Der Start ging dann gleich mal schief. Mit nur zwei Punkten aus den ersten fünf Spielen schien der Verein auch unter Diacre keine Fortschritte zu machen. Doch das nähere Umfeld hatte Diacre da schon hinter sich gebracht: "Ich habe das Gefühl, dass die Jungs unter Corinne konzentrierter arbeiten als unter einem Kerl", sagt etwa ihr Präsident. Eine Meinung, die Stürmer Idriss Saadi nur bestätigen kann: "Natürlich verlieren wir manchmal und sind dann nicht gut drauf. Aber unser Trainer ist eine Frau und wir schreien sie nicht an. Wir verhalten uns anders als einem Mann gegenüber. Man kann mal eine Auseinandersetzung mit dem Trainer haben, aber man schreit keine Frauen an."

Doch wie bitte, so fragten besorgte Journalisten, verhalte sich das in der Umkleidekabine? Was, wenn die Männer womöglich gerade nackt durch die Kabine huschen? Diacres Antwort hatte etwas Entwaffnendes: "Es ist klar, dass ich nicht gerade in die Umkleide-Kabine gehe, wenn sich die Spieler umziehen. Aber ganz ehrlich – es gibt so viele Männer, die Frauenteams trainieren, da ist das auch nie ein großes Thema gewesen. Warum sollte es das bei uns sein?" Und tatsächlich. Bei der letzten Weltmeisterschaft der Frauen in Kanada im vergangenen Jahr wurden 16 von 24 Teams von Männern trainiert. Fragen nach heiklen Momenten in der Umkleide? Keine.

Auszeichnung zum Zweitliga-Trainer des Jahres

Es war eine der wenigen Male, an denen sich Diacre zu Wort meldete. Ansonsten meidet sie den öffentlichen Auftritt. Auch unserer Anfrage erteilt sie eine Absage. Sie wolle nicht mehr über Geschlechterrollen reden, lässt sie ausrichten. Und auch, als sie noch redete, klang es wenig ausführlicher: "Ich brauche nicht jeden Tag in der Zeitung stehen. Ich arbeite lieber, als darüber zu reden. Und tatsächlich ist es so: Ich habe auch keine Antworten auf die meisten Fragen. Warum bin ich die einzige Frau? Was unterscheidet mich von anderen Frauen? Ich weiß es nicht!"

Auf dem Platz hingegen findet sie umso mehr und umso bessere Antworten. Nach dem Stotterstart hievte sie den Club schnell ins Mittelfeld. In dieser Saison greifen sie nach dem Aufstieg in die Ligue 1. Nur zwei Punkte trennen Clermont aktuell vom größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Dem zweitgeringsten Etat der Liga zum Trotz.

Das ist mehr als nur ein sportlicher Achtungserfolg – eine außergewöhnliche Leistung. Folgerichtig wählten sie die Redakteure der Fachzeitschrift France Football im Winter dieses Jahres zum Zweitliga-Trainer des Jahres. Eine Ehre, die Diacre freilich nur annahm, nachdem ihr versichert wurde, das große Interview zur Preisverleihung komme ohne jede Gender-Fragen aus.

Am Ende kam sie dann doch ganz von selbst darauf zu sprechen: "Der Aufstieg in die erste Liga wäre eine schöne Art, meinem Präsidenten Danke zu sagen. Dafür, mir die Chance gegeben zu haben, die erste Trainerin eines professionellen französischen Fußball-Teams zu sein." Es ist eben alles ein wenig anders in Clermont-Ferrand. Zum Glück.