Gospieler sein ist in Japan, China oder Korea ein angesehener Beruf. Das Strategiespiel mit den schwarzen und weißen Steinchen ist dort Teil der Kultur, gar der Philosophie. Viele Eltern träumen davon, dass ihr Kind Profi wird, und schicken es auf eine Goschule. In Japan oder Korea beginnt der Gounterricht gleich nach der regulären Schule und dauert bis zum Abend. In China werden Goschüler ganz von der Regelschule freigestellt. Da überwiegend Jungen Go lernen, sind die Anforderungen, Profi zu werden, für Mädchen und Frauen niedriger gelegt worden.

Yoon Young-sun zum Beispiel, die seit 2006 in Hamburg lebt, kam mit zehn Jahren vergleichsweise spät in eine Goschule. Obwohl sie nur eine Stunde am Tag spielte, fiel ihr Talent auf, und ihr Lehrer begann, ihre Eltern zu bearbeiten. Als sie 13 Jahre alt war, trainierte sie jeden Tag sechs Stunden. Nach gut zwei Jahren erfüllte sie bereits die Kriterien des Koreanischen Goverbands und wurde in den Profistatus erhoben. Hinter ihrem Namen steht "8p". Das bedeutet, dass sie den achten Profi-Dan führt, den zweithöchsten Rang im Go. Turniere bestreitet die 38-Jährige fast gar nicht mehr. Als Trainerin ist sie umso gefragter. Über Skype trainiert sie online Schüler in aller Welt. Montags unterrichtet sie im Stadtteilzentrum Schorsch beim Hamburger Go-Club, dem mit hundert Mitgliedern größten in Europa.

An diesem Wochenende ist Yoo Young-sun als Kommentatorin beim European Grand Slam in Berlin im Einsatz. Das ist der einzige Gowettbewerb in Europa unter annähernd professionellen Bedingungen. Für die zwölf Eingeladenen sind die Reise- und Aufenthaltskosten gedeckt. Der Sieger erhält 10.000 Euro. Das ist etwa fünfmal so viel wie bei der EM, die doppelt so lange dauert und bei der jeder seine Kosten selber trägt. Der European Grand Slam ist nicht nur der Höhepunkt eines europäischen Grand Prix, sondern auch Teil einer Initiative, das Go in Europa auf ein höheres Niveau zu heben. Befeuert wird die aus Asien.

Deutsche Spieler haben keine ernsthaften Chancen

2014 hat der Europäische Goverband begonnen, eigene Profis zu ernennen. Die Kriterien sind ähnlich streng wie bei den Verbänden in Ostasien. Erst fünf Spieler haben sie bisher erfüllt. Zum Grand Slam eingeladen sind neben diesen ersten Profis ein Rumäne und ein Russe, die lange als Profis in Japan und Korea gelebt haben. Insgesamt besteht das Feld aus elf Osteuropäern und einem Israeli.

Deutsche sind bei dem Turnier nicht dabei, da wohl keiner ernsthafte Chancen hätte, sich in der ersten Runde durchzusetzen. Als Kandidat für die Wildcard war immerhin Johannes Obenaus, fünfter Dan bei den Amateuren, im Gespräch. Der Berliner Mathematikstudent wurde vom Europäischen Goverband mit sieben weiteren Stipendiaten aus Russland, Polen, der Ukraine, Israel und Frankreich an eine renommierte Goschule in Peking geschickt.

Fünf Monate lang hat Obenaus dort intensiv trainiert. Meist zwölf Stunden am Tag, wenn nicht gerade ein Turnier anstand. Wirklich freie Tage waren nicht vorgesehen, sagt Obenaus. Manchmal spielten die Europäer zusammen Fußball oder Basketball oder erkundeten das kulinarische Angebot in der Umgebung der Goschule, die chinesischen Schüler aber kannten Tag und Nacht nur Go. Da wundert es nicht, dass es noch nie einem Nichtasiaten gelungen ist, unter die Top Hundert des Spiels zu kommen, geschweige denn ein wichtiges Profiturnier zu gewinnen.   

Nur 10.000 Euro Jahresetat

Statt im Grand Slam tritt Obenaus im Nebenturnier um den China Cup an. Der 24-Jährige hofft zwar, eines Tages zum Profi ernannt zu werden. Der Abstand zu den besten Europäern sei aber noch recht groß, meint er und sieht seine berufliche Zukunft eher als Mathematiker. Das ist ganz im Sinne von Martin Stiassny, dem Präsidenten des Europäischen Goverbands. Der hat das Profiprojekt konzipiert, aber schon einigen Studenten, die fanatisch Go spielten, einen Studienabbruch ausgeredet: "Profi ist ein Status, den die Spieler anstreben. Leben müssen sie von etwas anderem. Das geht eher noch in Osteuropa wegen der niedrigeren Kosten."

Der Finne Antti Tormänen zum Beispiel ist lieber in Japan Profi geworden. Anders als die Profiverbände in Ostasien macht Stiassny seinen Profis nämlich keine Garantien. Für den Europäischen Goverband mit seinen bisher gerade mal 10.000 Euro Jahresetat ist das Profiprojekt, das sich seine Sponsoren mindestens 150.000 Euro im Jahr kosten lassen, ohnehin schon ein großer Wurf. "Eine Chance, die nur einmal kommt", sagt Stiassny. Dazu muss man die Vorgeschichte kennen.

Geld von Freunden in Peking

Der Koreanische Goverband drängte schon länger darauf, dass auch in Europa und Nordamerika Profis ernannt werden. Als der amerikanische Verband 2012 mit koreanischer Hilfe damit begann, blieb Stiassny skeptisch. Dann bat ihn Li Ting, sechster Dan, eine ehemalige Berufsspielerin aus China mit Wohnsitz in Wien, einmal aufzuschreiben, was er sich so vorstellte und welche Beträge dafür benötigt würden. Die Antwort auf sein Konzept kam schnell: Freunde in Peking würden das Geld zur Verfügung stellen. Bis alle Teile des Projekts standen, dauerte es aber noch über ein Jahr.

Dafür haben sich Li Tings Freunde, gut ein Dutzend chinesischer Geschäftsleute, aber gleich für zehn Jahre verpflichtet. Sie riefen dafür eigens eine Firma ins Leben, die unter dem Namen Cego läuft. Der online veröffentlichte Vertrag zwischen Cego und dem Europäischen Goverband umfasst Trainingsaufenthalte an einer Goschule in Peking, ein Onlinetrainingssystem in englischer Sprache und dass Spitzentrainer wie Zhao Baolong und Li Cong einige Monate durch Europa touren. Der Europäische Goverband erhält Geld für Marketing und organisatorische Verbesserungen. Außerdem werden Turniere wie der Grand Slam finanziert.