"Ihr seid ja geisteskrank", sagte Jürgen Klopp, als er am Mittwoch die vielen Journalisten und Kameras sah, die auf ihn warteten. 319 Tage nachdem er mit Tränen in den Augen vor der Dortmunder Südtribüne stand, war Klopp wieder da. Und mit ihm der Hype. "Kloppo-Manie" und "El Kloppico". Wohl noch nie gab es so viel Rummel um ein Viertelfinale in der Europa League, diesem zweitbesten europäischen Wettbewerb, der in Deutschland so lange belächelt wurde, bis eben kürzlich Alexander Frei, auch ein ehemaliger Dortmunder, ausgerechnet die Bällchen des Ex-Klopp-Clubs Dortmund und Neu-Klopp-Clubs Liverpool hintereinander aus dem Lostopf fischte.

Jürgen Klopp hat den deutschen Fußball in Mainz und Dortmund über Jahre geprägt. Er gab das zähnefletschende Seitenlinienraubtier, den eloquenten Interviewpartner, den humorigen Dirigenten der Pressekonferenzen. Und er hat mit dem BVB aus einem Mittelklasseteam eine Mannschaft geformt, die zeitweilig den wohl aufregendsten Fußball des Kontinents spielte. Auf Ähnliches hoffte auch der FC Liverpool, als Klopp im vergangenen Herbst auf die Insel kam. Dort wurde er mit großen Erwartungen empfangen, trotz des schlechten Abschneidens mit Dortmund in der Vorsaison, trotz einer stückweiten Entmystifizierung des einstigen Meistertrainers. "The Normal One" war da eigentlich gar nicht so verkehrt. Aber Klopps Idee von intensivem Fußball mit vielen Ballbesitzwechseln und schnellen Torabschlüssen passte einfach perfekt zur Premier League. Und Klopp mit seiner emotionalen Art noch viel mehr.

Doch es dauerte Monate, bis sich die meisten Spieler auf den neuen Spielrhythmus und die veränderten gruppentaktischen Abläufe eingestellt hatten. Dabei entstand in Liverpool eine erschreckend genaue Kopie des BVB aus den vergangenen Jahren. Mit allen Stärken und altbekannten Schwächen.

Das Positive zuerst: Liverpool agiert mittlerweile sehr effektiv im Gegenpressing. Nach Ballverlusten liefen die Spieler also nicht zurück, sondern jagten dem Spielgerät hinterher. Der Umbruch begann ab der ersten Minute. Direkt vom Start des neuen Trainers weg wirkten die Reds sehr aggressiv. Sie wussten, dass ihnen ihr neuer Trainer in Sachen Pressing und Gegenpressing viel abverlangen wird.

Der US-amerikanische Analyst Michael Caley arbeitete kürzlich heraus, dass die Reds das beste Gegenpressing aller Premier-League-Teams der vergangenen Jahre praktizieren. In über 55 Prozent der Fälle verlieren Liverpools Gegner nach Ballgewinnen im Mittelfeld das Spielgerät in den darauffolgenden sieben Sekunden wieder oder werden zum Einwurf gezwungen. Unter Rodgers lag diese Quote in den vergangenen Spielzeiten noch unter 50 Prozent. So weit, so gut. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Nordengländer torgefährlicher geworden sind. Sie generieren viele Schüsse, so viele wie nur wenige andere Mannschaften in Europa, bringen aber vergleichsweise wenig Zählbares auf die Anzeigetafel.

Das hat lediglich in Ansätzen mit dem Wörtchen "Pech" zu tun. Vielmehr feuern Klopps Spieler oftmals aus allen Rohren. Sein brasilianischer Kreativspieler Philippe Coutinho ist dafür berüchtigt, selbst aus den ungünstigsten Positionen zum Schuss anzusetzen – meist ohne eine realistische Aussicht auf Erfolg. Hinzu kommt die grundsätzliche Hektik, die in Klopps Spielstil gewissermaßen angelegt ist. Viele Ballbesitz- und Richtungswechsel erzeugen Unruhe und können zu unbedachten Entscheidungen führen, was sich zum Beispiel bei der Wahl zwischen Pass und Torabschluss niederschlägt.

Immerhin klappte die nicht ganz unwichtige Sache mit den Toren in den vergangenen Wochen merklich besser. Das hatte allerdings weniger mit Taktik zu tun als mit der Rückkehr des Mittelstürmers Daniel Sturridge. Der englische Nationalspieler war lange verletzt. Mit ihm stieg die Anzahl an erwartbaren Toren, auch Expected Goals Model genannt, auf 2,07 pro Partie. Vorher lag sie noch bei 1,49 seit Klopps Amtsübername.