Als das Spiel zu Ende war und die Liverpooler Fans sich die heiseren Kehlen noch viel heiserer sangen, blickte Jürgen Klopp ungläubig ins Publikum. Er hielt sich die Hand vor den Mund. Eine Geste, wie man sie macht, wenn man vom eigenen Lottogewinn erfährt. Seine Spieler feierten auf dem Rasen eine der aufregendsten Aufholjagden der Europokalgeschichte und alles an Jürgen Klopp fragte: Könnt ihr mir erklären, was hier gerade passiert ist?

Eine sehr gute Frage war das. Es war die Frage des Abends, die nach diesem 4:3 viele nicht beantworten konnten. Nach diesem Extremfußballspiel, das einer Fahrt mit der Wilden Maus gleicht, bei der der Schausteller eingeschlafen ist. Hoch und runter ging es, hin und her, ohne Pause und wieder von vorn. Von 0:2 zu 1:3 zu 4:3. Und als ob der Spielverlauf nicht außergewöhnlich genug wäre: Trainer Klopp wirft seinen Ex-Club raus. In einem der altehrwürdigsten Stadien der Welt. Nach einem beinahe aussichtslosen Rückstand. Mit einem Tor in der Nachspielzeit. Ziemlich viel Kitsch auf einmal. Aber für solche Spiele wurde einst der Fußball erfunden.

"Wenn sie eine Erklärung erwarten, muss ich Sie wohl enttäuschen", sagte Thomas Tuchel nach dem Spiel. Er wirkte ausgeknockt, auch rhetorisch. Als er Englisch sprach, redete er von Soccer statt Football, ein kurzes Zucken bei den britischen Journalisten.

Dortmund hatte die feineren Fußballer, Liverpool die größeren Gefühle

Ist aber alles entschuldigt, schließlich musste er seine bisher größte Niederlage mit dem BVB verarbeiten. Sie war schlimmer als das 1:5 in der Bundesliga-Hinrunde bei den Bayern, weil der BVB das Spiel in Liverpool nie und nimmer hätte verlieren dürfen. Er war in der Theorie seinem Gegner überlegen, technisch, auch taktisch. Dortmund hatte die feineren Fußballer, aber Liverpool die größeren Gefühle.

Vielleicht ist das die Erklärung. Die meisten Fußballtrainer wollen Kontrolle über das Spiel, wollen Sicherheit. Jürgen Klopp nicht. Er möchte, dass das Spiel eskaliert. Damit schafft er es, eine talentiertere gegnerische Mannschaft auf sein Niveau herunterzuziehen. Er nimmt mit seinem Vollgasfußball eigene Fehler in Kauf, solange der Gegner, durch die ihm aufgedrückte Hektik, noch mehr Fehler macht. Der BVB hat ihm diesen Gefallen getan. Tuchels Team, das unter seinem neuen Trainer ironischerweise mehr Wert auf Ballkontrolle und Dominanz legt, gab den Ball in der entscheidenden Phase viel zu schnell wieder her.

Kampf, Leidenschaft, Grasfressen

Die Teams von Jürgen Klopp können so selbst die augenscheinlichsten fußballerischen Defizite ausgleichen, weil das Spiel ein Stadium erreicht, in dem es nicht mehr um Formationen, Abstände und zu besetzende Räume geht, sondern um die archaischsten Elemente des Fußballs: Kampf, Leidenschaft, Grasfressen. Einer Klopp-Mannschaft, noch dazu einer englischen Klopp-Mannschaft, macht in diesen Kategorien niemand etwas vor.

Dabei hatte alles so gut begonnen für den BVB. Dortmund führte nach neun Minuten 2:0, zwei Bilderbuchkonter, abgeschlossen durch Mchitarjan und Aubameyang. Ein Start, der die Temperatur im überhitzten Anfield erst einmal ein paar Grad senkte. Liverpool hätte jetzt drei Tore benötigt, um weiterzukommen, da brauchte es schon viel Optimismus. Nach dem 2:1, das Liverpool kurz hoffen und Anfield roaren ließ, machte der BVB schnell das 3:1, Reus nach sehr feinem Pass von Mats Hummels. Ein Treffer, bei dem man aber auch sah, dass Klopps Mannschaften das Verteidigen nicht erfunden haben. Wieder drei Tore, damit war die Sache eigentlich durch. Dachten fast alle.

Die Harakiri-Taktik ging auf

"Das ist der Moment im Fußball und im Leben, in dem du Charakter zeigen musst", sagte Jürgen Klopp später. "Die Jungs haben das gemacht und es war ziemlich cool anzusehen." Vor allem ging seine Mannschaft ein beinahe unwirkliches Risiko ein. Mit Umstellungen und Einwechslungen schickte Klopp seine Leute einfach im Pulk in die Dortmunder Hälfte und betete zum Fußballgott, dass hinten schon nichts passieren werde. Und wenn, dann ist es auch egal. Die Harakiri-Taktik ging auf. Der BVB konnte sich kaum noch befreien, hatte nicht einmal mehr Zeit zum Verschnaufen, weil auf einmal überall Rote standen. Dortmunds Stürmer mussten plötzlich im und am eigenen Strafraum verteidigen, was nur selten gutgeht.

Und dann waren da noch die Zuschauer. Es wird ja oft behauptet, die englische Fankultur sei tot. Kann schon sein, aber dann handelt es sich um einen sehr lauten Tod. Auch wenn sie kurz köstlich böse schimpften, wenn etwa ihr Kapitän James Milner mal wieder eine Ecke in Hüfthöhe in den Sechzehner brachte, feuerten die Fans ihm beim nächsten Versuch erneut an. Milner flankte in der 91. Minute zum entscheidenden 4:3 genau auf den Kopf von Innenverteidiger Dejan Lovren. Herrlich anzusehen dann der Jubel der Menschen, die hinter dem Tor sitzen. Das ist selbst im Fernsehen ein Erlebnis.

Alle vier Liverpool-Treffer fielen übrigens vor der berühmten Hintertortribüne, dem Kop. Vielleicht war die Seitenwahl ja mitverantwortlich für den Dortmunder Kontrollverlust. Wir schrieben gestern, das Stadion in Anfield könne Tore schießen. Ein wenig hat sich das an diesem Abend bewahrheitet. Eine These: Auf einem neutralen Platz wäre das Spiel anders ausgegangen.

"Was die Fans gezeigt haben, ist einmalig. Jeder einzelne im Stadion hat daran geglaubt, das ist krank. Keine Ahnung, ob es dafür ein Wort gibt", sagte Liverpools deutscher Nationalspieler Emre Can, der ebenfalls einen einmaligen Abend erwischte. Sein doppelter Doppelpass samt Durchstecker zu Origi vor dem 2:1 war der schönste Spielzug der Partie und Beginn der Aufholjagd.

Immerhin: Der BVB war Teil einer historischen Europapokalnacht. Die Liverpool-Fans, die noch Stunden nach dem Spiel in nach Bier und Schweiß und allerlei anderen Ausdünstungen riechenden Kneipen so laut den Sieg und Jürgen Klopp feierten, dass man es bis weit hinaus auf die düsteren Straßen von Anfield hörte, werden von diesem Abend ihren Enkeln erzählen. Dortmund wird in diesen Erzählungen auch vorkommen. Zwar als unglücklicher Teil, aber immerhin.