Die moderne Kulturgeschichte des spanischen Fußballs beginnt mit einem "No". Nein, denkt der Jugendnationaltrainer Iñaki Sáez, als er vom Vorhaben des Verbandes erfährt. Sáez ist ein umgänglicher Mann, 53 Jahre alt schon zu diesem Zeitpunkt, ganz sicher kein Aufwiegler oder Revoluzzer. Aber das geht nun wirklich nicht. Es ist 1996, er hat gerade die U-21 seines Landes übernommen, ein talentierter Haufen, wie er findet, aber nun will der Verband, dass nur noch groß gewachsene, physisch starke Fußballer nominiert werden, um die englische Spielweise zu kopieren.

England hat Spanien wenige Wochen zuvor bei der Europameisterschaft besiegt, im Elfmeterschießen zwar, aber das ist am Ende egal. Die Selección war mal wieder früh aus einem großen Turnier ausgeschieden, und in Madrid glaubt man, die englische Art zu spielen, werde die Zukunft sein. Lange Pässe, weite Pässe, Kick-and-Rush. Saez glaubt das nicht. In seiner Mannschaft hat er viele kleine, schmächtige Burschen, die alle mit dem Ball umgehen können. Technisch und taktisch sind sie hervorragend ausgebildet. Einer ragt ganz besonders heraus. Xavier Hernández i Creus, kurz Xavi. Was soll nur aus dem werden, wenn wir jetzt den Ball nur noch nach vorne bolzen, denkt Sáez.

Er beschließt, die Anweisung einfach zu ignorieren. Und hat Erfolg. Zwei Jahre später gewinnt Spanien die U-21-WM. Mit Xavi. Ohne Kick-and-Rush. Und, nicht ganz unwichtig: mit einem eigenen Stil. Auf Ballbesitz basierender Kurzpassfußball, Positionsspiel genannt. Es ist der Beginn eines langjährigen Prozesses, der sich von den Nationalmannschaften über die Clubs erstreckt und Spaniens Primera División schließlich zu dem macht, was sie heute ist: die sportlich beste Fußballliga der Welt.

16 von 32 möglichen Europapokaltiteln in diesem Jahrtausend

Englands Premier League mag die finanzkräftigste sein, die Bundesliga die am besten organisierte mit den meisten Zuschauern, aber unter  fußballerischen Gesichtspunkten liegt die Primera División vorn. Deutlich sogar. Zahlen und die Fünfjahreswertung des europäischen Verbandes Uefa belegen das. In den vergangenen drei Jahren haben nur noch Clubs aus Spanien die Europapokalwettbewerbe gewonnen, das Champions-League-Finale zwischen Real und Atlético Madrid ist das zweite innerspanische in diesem Zeitraum. Am späten Samstagabend, wenn der Sieger feststeht, werden spanische Clubs 16 von 32 möglichen Europapokaltiteln in diesem Jahrtausend geholt haben. Genau die Hälfte also.

In Anbetracht dessen, dass die Uefa 55 Mitglieder umfasst und die zweiterfolgreichste Liga die englische Premier League mit nur fünf Titeln in diesem Zeitraum ist, erscheint die spanische Dominanz noch erdrückender. Bevor die deutsche Nationalmannschaft 2014 in Rio Weltmeister wurde, gingen die drei großen Turniere davor alle an die Selección. Spanien ist die dominierende Fußballnation der Gegenwart.

Dabei dauerte es viele Jahre, ehe der spanische Fußball zu sich selbst fand. Anfang der fünfziger Jahre untersagte der Diktator Franco das technische Spiel, indem er seine Begeisterung für einen körperlich robusten Stil kundtat und diesen der Nationalmannschaft empfahl. Franco glaubte, dass auf diese Weise die Kampfkraft der Iberer am besten zur Geltung komme. "Fußball sollte gespielt werden, als wenn der Platz ein Schlachtfeld und die Spieler Soldaten wären", schreibt der Autor Jimmy Burns über diese Zeit.

Orientiert wurde sich an Athletic Bilbao, dem Club der Basken, der wegen seiner englischen Wurzeln seit jeher physisch spielte. Franco überging dabei den Fakt, dass die meisten Spanier aber nicht so groß und robust wie Basken sind, was eine große Gruppe von Fußballern als potenzielle Nationalspieler verhinderte. Abgesehen vom Gewinn der Europameisterschaft 1964 blieb die Nationalmannschaft mit diesem Stil auch erfolglos.