Bitte keine Gender-Fragen

In Clermont-Ferrand, mitten in Frankreich, ist alles ein wenig anders. Fußball spielt hier hinter Rugby nur die zweite Geige. Der Präsident des örtlichen Zweitligisten Clermont Foot kümmert sich nur in groben Zügen um die Belange des Clubs, besucht nicht mal jedes Heimspiel. Und, ach ja: Die Mannschaft wird trainiert von einer Frau — Corinne Diacre.

Diacre ist 121-fache französische Ex-Nationalspielerin. Sie weiß, dass der Fußball auch dem Zufall gehört. Und dass Corinne Diacre in Clermont gelandet ist, ist gleich eine ganze Ansammlung an Zufällen. Eigentlich hatte sie sich als Cheftrainerin bei Olympique Lyon beworben, bei der Frauenmannschaft, wohlgemerkt. Doch den Job bekam ein Mann, Gérard Prêcheur. Obwohl er bis dato überhaupt keine Erfahrungen als Trainer einer Profimannschaft gesammelt hatte. Ganz im Gegensatz zu Diacre, die zwischen 2007 und 2013 parallel die Erstligamannschaft der Frauen von ASJ Soyaux, sowie als Co-Trainerin auch die Nationalmannschaft trainierte.

Auch bei der Herrenmannschaft des Zweitligisten Clermont Foot war der Trainerposten vor der Saison 2014/15 eigentlich bereits besetzt: durch eine Frau, die Portugiesin Helena Costa. Schon zu deren Vorstellung wurde Clermonts Präsidenten, Claude Michy, unterstellt, es auf einen Marketingcoup angelegt zu haben. Ähnlich dachte wohl auch sein Sportdirektor, über den Helena Costa nach ihrem baldigen Rücktritt, den sie noch vor Beginn des Sommertrainingslagers einreichte, sagte: "Der Club ist absolut amateurhaft geführt. Der Sportdirektor wollte Spieler verpflichten, ganz ohne meine Meinung einzuholen. Dabei muss ich die Spieler doch trainieren. Und noch schlimmer: Er reagierte nicht einmal auf E-Mails oder Kurznachrichten."

"Brechen eine scheinbar unzerbrechliche Regel"

Die Portugiesin also ging. Der Sportdirektor auf Geheiß von Präsident Michy gleich hinterher. Von seinem Plan, eine Frau als Trainerin zu installieren, ließ er sich allerdings nicht abbringen. Innerhalb weniger Tage wurde Corinne Diacre als Nachfolgerin ausgemacht und der Öffentlichkeit vorgestellt. Die war noch immer der Meinung, Präsident Michy habe es einzig auf den Marketingwert seiner Handlung abgesehen.

Ein Umstand, der ihn verärgerte: "Das sind die Ansichten einer sehr vorgeprägten Medienwelt. Mir geht es nicht um den PR-Gag, sondern um Corinnes Kompetenz." Und weiter: "Das, was mich an der Sache interessiert, ist, dass wir eine scheinbar unzerbrechliche Regel brechen in einem Sport, der von Männern für Männer gemacht ist. Wir sind quasi ein Labor, in dem etwas Innovatives gemacht wird. Die Welt verändert sich, und Sachen anders zu machen, das macht das Alltägliche interessanter. Es ist ein Luxus, solche Entscheidungen treffen zu können."

Und tatsächlich: Corinne Diacre ist die erste weibliche Trainerin einer männlichen europäischen Profifußballmannschaft. In Deutschland trainierte die ehemalige Nationalspielerin Sissy Raith den TSV Eiching — sechste Liga. In Italien immerhin schaffte es Caroline Morace 1999 bis in die dritte Liga, zu Viterbese. Wenn auch nur für zwei Spiele. Denn ihre Verpflichtung war wirklich das Werk eines PR-Rowdies, des Präsidenten Luciano Gaucci. Der stand zugleich auch dem Erstligisten FC Empoli vor, für den er im Zenit ihres Schaffens einst die deutsche Nationalspielerin Birgit Prinz verpflichten wollte. Und damit endet die Liste auch schon.

Ob das gut geht?

Weil es also quasi keine Vergleichsmöglichkeiten gab, schossen die Spekulationen um Diacres Wirken gehörig ins Kraut. Eine Frau als Trainerin eines Männerteams — ob das gut geht? Fragten sich vor allem die Medien. Wie etwa die FAZ, die angesichts ihres Debüts titelte: "Wer will schon gegen eine Frau verlieren", und zudem besonders herausstellte: "Schon vor dem Liga-Debüt in Brest gab es Blumen, und Corinne Diacre zeigte gute Miene zum freundlich gemeinten Spiel." Dass die Blumen nicht etwa deswegen überreicht wurden, weil nun eine Frau vor ihrem erstem Spiel stand, sondern schlicht deshalb, weil Diacre an jenem Tag ihren 40. Geburtstag feierte? Geschenkt.

Die Spieler waren da schon weiter. So wie Außenverteidiger Anthony Lippini: "Es war sicher das Gleiche, als die erste Frau in die Armee eintrat. Heute gibt es viele Frauen in der Armee und vielleicht wird es im Fußball genauso sein. Ich kann es jedenfalls kaum erwarten, dass es losgeht. Ich bin sehr neugierig."

Nur zwei Punkte Rückstand auf einen Aufstiegsplatz

Der Start ging dann gleich mal schief. Mit nur zwei Punkten aus den ersten fünf Spielen schien der Verein auch unter Diacre keine Fortschritte zu machen. Doch das nähere Umfeld hatte Diacre da schon hinter sich gebracht: "Ich habe das Gefühl, dass die Jungs unter Corinne konzentrierter arbeiten als unter einem Kerl", sagt etwa ihr Präsident. Eine Meinung, die Stürmer Idriss Saadi nur bestätigen kann: "Natürlich verlieren wir manchmal und sind dann nicht gut drauf. Aber unser Trainer ist eine Frau und wir schreien sie nicht an. Wir verhalten uns anders als einem Mann gegenüber. Man kann mal eine Auseinandersetzung mit dem Trainer haben, aber man schreit keine Frauen an."

Doch wie bitte, so fragten besorgte Journalisten, verhalte sich das in der Umkleidekabine? Was, wenn die Männer womöglich gerade nackt durch die Kabine huschen? Diacres Antwort hatte etwas Entwaffnendes: "Es ist klar, dass ich nicht gerade in die Umkleide-Kabine gehe, wenn sich die Spieler umziehen. Aber ganz ehrlich – es gibt so viele Männer, die Frauenteams trainieren, da ist das auch nie ein großes Thema gewesen. Warum sollte es das bei uns sein?" Und tatsächlich. Bei der letzten Weltmeisterschaft der Frauen in Kanada im vergangenen Jahr wurden 16 von 24 Teams von Männern trainiert. Fragen nach heiklen Momenten in der Umkleide? Keine.

Auszeichnung zum Zweitliga-Trainer des Jahres

Es war eine der wenigen Male, an denen sich Diacre zu Wort meldete. Ansonsten meidet sie den öffentlichen Auftritt. Auch unserer Anfrage erteilt sie eine Absage. Sie wolle nicht mehr über Geschlechterrollen reden, lässt sie ausrichten. Und auch, als sie noch redete, klang es wenig ausführlicher: "Ich brauche nicht jeden Tag in der Zeitung stehen. Ich arbeite lieber, als darüber zu reden. Und tatsächlich ist es so: Ich habe auch keine Antworten auf die meisten Fragen. Warum bin ich die einzige Frau? Was unterscheidet mich von anderen Frauen? Ich weiß es nicht!"

Auf dem Platz hingegen findet sie umso mehr und umso bessere Antworten. Nach dem Stotterstart hievte sie den Club schnell ins Mittelfeld. In dieser Saison greifen sie nach dem Aufstieg in die Ligue 1. Nur zwei Punkte trennen Clermont aktuell vom größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Dem zweitgeringsten Etat der Liga zum Trotz.

Das ist mehr als nur ein sportlicher Achtungserfolg – eine außergewöhnliche Leistung. Folgerichtig wählten sie die Redakteure der Fachzeitschrift France Football im Winter dieses Jahres zum Zweitliga-Trainer des Jahres. Eine Ehre, die Diacre freilich nur annahm, nachdem ihr versichert wurde, das große Interview zur Preisverleihung komme ohne jede Gender-Fragen aus.

Am Ende kam sie dann doch ganz von selbst darauf zu sprechen: "Der Aufstieg in die erste Liga wäre eine schöne Art, meinem Präsidenten Danke zu sagen. Dafür, mir die Chance gegeben zu haben, die erste Trainerin eines professionellen französischen Fußball-Teams zu sein." Es ist eben alles ein wenig anders in Clermont-Ferrand. Zum Glück.