Noch vor ein paar Tagen sah es traurig um das deutsche Eishockey aus. Trotz einiger Stars, einem neuen Trainer und vielen Hoffnungen war der Start in die Weltmeisterschaft in Frankreich missglückt. Einer Niederlage gegen Außenseiter Frankreich folgte eine Klatsche gegen Finnland. Im dritten Spiel gegen die Slowakei spielte die Mannschaft wieder harmlos und lag hinten. Eine Niederlage wäre das fast sichere Vorrundenaus gewesen. Doch es kam anders.

Christian Ehrhoff, einer der Stars aus Nordamerika, hatte genug gesehen. Wie ein Rammbock nahm er Schwung, rannte von Tor zu Tor allein an, den Kopf nach vorne gestreckt, die Beine wendig, schnell. Ein Tor sprang dabei nicht heraus, aber seine Teamkollegen schienen inspiriert. Es war der berühmte Ruck, der durch die Mannschaft ging, Deutschland gewann 5:1. 

Seitdem ist in St. Petersburg viel Gutes passiert. Gegen Kanada war Deutschland 45 von 60 Minuten dabei, der kanadischen Volksseele die nächste Kerbe zuzufügen. Gegen Belarus und die USA gab es Siege, gegen Ungarn auch. Dritter Platz in der Achter-Vorrundengruppe, nach fünf Jahren wieder Viertelfinale. Nun das größtmögliche Viertelfinal-Duell mit Russland vor 12.000 Zuschauern im Moskauer Eispalast (Donnerstag, 19.15 Uhr). Das ist fast besser als, Obacht!, ehrhofft.

Der Jürgen Klinsmann des Eishockeys

Wie sehr die deutsche Eishockeymannschaft begeistert, lässt sich an vielen Dingen ablesen. Die Einschaltquoten des Sexy-Sportclips- und Phrasenschweinsenders Sport1 steigen selbst gegen Hockey-Entwicklungsländer wie Ungarn, was auch an den leidenschaftlichen Übertragungen liegt. Und manche Fans sind so euphorisch, dass sie Vergleiche zu den Handballern ziehen. Die wurden in Polen sensationell Europameister. Der deutsche Eishockeyfan träumt wieder.

Der Hauptgrund für den Aufstieg ist der Jürgen Klinsmann der deutschen Puckjäger: der Cheftrainer Marco Sturm. Der war zu Beginn des Jahrzehnts der größte deutsche Stürmerstar, lebte in Kalifornien und war Vorbild einer gesamten Hockeygeneration in Deutschland. Noch heute lebt der 37-Jährige, wenn er nicht gerade an der Bande steht, in Florida. Und wie bei Klinsmann ist die Nationalmannschaft seine erste große Trainerstation.

Sturms wichtigste Eigenschaft als Trainer ist sein Name, er ist Werbefigur und Uncle Sam. Hört sich nicht gut an, ist aber ein Glücksfall. Nach einer kräftezehrenden und blessurreichen Saison ist es nicht unüblich, dass viele Spieler für die jährliche Weltmeisterschaft absagen. Manche von ihnen beißen einfach nicht auf die Zähne, andere schieben Verletzungen oder private Gründe vor. In manchen Vorjahren gab es über 30 Absagen. Mehr als ein komplettes Team.

Spiele auf VHS-Kassette

Bei Sturm ist es anders, wer dieses Jahr absagte, hatte auch einen triftigen Grund. Für viele ist er ein Held aus dem Kinderzimmer, ein Mann, für dessen Auftritte in Nordamerika junge Männer und Frauen Fans der San Jose Sharks und Boston Bruins wurden, und  nachts aufstanden oder die Spiele auf VHS-Kassette aufnahmen. Sturm war, auch was die Nationalmannschaft betrifft, immer Vorbild: Wenn er verfügbar war, spielte er auch. 2006 half der Multimillionär so beim Aufstieg in die A-Gruppe, lief gegen die Eishockeynation Israel auf und nächtigte in einem Acht-Quadratmeter-Doppelzimmer in Amiens. Einem Marco Sturm sagt man nicht so einfach ab.

In Russland steht das nominell beste deutsche Team der vergangenen sechs Jahre auf dem Eis. Fünf NHL-Spieler, bis auf einige verletzte Verteidiger nahezu der erste Anzug der Deutschen Eishockey Liga DEL. Mit Leon Draisaitl und Tobias Rieder sind Jungstars aus Nordamerika dabei, mit Thomas Greiss einer der besten Torhüter der NHL-Saison und mit Ehrhoff ein Routinier, dem die Buffalo Sabres vor ein paar Jahren 40 Millionen für zehn Jahre zahlten, über die Hälfte davon in den ersten drei Vertragsjahren. Ein Superstarvertrag.