Jérôme Boateng ruuuutschte. Acht Meter, zehn, zwölf, bis er mit den Füßen voran aus dem Spielfeld glitt, von der Werbebande gebremst. Bis zum Himmel spritzte die Gischt seiner Spur auf dem triefnassen Rasen. Mit dieser halb spektakulären, halb ulkigen Aktion wollte er eine Lücke schließen, die sich in der Abwehr der Deutschen wieder mal aufgetan hatte.

Boateng stand beim EM-Test gegen die Slowakei im Mittelpunkt, aber weniger aus sportlichen Gründen. Überhaupt wurden weder die Fehler der Abwehr ein großes Thema noch der harmlose deutsche Angriff, dem bis auf einen Elfmetertreffer kein Tor gelang. Die deutsche Elf verlor, doch man sprach nicht darüber, was das für die Europameisterschaft bedeutet. Man sprach über die zwei Unwetter, die über sie hereingebrochen waren: den biblischen Regen und Alexander Gauland.

Als die Teams in die Pause gingen, entlud der Augsburger Himmel seinen schwarzen Schlund. Flut drängte sich an Flut, als wollte das Meer noch ein Meer gebären. Zuschauer flüchteten, auf der Pressetribüne hagelte es durchs Dach auf Expertenköpfe und Laptops. Der Schiedsrichter verlängerte die Pause um gut 20 Minuten, erwog gar einen Abbruch. Die Stadionregie nutze die Gelegenheit zu einem kreativen und kontextsensiblen Soundtrack:

Singing In the Rain
Thunderstruck
It's Raining Men
Ab in den Süden (der Sonne hinterher)
Die Wanne ist voll von Didi Hallervorden und Helga Feddersen

Als es doch weiterging, zeigte auch das Spiel eine heitere Attitüde. Pässe blieben im Wasser stecken. Spieler fielen hin, liefen ins Leere. Das spritzende Wasser, das Spieler und Ball verursachten, sah aus wie die Blasen in einem Comic, in denen lautmalerisch "Datsch" oder "Ditsch" steht. Auf den Rängen immer wieder Lacher.

Zweifel am Weltmeister

Auf Twitter folgten Gags über Wasserball und Marc-André der Regen. Joachim Löw sprach – und wir wollen es ihm als Wortwitz auslegen – vom stockenden Spielfluss. Er lächelte über die verwässerte Niederlage hinweg, obwohl immerhin die Trockenwertung einen Halbzeitstand von 1:2 ergab. Obwohl eigentlich keiner der vielen eingesetzten Ersatzspieler seine Chance auf ein EM-Ticket nutzte. Beide Keeper gar den Eindruck erweckten, die populäre Behauptung von der starken deutschen Torhüterschule könnte einer der vielen deutschen Fußballmythen sein.

Alle Sorgen und Fragen weggespült. Doch nach einer weiteren Niederlage und einer weiteren enttäuschenden Leistung bleiben Zweifel, ob der Weltmeister auch in Frankreich titelfähig ist. Ebenso kann die Debatte, die der AfD-Vizesprecher Gauland entfacht hat, eine Begleiterscheinung dieses Turniers werden. Er wurde in der Sonntagsausgabe der FAZ mit den Worten zitiert: "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut, aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben."

Die Aufregung war groß, viele fassten das als Beleidigung auf. Doch so einfach ist es nicht. Der Satz könnte streng genommen auch von einem Grünen-Politiker oder Flüchtlingshelfer stammen, der vor Rassismus warnt. Die Bedeutung kommt auf den Kontext an, den die FAZ allerdings nicht schildert.

Um Gauland zu verstehen, muss man sein Dementi beachten. Er habe lediglich deutlich machen wollen, "dass es viele Menschen gibt, die Fremde in ihrer Nachbarschaft nicht für ideal halten", sagte er in der Tagesschau. Das Phänomen Alltagsrassismus wird man schwer bestreiten können, doch hat er es völlig überzeichnet. Und er scheint sich an dem Problem zu laben. Beides typische Merkmale von ihm und seiner Partei der schlecht gelaunten Besserwisser. Beide wollen, dass Dinge in Deutschland scheitern.

Beistand für die Stürmer

Scheitern und Boateng passt natürlich nicht zusammen. Der Kerl aus Berlin ist der beste deutsche Abwehrspieler. Er erhielt viel Solidarität, doch Beistand haben eigentlich die Stürmer nötig, die gegen ihn Kopfball- und Laufduelle oder Zweikämpfe bestreiten. In Augsburg waren Boatengs Qualitäten zwar nicht oft gefragt, aber der Fan kennt sie aus anderen Spielen. Wäre er in dieser Saison eine Woche früher von seiner Verletzung genesen, hätte am Samstag wohl Bayern München die Champions League gewonnen. Im WM-Finale von Rio hielt er Messi auf.

Boateng hat alle Verteidigertugenden, also deutschen Tugenden. Er ist der Erbe der großen deutschen Abwehrspieler, deren Ahnenreihe lautet: Kohlmeyer, Schwarzenbeck, Kohler, Boateng. Oder um es mit in Gaulands Worten zu sagen: In der Feldherrenhalle des Fußballs stehen Werner, Hans-Georg, Jürgen, Jérôme nebeneinander.

Die AfD-Vorsitzende Frauke Petry erkannte sofort die Gefahr des Duells Gauland gegen Boateng für die AfD. Mit dem Fußball will sie sich nicht anlegen. Sie spürte, Boateng könnte ein zu großer Gegner für den Wicht Gauland sein, und entschuldigte sich. Das Dilemma, wie es die rechtsnationalen Wähler mit den multikulturellen deutschen Fußballern halten, hatte schon der Fall mit den Kinderbildern auf einer Schokoladenpackung gezeigt. Die Nationalelf ist beliebt und erfolgreich. Wobei andererseits die Frage, ob ein Weißer neben einem Schwarzen wohnen möchte, nicht daran hängen sollte, ob der Fußball spielt und Titel gewinnt.

"Jérôme, zieh neben uns ein!"

In Augsburg ging man lässig mit dem Thema um. Sami Khedira nannte Gauland unverschämt. Boateng selbst sagte: "Kann ich nur drüber lächeln. Ist traurig, dass so etwas heute noch vorkommt." In der Straßenbahn machten sich die Fans lustig über Gauland. Wie üblich war das Schlaaand-Ensemble da: der Studienrat im Özil-Trikot, der türkischstämmige Junge im Beşiktaş-Dress mit Deutschlandkappe, ein käsewadiger Odonkor. Grölen, Bier, Pocher, schwarz-rot-goldene Schminke – die ganze sorglose Besoffenheit, die oft belächelte, aber stets leichte und fröhliche Stimmung, die ein Spiel der Deutschen rahmt.

Einem Konservativen wie Gauland ist dieser Hedonismus zuwider. Noch ein Zitat von ihm: "Fußball und die jugendliche Musikkultur reichen offensichtlich als Ersatz für die fehlende Nationalsymbolik nicht aus. Deren Fehlen verstärkt die Bilderlosigkeit moderner Staatlichkeit und damit auch den Mangel an Geschichtsbewusstsein in unserer Gesellschaft." Das schrieb er vor 15 Jahren, noch CDU-Mitglied. Schon damals träumte er von einem Deutschland vergangener Zeiten, vielleicht denen von Bismarck oder Caspar David Friedrich, vielleicht auch denen von Kaiser Wilhelm.

In Augsburg zeigte sich das gegenwärtige Deutschland. "Die Nummer eins der Welt sind wir", sangen die Fans und huldigten ihrer Mannschaft, die erst von einem Muslim, Khedira, dann von einem Schwarzen, Boateng, als Kapitän angeführt wurde. Und ein AfD-Politiker, der für sich in Anspruch nimmt, fürs Volk zu sprechen, erhielt Antworten vom Volk. "Jérôme, zieh neben uns ein!", stand auf einem nassen Transparent, auf einem anderen: "Jérôme, sei mein Nachbar!"