stadion an der Anfield Road in Liverpool betreten: Er staunte. Vor dem Abschlusstraining der Dortmunder vor dem Europa-League-Rückspiel am Donnerstag stand er am Mittelkreis, hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben, schaute sich um, und man glaubte, aus der Entfernung ein Lächeln auf seinem Gesicht zu erkennen, und Gedanken wie: Das also ist Anfield. Und ich bin auch da. Stark.

Er wolle "spüren, riechen und fühlen, wie sich das Stadion anfühlt", hatte Tuchel zuvor gesagt. Das mag esoterisch klingen, aber trifft es. Anfield ist ein Mythos, den man eher fühlen als sehen kann. Von außen sieht das Stadion aus wie eine zu groß geratene Blechbüchse. Innen gibt es vier Tribünen, an jeder Seite eine, auch nichts Besonderes. Und doch ist da etwas, jeder Backstein, jede Metallstrebe, selbst jeder Abfalleimer scheint seine eigene Geschichte zu erzählen. 1884 wurde dieses Stadion eröffnet, wer leise ist, hört den Geist der Fußballhistorie atmen. Oder singen.

Es gibt diese Aufnahmen aus dem britischen Fernsehen. Sie sind von 1964, in ihnen steht ein staunender Reporter vor dem Kop, der berühmtesten Hintertortribüne auf Erden. "Früher dachte man, das walisische Rugbypublikum sei das leidenschaftlichste der Welt. Aber ich habe noch nie so etwas wie diese Liverpooler gesehen", erzählt er dem staunenden Fernsehpublikum, während im Hintergrund Tausende Menschen umherschwappen, als wären sie Teil eines großen Wackelpuddings, der Beatles-Lieder singt: "She loves you, yeah, yeah, yeah!" Die Masse wogt vor und zurück, nach links und rechts, erregt, aber doch beherrscht. Vor allem junge Männer, viele von ihnen mit Hemd und Schlips, wie es sich gehört für diese Zeit. Nicht ausgeflippt, aber immer noch so euphorisch, dass heutigen Bundesliga-Sicherheitsbeauftragten das Herz stehen bleiben würde.

Drei Jahre später haben sie in Anfield den Fangesang erfunden. Alles, was heute in den Tausenden Stadien dieser Welt zu hören ist, geht zurück auf einen nebligen Septembersamstag 1967. Der Nebel war so dick, die Fans konnten nicht von einem Tor zum anderen schauen. Plötzlich raunte das halbe Stadion nach einem Angriff der Liverpooler. Es fiel wohl ein Tor. Die Leute vom Kop konnten das aber erst sehen, als die Mannschaft jubelnd zurück in die eigene Hälfte lief. Sie beklagten ein Informationsdefizit und riefen zu Zehntausenden in den Nebel: "Who scored the goal, who scored the goal?" Der Nebel rief zurück: "Hateley scored the goal, Hateley scored the goal."

Es war auch zu dieser Zeit, als die Liverpooler einen bis dahin als Schnulze geltenden Musicalsong für sich entdeckten. Gerry Marsden, der Frontmann von Gerry & the Pacemakers, selbst ein Liverpudlian, sang "You'll never walk alone", und der Kop sang mit, angeblich weil an diesem Tag die Soundanlage des Stadions ausfiel. Die Fans übernahmen.

Heute ist das Lied, das von einem verstorbenen Vater erzählt, der für einen Tag zurück auf die Erde kommt und seiner Tochter mit auf dem Weg gibt, sie solle den Kopf oben halten, wenn ein Sturm kommt, das Fußballlied schlechthin. Es wird in vielen Stadien der Welt gesungen. Unter anderem auch in Dortmund, dessen Schlagerversion einem echten Liverpool-Fan jedoch das Fürchten lehrt.

Mit den Knien die Ohren zuhalten

Die Fans der Reds gehören noch immer zu den sangesfreudigsten. Der Spieler, dem Anfield einen eigenen Song widmet, hat es geschafft. Jürgen Klopp, der Liverpool mit Charme und Wahnsinn schon längst erobert hat, wird auch ausdauernd besungen. Jedoch: Der berühmteste Gesang ist ein Gebrüll. Der sogenannte Roar ist jenes legendäre, für England typische Lärmen, ein kurzes, vollkehliges Brüllen, das das bemerkenswerte Gefühl englischer Fans fürs Spielgeschehen zeigt. Der Roar erklingt immer dann, wenn das Publikum spürt, dass es der Mannschaft genau jetzt helfen muss. Wenn sie auf ein Tor drückt oder bei knapper Führung den Ball wieder einmal erfolgreich weggedroschen oder einen Gegenspieler per Grätsche ins Seitenaus geschickt hat. Manche sagen, dieses Stadion schießt Tore.

Auf den Tribünen herrscht Thrombosegefahr. Die Reihen sind enger bestuhlt als im Billigflieger, man kann sich mit den Knien die Ohren zuhalten. Für einen Verein seiner Größe ist das Stadion des FC Liverpool mit derzeit knapp 45.000 Plätzen relativ klein. So versucht man, so viele Leute wie möglich auf möglichst wenig Platz zu quetschen. Wer noch nicht da war, muss sich vorstellen, er säße in einem Schuhkarton – und mit ihm 45.000 andere.