Hummels hat aber auch Schwächen und gerade der FC Bayern müsste eigentlich den Kontrast zu den Abwehrspielern von Atlético Madrid erkannt haben. Die zeigten allesamt, wie man auf allerhöchstem Niveau verteidigt. Hummels fehlt es an dieser Geschwindigkeit und dieser Aggressivität im Zweikampf, mit schnellen Stürmern hält er nicht mit, gegen wendige Angreifer verliert er den Kontakt. 

Oft verlässt er den Raum, den ein Innenverteidiger halten sollte, und stiehlt Bälle weiter vorne. Klappt das, sieht es gut aus. Klappt es nicht, geraten die Mitspieler in Bedrängnis. Dortmund hat es oft erlebt, zum Beispiel beim Champions-League-Finale in Wembley. Bei wohl keinem anderen Verein sieht man Außenverteidiger oder andere Nicht-Zuständige so oft ins Zentrum eilen, um seine Lücke zu füllen.

Davon können auch die Münchner Nationalspieler ein Lied singen. Im EM-Halbfinale 2012 gegen Italien unterlief Hummels ein Fehler, den man einem Jugendkicker ankreiden würde. In der Folge kam Holger Badstuber zu spät gegen Mario Balotelli, den Schützen zum 0:1. Im WM-Finale 2014 schloss Jérôme Boateng das eine oder andere Mal das Hummels-Loch. Man muss nicht davon ausgehen, dass seine künftigen Mitspieler das vergessen haben.

Der Vereinswechsel wird zudem von Misstönen begleitet. Hummels nannte den Ad-hoc-Bescheid des BVB an seine Aktionäre eine "Drecksmitteilung". Er wird zudem der erste Bayern-Spieler sein, der Uli Hoeneß des Humbugs bezichtigte. Der hatte gesagt, Hummels habe beim FCB angeklopft. Unwahrscheinlich, dass Hoeneß das einfach so passierte. Aus seiner Aussage lassen sich eher Zweifel am neuen Spieler ablesen, sie diskreditierte Hummels. Jedenfalls musste Karl-Heinz Rummenigge schon Wogen glätten, bevor Hummels überhaupt in München ist.

Der FC Bayern hat sich womöglich verrechnet

In Konflikt geriet Hummels auch mit Thomas Tuchel, der ihn manchmal nicht aufstellte. Nach einer schwachen Vorsaison, der letzten unter Klopp, wurde Hummels dieses Jahr besser, auch weil er abnahm. Aber er macht nach wie vor Fehler, die zu Gegentoren führen, auch in dieser Rückrunde. Beim Spiel in München im Oktober verteidigte er nachlässig, am Ende hieß es 1:5. Nach der Schlappe äußerte er Kritik an Mitspielern, nicht zum ersten und letzten Mal. Nach dem Europa-League-Aus in Liverpool erhob sich der Kapitän rhetorisch über seine Mannschaft.

Nach dem, was man aus Dortmund hört, muss man sich Tuchel heute nicht als einen traurigen Menschen vorstellen. Der Verkauf von Hummels kommt ihm offenbar nicht nur gelegen, er ist sogar eine große Chance für ihn. Ohnehin will er die Mannschaft, die nun immerhin seit vier Jahren keinen Titel mehr gewann, verjüngen. Mit 38 Millionen Euro geht das leichter. Man hatte zuletzt den Eindruck, dass es dem Geschäftsführer Aki Watzke vor allem darum ging, einen hohen Preis rauszuholen, und nicht darum, Hummels zu halten.

Heute jubeln die Bayernfans, die Schwarz-Gelben schauen geknickt. Doch vielleicht kommt alles ganz anders. Vielleicht stellt sich der BVB als Sieger heraus und der FC Bayern hat sich verrechnet.