In den Momenten, die seine größten hätten werden können, tigerte Diego Simeone hinter seinem Team entlang. Elfmeterschießen im Finale, alle hatten sich eingehakt, nur der Trainer von Atlético grub die Hände tief in die Taschen und schritt langsam auf und ab. Wie eine Eule ruckte sein Kopf vom Boden zum Elfmeterpunkt und zurück. Als würde ihn all das nichts angehen. Wahrscheinlich vertiefte er sich schon in die Spielanalyse. Er hätte für seinen Club endgültig zur Legende werden können.

Ein paar Sekunden später verschoss Juanfran seinen Elfmeter. Cristiano Ronaldo setzte danach seinen Schuss ins Netz, Real hat wieder gewonnen, 6:4 nach Elfmeterschießen und natürlich musste Ronaldo sich das Trikot vom Oberkörper reißen und brüllen, als wäre ihm soeben die Lösung für den Welthunger eingefallen. Es war zwar der entscheidende Elfer, aber bis dahin war Ronaldo wie schon im Finale zwei Jahre zuvor nur eine Randfigur. Er trug sogar eine Mitschuld am zwischenzeitlichen Ausgleich Atléticos, weil er direkt vor des Gegners Tor einen unnötigen Haken schlug und damit den Konter einleitete.

Atlético litt. Und mit ihnen ein Großteil der Fußballwelt. Der Außenseiter scheiterte zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren im Champions-League-Finale, dem größten Spiel, das ein Vereinsspieler gewinnen kann. Zum zweiten Mal am reichen Schnösel aus der eigenen Stadt. Vor zwei Jahren fehlten nur ein paar Sekunden in der Nachspielzeit. Dieses Mal wenige Zentimeter. Atlético hat an diesem Abend seinen Ruf manifestiert, ein Club der Tränen zu sein. Bei ihnen ist das Leid zu Hause.

Die meisten neutralen Fans schlugen sich auch deshalb auf die Seite Atléticos, weil Real gleich mehrere Spieler beschäftigt, die Ronaldo an überkandideltem Gestus in nichts nachstehen: Die Innenverteidiger Pepe und Sergio Ramos maulten und grätschten in Mailand wie auch sonst an der Grenze des Erlaubten. Auch Marcelo darf sich nicht beschweren, wenn man ihm ein Talent als Schauspieler attestiert. Das 1:0 für Real war zudem ein Abseitstor. In der Halbzeit zeigt ein Atlético-Fan den Journalisten die Zeitlupe auf seinem Smartphone: "You have to tell this the world. It's impossible." Niemand leidet so mitreißend wie die Anhänger von Atlético Madrid.

Wenig Kunst, viel Krampf

Auch Atlético ist keine Mannschaft, der sofort die Herzen zufliegen. Dafür spielte sie selbst oft zu ruppig, fast dreckig. Ihr Trainer Diego Simeone kennt selbst alle fiesen Tricks und steht manchmal schneller als der Schiedsrichter am Ort des Geschehens. Einmal in dieser Saison ließ er einen Ball absichtlich ins Feld werfen, um den Gegner am Kontern zu hindern. Gemessen an seinen gewöhnlichen Eskapaden blieb er an diesem Finalabend aber auffällig zahm. Er entschuldigt sich am Ende bei den Fans, die Eintritt zahlen. "Für die fühle ich mich verantwortlich." Er gratulierte Real, war verliebt in sein eigenes Team und sprach über das Spiel so, als ob es schon einige Wochen her sei. Er war ein großer Verlierer, vielleicht der größte, den ein solches Finale je gesehen hat.

Es war kein Hochglanzspiel. Jedenfalls keines, von dem man wegen seiner Spielkunst noch in Jahren schwärmen wird. Es war hartes Arbeiten, ziehen, kontern und treten in mehr als 120 Minuten im Mailänder Fußballtempel. Aber vielleicht war es das letzte Mal, dass Atlético auf dem Weg nach oben zurückgeworfen wird.

Wenn man schon Barcelona und Bayern schlägt

Noch nie hat Atlético die Champions League gewonnen. Schon im Finale vor zwei Jahren ertrug der Club mit dem Arbeiterimage die fürchterliche Niederlage mit Stolz. Es fiel schwer, sich vorzustellen, dass sich dieses Schicksal wiederholt. Atlético hatte in dieser Saison im Viertelfinale Barcelona niedergerungen. Im Halbfinale dem Dauerdruck des FC Bayern standgehalten. Zwar war es nicht besonders schön, was Atlético aufs Feld ätzte, aber effektiv. Sie gingen in dieses Finale und hatten eigentlich schon zwei Endspiele gegen die beiden spielstärksten Teams der Welt gewonnen.