Es gibt verschiedene Erzählweisen, wo der Eishockeysport entstanden ist. Manche sagen, Franzosen und Iren hätten schon im 18. Jahrhundert die wilde Hatz auf dem Eis erfunden. Der Kanadier widerspricht dem, natürlich tut er das. Er behauptet: Im 19. Jahrhundert waren es kanadische Männer, die als erste mit selbstgebastelten Schlägern über zugefrorene Seen in Ontario rasten, und sich bestimmt in den Pausen zünftig, aber herzlich prügelten.

Dass die Gründungsgeschichte des Sports Kanadiern besonders wichtig ist, hat auch einen aktuellen Grund: In der NHL, der nordamerikanischen und weltweit mit großem Abstand besten Eishockeyliga der Welt, wird seit Wochen in den Play-offs der Meister ermittelt – und kein kanadisches Team mischt mit. Keiner da aus Kanada. Das erste Mal seit 46 Jahren hatte sich keines der mittlerweile sieben Teams nördlich der US-Grenze für die Finalrunde qualifiziert. Für das Land ist das eine schmerzhafte Angelegenheit, für die Seele und für das Portemonnaie.

"Nur noch Murks"

Weh tut es auch Jordan. Er ist 26, spielt Eishockey in Calgary und kommt ursprünglich aus Stettler, einer Kleinstadt, die sich zwischen den Hockeymetropolen Calgary und Edmonton in die Provinz gräbt. Wie fast jeder Kanadier liebt er seinen Nationalsport. Zurzeit ist der Student richtig sauer: "Unser Stolz ist verletzt", sagt er. "Wir haben die besten Spieler, doch unsere Teams sind schlecht." Die Meisterschaft eines kanadischen Teams hat Jordan bewusst noch nicht erlebt. Den letzten Titel, der in den Norden ging, errangen die Montreal Canadiens 1993. Das ist so schwerwiegend, wie wenn England, Mutterland des Fußballs, seit 1966 keinen WM-Titel mehr gewonnen hätte.

Wie sehr die Erfolglosigkeit am kanadischen Nationalstolz kratzt, zeigte sich 2011. Die Vancouver Canucks verloren das Meisterschaftsfinale um den Stanley-Cup, und die eigentlich aufgeklärten und friedfertigen Ahornblätter zogen marodierend wie ein Haufen mitteleuropäischer Hooligans durch die kanadische Olympiastadt.

Warum die kanadischen Teams seit Ewigkeiten keinen Ligatitel mehr gewinnen konnten, ist kompliziert. Ein Großteil der besten Spieler kommt immer noch aus Kanada, die Nationalmannschaft gewann 2010 und 2014 Olympia-Gold. Doch die Quote der Kanadier in der Liga sinkt. 1991 besaßen noch 72 Prozent aller Spieler einen kanadischen Pass, vor einem Jahr waren es nur noch 49,7 Prozent. Das erste Mal in 98 Jahren sind die Nicht-Kanadier in der Überzahl. Für die ernste Lage der kanadischen Teams spielen die Nationalitäten der Spieler allerdings kaum eine Rolle, vielmehr ist es die Organisation des Spielbetriebs.

So etwas wie Blasphemie

Wie in den anderen US-Sportarten werden die besten Talente in einer Draft ausgewählt. Die in der Vorsaison schlechtesten Teams dürfen sich zuerst bedienen. Zudem gewährt die feste Gehaltsobergrenze, der Salary Cap, in der Liga unabhängig von der Finanzkraft der Teams annähernde Chancengleichheit. Die Toronto Maple Leafs und die Montreal Canadiens können trotz ihres milliardenschwären Markenwerts kaum Stars anlocken, da die US-Konkurrenz ähnlich zahlt. Das stört auch Jordan, dem Jungen aus der Hockey-Basis: "Es ist schade, dass die besten Spieler in den USA spielen. Aber das liegt daran, dass andere Teams bessere Talente finden."

Die diesjährigen Play-offs sind für die Kanadier aber nicht nur wegen der eigenen Abstinenz schwierig. Nicht nur die fehlenden, sondern auch die teilnehmenden Teams sorgen für runzelnde Stirnen und den Extraklecks Frusttrationsahornsirup auf den Pancakes. Mit den Florida Panthers aus Miami, den Tampa Bay Lightning (beide Florida), den San Jose Sharks, den Los Angeles Kings, den Anaheim Ducks (alle Kalifornien), den Dallas Stars (Texas) sowie den Nashville Predators (Tennessee) und St. Louis Blues (Missouri) sind die Playoffs ein Tête-à-Tête von Mannschafen, die man eher mit Beachpolo und Daiquiries als mit Eishockey und Bier verbindet. Aus Sicht des Kanadiers so etwas wie Blasphemie.

Doch der Erfolg dieser Teams ist für Experten der Sportarten kein Zufall. Die religiös gelebte Verehrung des Sports mit dem Heiland Wayne Gretzky und die unstillbare Sehnsucht nach erfolgreichem Hockey treibt die kanadischen Verantwortlichen in eine Sackgasse: "Die Dringlichkeit, zu gewinnen, wegen der Leidenschaft der Fans immer wettbewerbsfähig sein zu müssen, macht es nicht einfach, langfristig etwas aufzubauen. Die Spieler wachsen nicht in ein System hinein, alles muss schnell gehen. Die Fans behaupten, sie seien geduldig. Aber Geduld bedeutet für uns Kanadier genau ein Jahr", sagte etwa Dany Dube, der 1994 als Assistenztrainer mit Kanada Olympia-Gold und Lillehammer holte.